Kreative kämpfen um jeden Cent

Stuttgart/Südwesten  Punkrock-Alben, Weltreise-Romane und Theatertourneen kosten Geld. Für Kulturschaffende gilt Crowdfunding als Segen. Doch die Finanzierung durch die Gemeinschaft ist kein Selbstläufer. Im Südwesten sind vor allem Musikprojekte beliebt.

Von Larissa Schwedes, dpa
Email
Gründer Petzold (r) im Gemeinschaftsgarten. Foto: Larissa Schwedes/Archiv

Stuttgart steht in vielen Köpfen für dreckige Autos und Kehrwoche, nicht für Urban Gardening und freies Experimentaltheater. Umso wichtiger, dass die „Kulturinsel“ als Areal für Alternatives erhalten bleibt - meint Gründer Joachim Petzold und sammelt seit zwei Monaten per Crowdfunding Geld für sein Projekt. „Gibt es in Stuttgart in 20 Jahren noch günstige Räume, in denen Kreatives entstehen kann?“, fragt sich der Gründer. „Das wäre mein Traum.“

Seit 2012 lockt die Kulturinsel die Kreativen der Schwabenmetropole auf das Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs: Bands und DJs geben Konzerte, Anwohner treffen sich zum Gärtnern und Schauspieler zur Theaterprobe. Mit seinem Club Zollamt finanzierte Petzold sein Herzensprojekt quer, nach der Schließung des Clubs fehlt der Kulturinsel Geld. Damit das Angebot nicht verkleinert werden muss, muss das Loch gestopft werden. Für den Übergang soll die Lösung Crowdfunding heißen.

Seit 2010 allein auf Startnext im Südwesten 400 Projekte realisiert worden

Der in Zeiten des Internets geprägte Begriff heißt: Projekte sammeln kleine und große Geldbeträge von Bekannten, Begeisterten und anderen Unterstützern. Das geschieht auf kommerziellen oder gemeinnützigen Online-Plattformen. Seit 2010 sind allein auf der bekannten Plattform Startnext im Südwesten 400 Projekte realisiert worden.

Bei Startnext sind 70 Prozent der erfolgreichen Fundings Kulturprojekte. Durch zahlungsfreudige Freiwillige gehen Künstler auf Tourneen, nehmen Alben auf oder erschaffen Theaterstücke. Seit 2013 sind laut einer aktuellen Studie der EU-Kommission zu Crowdfunding im Kultur- und Kreativsektor 75 000 Kampagnen gelaufen. Erfolgreich war jedoch nur knapp die Hälfte der Projekte, die anderen blieben unter ihrer angestrebten Summe.

Das Prinzip: Ganz oder gar nicht

Diese Summe spielt eine sehr wichtige Rolle, denn beim Crowdfunding lautet das Prinzip: ganz oder gar nicht. Bleibt ein Projekt unter seinem Zielbetrag, gilt die Kampagne als gescheitert und alle Unterstützer bekommen ihr Geld zurück. Bei manchen Projekten macht das Sinn, weil etwa Produktionskosten für ein Album nicht gedeckt werden können, bei anderen würde jeder Euro helfen. Anna Theil von Startnext sieht das Prinzip jedoch als Schutzfunktion - sowohl für die Initiatoren wie auch die Unterstützer. „So beugt man Selbstausbeutung vor und sichert Qualität. Außerdem ist das Risiko für die Verantwortlichen kleiner“, erklärt Theil.

