Baden-Württemberg will Vorbild in Provenienzforschung werden

Stuttgart (dpa/lsw)  In den baden-württembergischen Museen lagern Kunstschätze aus vielen Jahrhunderten - und aus etlichen Ländern. Nicht immer ist geklärt, wem die Werke einst gehörten und wie sie ihren Weg in die Sammlungen fanden. Eine Datenbank soll einen Überblick verschaffen.

Von Martin Oversohl, dpa
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Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen)
Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen), Wissenschaftsministerin in Baden-Württemberg.

In der Diskussion um den Umgang mit Kolonialobjekten will Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle übernehmen und Daten zu Tausenden Werken über eine Online-Sammlung zur Verfügung stellen. «Wir warten nicht, bis die nächste Anfrage kommt», sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer der dpa. «Wir haben uns der Verantwortung zu stellen und Beiträge dazu zu leisten, dass wir wissen, was in unseren Museen ist und wie es dorthin gekommen ist.»

Die Datenbank des Linden-Museums in Stuttgart solle für die sogenannte Provenienzforschung online zugänglich sein, nach und nach würden sämtliche Sammlungsgegenstände des Hauses darin eingestellt. «Dadurch werden sie der internationalen Community zugänglich gemacht», sagte die Grünen-Ministerin.

Bei der Provenienzforschung versuchen Experten, die Herkunft der Ausstellungsstücke und Archivbestände ihrer Häuser zu klären. Ziel ist, die Kulturgüter, die nach heutigen Wertmaßstäben zu Unrecht erworben wurden, entweder zurückzugeben, aufzukaufen oder gemeinsame Kooperationen zu schließen. Dazu überprüfen die Experten in ihren Häusern vorhandene Informationen wie Eingangsdaten und die Preise, zu denen die Stücke eingekauft wurden. Eine mühsame Detektivarbeit, denn meist sind die Bilder oder Skulpturen durch mehrere Hände gegangen, wurden getauscht oder bei Auktionen verkauft.

Bauer kündigte an, auch künstliche Intelligenz einzusetzen und große Datenmengen analysieren zu lassen (Big Data), um Licht hinter die Biografien der Werke zu bringen. «Wir gehen das Thema aktiv an», zeigte sie sich optimistisch. «Das Bewusstsein wächst. Ich glaube, dass wir vorne dran sind.»

Zuletzt hatte vor einem Jahr die Rückgabe einer Peitsche und einer Bibel an Namibia für Aufsehen gesorgt. Die beiden Gegenstände gehörten einst Hendrik Witbooi, der seinerzeit den Aufstand der Nama gegen die deutschen Besatzer anführte. Witbooi wird heute als namibischer Nationalheld verehrt. Beide Objekte waren seit mehr als 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt worden. Baden-Württemberg hatte damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika zurückgegeben.

Aus der Rückgabe hätten sich weitere Kooperationen ergeben, sagte Bauer. «Nun arbeiten wir mit Archiven, Universitäten, mit Museen und im Schulbereich bei der Aufarbeitung der Schulbücher zusammen. Es gibt breit angelegte Kooperationen, die uns die Menschen in Namibia wirklich näherbringen.»

Die Rückgabe sei nicht «das Ende eines Kapitels, es ist der Anfang einer neuen Kooperation». Es seien weitere gemeinsame Projekte im Bereich Wissenschaft und Kultur aufgesetzt, um die Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten.

Eine weitere konkrete Rückgabe von Kulturgütern durch Baden-Württemberg stehe derzeit nicht an, sagte Bauer. Es lägen aber Anträge vor. «Ich glaube nicht, dass wir am Ende dieser Geschichte angekommen sind», sagte sie. Auch warte das Ministerium auf die Ergebnisse der Untersuchung zweier Schädel aus dem Naturkundemuseum Karlsruhe.

Allerdings sei eine Rückgabe nicht das einzige Instrument im Umgang mit Objekten aus kolonialer Vergangenheit. Kulturgüter könnten auch zurückgekauft oder gemeinsam präsentiert werden.

Vorbild für eine Datenbank zu Kolonialobjekten könnte die schon bestehende Online-Sammlung Lost Art des Bundes sein, in der Hunderte Gemälde verzeichnet sind, die vom Bund aufbewahrt werden. Unter anderem untersuchen die Kunsthalle Mannheim und das Badische Landesmuseum in Karlsruhe ihre Bestände systematisch nach NS-Raubkunst. Ziel des Projekts ist es, möglichst lückenlos die Besitzerwechsel aller vor 1946 entstandenen Kunstwerke zu klären.

Auch das Württembergische Landesmuseum hat mehrere Fundsachen in die Lost-Art-Datenbank eingestellt, darunter eine Münze, eine Astronomische Turmuhr aus Augsburg und einen Silberbecher der Metzgerzunft zu Esslingen. «Wir prüfen jedes Werk auf seine Provenienz, auch wenn wir es neu aus privatem Besitz oder einem Erbe erhalten haben», erklärt Katharina Küster-Heise, die am Museum die Bestände des älteren Kunsthandwerks von 1500 bis 1850 betreut und erforscht. «Deshalb wäre für uns eine Datenbank nach dem Vorbild von Lost Art und spezialisiert auf ethnologische Kulturgüter sicher eine Hilfe.»


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