Svenja Würth und ihre Reise zurück in die Zukunft

Ski nordisch  Die Skisprung-Weltmeisterin hat sich als Kombiniererin versucht und ihr blitzeblaues Wunder erlebt. Das Ziel war bei der Heim-WM 2021 in Oberstdorf ein Doppelstart. Die Erkenntnis des Experiments in Eisenerz lautet aber: "Beides zusammen wird schwierig."

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Aus dem Schatten ins Licht: Einst haben Frauen die Sprungschanzen erobert, jetzt logischerweise auch die Nordische Kombination.

Fotos: imago images/GEPA pictures/Sven Simon

Es ist viel wert in diesen Zeiten, wenn man zwei Standbeine hat, flexibel ist. Svenja Würth ist von Haus aus Zweikämpferin, begann mit sieben Jahren mit der Nordischen Kombination, war acht Jahre lang auf der Schanze und in der Loipe zu Hause. Karriere machte die heute 26-Jährige vom SV Baiersbronn aber als Skispringerin, wurde 2017 in Lahti Weltmeisterin mit der Mixed-Mannschaft - und machte im vergangenen Winter ein Experiment: eine Reise zurück in die Zukunft.

Die Vergangenheit flog immer mit. Im November 2017 sagte Svenja Würth im Stimme-Gespräch: "Ich schiele schon ein bisschen darauf, ob die Kombination für Frauen 2021 bei der WM mit dabei ist und es vielleicht sogar die Möglichkeit gibt, zweigleisig zu fahren." Ja, die Möglichkeit gibt es tatsächlich bei der Heim-WM in Oberstdorf. Und um diese theoretisch nutzen zu können, wählten die Sportlerin und der sie begleitende (Skisprung-)Bundestrainer Andreas Bauer kürzlich eine komplexe Versuchsanordnung.

Grandios gescheitert: "typischer Anfängerfehler"

Am Samstag, 22. Februar, wurde Svenja Würth im slowenischen Ljubno Vierte mit den Skispringerinnen im Team, am Sonntag, 23. Februar, ging sie im österreichischen Eisenerz bei einem Continental-Cup als Kombiniererin an den Start - womit ein doppelter WM-Start möglich geworden ist. Die Erkenntnis: "Beides zusammen wird schwierig", sagt Svenja Würth, die grandios gescheitert ist, von einem "typischen Anfängerfehler" spricht.

Erwartungsgemäß führte die in der Nähe von Rosenheim lebende Schwarzwälderin nach dem Springen, ging in der Loipe mit einem Vorsprung von 22 Sekunden auf die fünf Kilometer. Und ging "blitzeblau" wie sie sagt, musste völlig verausgabt aufgeben: "Ich bin viel zu schnell losgelaufen." Natürlich schnallt sich Svenja Würth nach wie vor regelmäßig die Langlauflatten an. "Ich habe auch keinerlei Probleme, lange zu laufen. Aber mein letztes Rennen ist halt zehn Jahre her." Im Rennen spielen Taktik und das die Beine schwer machende Laktat eine Rolle. Was heißt das für die WM? Sind Sie jetzt Skispringerin oder Kombiniererin, Frau Würth?

Der Winter, der kein Winter war

Svenja Würth und ihre Reise zurück in die Zukunft

Svenja Würth lacht ins Telefon und sagt: "Im Winter war ich Skispringerin." Es war ein komplizierter Winter, "weil der Winter kein Winter war". Und weil sich die Athletin nach einer schweren Verletzung schwer tat, im Weltcup Gesamtplatz 24 belegt hat. "Mit zweimal 80 Prozent gewinne ich in beiden Sportarten nichts. Man mag ja schon erfolgreich sein", sagt die Polizeibeamtin, die während der Bundesgartenschau in Heilbronn beim Promi-Biathlon von Würth mit dabei war und in diesen Tagen der Flexibilität eine Entscheidung getroffen hat. "Aber ich muss abwarten, bis es in den Trainersitzungen im April abgesprochen und offiziell wird."

Mit Andreas Bauer hat Svenja Würth so oder so einen Fürsprecher. Der Oberstdorfer, der im Dezember bei der Gala "Sportler des Jahres" vom Deutschen Olympischen Sportbund als "Trainer des Jahres" ausgezeichnet wurde, war acht Jahre lang Trainer in der Nordischen Kombination. Bauer weiß: "Man muss sich da auch im Training quälen können. Das ist eine Mentalitätsfrage." Svenja Würth hat sich nach einem Halswirbelbruch mit drohender Querschnittslähmung (2014) und einem Kreuzbandriss (2017) stets geduldig zurückgequält.

Fehleinschätzung: In der Loipe geht schon was

Im November hat Andreas Bauer Svenja Würths Chancen in der "noch sehr skisprunglastigen" Kombination als sehr hoch eingeschätzt: "Irgendwann wird das Leistungsniveau im Langlauf so ansteigen, dass man jede Woche professionell Ausdauertraining machen muss." Das ist schon jetzt so. Svenja Würths Erfahrung aus Eisenerz: "Österreich, Norwegen und Japan haben extrem viel investiert. Das Laufniveau ist enorm gestiegen." Gut so. Denn wie sagte einst die selbstbewusste junge Frau: "Wir können Skispringen, wir können Langlaufen. Warum sollten wir nicht beides können? Es ist an der Zeit." Ja, es ist an der Zeit für die Nordische Kombination der Frauen bei Weltmeisterschaften. Mal eben einen ambitionierten Doppelstart von Skispringerinnen wird es bei der WM allerdings nicht geben.

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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