Erfolgreiche Kampagnen brauchen viel Zeit, da sind sich alle Experten einig. „Das Geld sammelt sich nicht im Schlaf. Man muss sich immer etwas Neues ausdenken, wie man die Leute zum Zahlen bringt“, sagt Corinna Groß von der Kulturinsel. Auch Theil bestätigt: „Man sollte nicht unbedingt eine Kampagne starten und dann erstmal in den Urlaub fahren.“

 

Crowdfunding im Kulturbereich
Gründer Joachim Petzold (l-r) und die Mitarbeiterinnen Christine Schneider und Corinna Groß sitzen am 26.10.2017 im Gemeinschaftsgarten des Kulturprojekts Kulturinsel Stuttgart in Stuttgart Bad Cannstatt (Baden-Württemberg). Das Team sammelt mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne Geld für den Erhalt des Kulturareals auf dem Gelände eines alten Güterbahnhofs in Bad Cannstatt. (zu dpa "Crowdfunding im Kulturbereich" vom 31.10.2017) Foto: Larissa Schwedes/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

 

Projektvideo gilt als Muss

Ein Projektvideo gilt als Muss, aber auch offline muss die Werbetrommel gerührt werden. Für die Kulturinsel wurde in den vergangenen Tagen kräftig auf Hauspartys und Straßenmärschen getrommelt. Laut der EU-Studie unterschätzen viele Projektstarter diesen enormen Zeitaufwand und scheitern daran. Gerade im Kultursektor sind oft viele Ehrenamtliche im Einsatz, deren zeitliche Ressourcen begrenzt sind.

Außerdem steht und fällt der Erfolg einer Kampagne mit dem Netzwerk. Das ist Fluch und Segen zugleich: Nischenprojekte seien sehr erfolgreich, resümiert Theil, die beispielsweise vom Gelingen eines Projekts für Mittelalter-Musik überrascht war. Die EU-Studie sieht in dem Netzwerkgedanken jedoch auch ein Hindernis: Viele Kulturschaffende wollten nicht ihre Freunde und Familie zur Kasse bitten und entschieden sich deshalb gegen Crowdfunding.

Langfristig müssen andere Wege der Finanzierung gefunden werden

Dass die Stuttgarter Kulturinsel ihre Nachbarschaft und Gäste zur Kasse bittet, hält auch Petzold für eine „Notlösung“. Langfristig müssten andere Wege der Finanzierung - beispielsweise durch öffentliche Gelder oder Sponsoren - gefunden werden. Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie, um die Zukunft des Areals zu sichern. Wenige Tage vor dem Stichtag läuft Petzold durch Beete aus Europaletten, der Gemeinschaftsgarten „Inselgrün“ ist sein Lieblingsplatz auf der Insel.

Auf den letzten Metern des Kulturinsel-Crowdfundings fehlten noch ein paar Tausend Euro, der Ausgang der Kampagne blieb bis zuletzt spannend. Doch Petzold kämpft, dass seine bunte Oase nicht schrumpfen muss - notfalls auch über das Crowdfunding hinaus.

Kultur-Crowdfunding auch im Südwesten beliebt - Erfolg bleibt oft aus

Crowdfunding-Kampagnen für Kulturprojekte boomen - der Erfolg bleibt jedoch oft aus. Laut einer aktuellen Studie der EU-Kommission hat seit 2013 nur knapp die Hälfte der Kampagnen aus dem Kultur- und Kreativsektor die angestrebten Summen eingesammelt. Viele unterschätzten den zeitlichen Aufwand einer erfolgreich geführten Kampagne, heißt es von den Autoren der Studie. Der in Zeiten des Internets geprägte Begriff Crowdfunding heißt: Projekte sammeln kleine und große Geldbeträge von Bekannten, Begeisterten und anderen Unterstützern. Das geschieht auf kommerziellen oder gemeinnützigen Online-Plattformen.

Auf der bekannten Plattform Startnext sind 70 Prozent der erfolgreichen Fundings Kulturprojekte. Auch im Südwesten ist die gemeinschaftliche Finanzierung beliebt: Von den seit 2010 insgesamt 5300 erfolgreich finanzierten Projekten stammen laut Angaben von Startnext rund 400 Projekte aus Baden-Württemberg. 100 davon sind Musikprojekte, in dieser Branche sei vor allem Stuttgart ein starker Standort.


Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.