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Hannover (dpa)
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Stimmen von Teresa Enke und Valentin Markser

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In einer Pressekonferenz des Fußball-Clubs Hannover 96 zum Selbstmord von Robert Enke gab seine Ehefrau Teresa Enke einen bewegenden Einblick in ihr Privatleben. Auch Valentin Markser, der behandelnde Arzt des Torwarts, sprach über den Freitod.

Teresa Enke, Frau des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke, in Hannover.
Teresa Enke, Frau des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke, in Hannover.

Teresa Enke sagte zum Selbstmord ihres Ehemanns Robert Enke (Auszüge):

«Wenn er akut depressiv war, dann war das schon eine schwere Zeit. Das ist klar, weil wenn ihm auch der Antrieb gefehlt hat und die Hoffnung auf baldige Besserung und weil natürlich auch die Schwere darin bestand, das Ganze nicht in die Öffentlichkeit hinaus zu tragen. Weil es sein ausdrücklicher Wunsch war, aus Angst seinen Sport, unser Privatleben und alles zu verlieren. Was natürlich im nachhinein Wahnsinn ist. Es kommt ja jetzt auch raus.

Aber die Zeit während der Depressionen, die war nicht einfacher. Wir haben das sozusagen durchgestanden, weil wir schon mal eine Zeit nach Istanbul und Barcelona durchgestanden haben und auch mit Doktor Marksers Hilfe und einfach soviel Hoffnung daraus gezogen haben, was wir alles schaffen können. Und auch nach Laras Tod, das hat uns einfach so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben, wir schaffen alles und mit Liebe geht das. Aber, man schafft es doch nicht immer.

Ich habe versucht, für ihn da zu sein, ihm Perspektiven und Hoffnung zu geben. Dass der Fußball nicht alles ist und dass es soviel schöne Dinge im Leben gibt, auf die man sich freuen kann und dass wir uns haben, dass wir Leila haben, dass wir Lara hatten. Das Wichtige war die Perspektive, dass es nichts Auswegloses gibt, dass es für alles eine Lösung gibt, wenn man zusammenhält und das haben wir gemacht. Ich war immer dabei. Ich bin mit zum Training gefahren die letzten Male und habe ihn immer begleitet.

Ja, ich wollte ihm einfach helfen, das durchzustehen und hatte auch immer gesagt, wir können auch andere Hilfe in Anspruch nehmen, wie die Klinik. Aber er wollte es nicht aus Angst, dass es rauskommt und auch aus Angst, dass man Leila verliert. Wenn man depressiv krank war, was sich herausgestellt hat. Ich hab auch schon mit dem Jugendamt telefoniert, es hätte für alles eine Lösung gegeben. Ja, es ist natürlich die Angst, was denken die Leute, wenn man ein Kind hat und der Papa ist depressiv. Aber ich hab ihm damals auch schon immer gesagt, das ist kein Problem. Die Leute, das sind alles Pädagogen und die wissen, dass es zu behandeln ist und der Robert sich liebevoll um Leila gekümmert hat, bis zum Schluss.

Der Fußball war alles, es war sein Leben, sein Lebenselixier, es war alles. Es hat ihm Halt und Kraft gegeben, die Mannschaft, als es ihm scheinbar ein bisschen besser ging, in dieser Phase, ist alles so schön wieder auch ein Teil der Mannschaft zu sein. Und das war auch damals in Barcelona, wo er da aussortiert wurde, wo er auch krank war. Da hat er dann auch gesagt, es ist so schön bei der Mannschaft zu sein, mit den Jungs Spaß zu haben. Das war für ihn, das Training war für ihn der Halt. Als er jeden Tag dahinfahren konnte, das war für ihn das Wichtigste in dieser Situation, das Training, die Mannschaft.»

Valentin Markser war der behandelnde Arzt von Robert Enke (Auszüge):

«Ich bin noch immer im Schock und bitte um Verständnis, dass ich nicht ganz frei rede, sondern mir ein paar Gedanken aufgeschrieben habe...

Den Robert Enke habe ich erstmals 2003 in meiner Praxis gehabt, als er wegen seines Betragens bei Barcelona und Istanbul unter Depressionen und Versagensängsten litt und sich dann bei mir mehrere Monate täglich behandeln ließ. Das stabilisierte sich nach einigen Monaten, so dass er, ich glaube schon im Frühjahr 2004, in Spanien und dann unmittelbar danach in Hannover, wie wir alle wissen, auch erfolgreich spielen und leben konnte. Dann hab ich Robert Enke wieder vor etwa sechs Wochen, Anfang Oktober, gesehen. Er rief mich an, weil er spätestens seit Sommer im Zusammenhang auch mit einer unklaren Infektion zunehmend in eine Krise geriet mit depressiven Verstimmungen, affektiven Einschränkungen und...

Es bestand ein sehr vertrauensvoller Kontakt, so dass er bei intensiver ambulanter und psychiatrischer Behandlung sehr kooperativ mitarbeitete, ein paar Mal in Köln war, mehrere Tage, sich sein Zustand besserte, stabilisierte, so dass er auch wieder ins Training zurückkehren konnte, was immer sein Wunsch war, und auch zwei Bundesligaspiele absolvieren konnte...

Vorschläge, sich in die stationäre Behandlung zu begeben, lehnte er ab, ebenso wie andere ambulante Behandlungen in der Stadt. Nach hergestellten Kontakten kam es nicht zur weiteren Aufnahme der Behandlung, weil er die Behandlung ablehnte. Noch am Tag des Selbstmordes telefonierte er mit dem Chefarzt seiner Klinik und sagte bis auf weiteres die stationäre Aufnahme ab, weil es ihm besser gehe...

Trotz intensiver ärztlicher Bemühungen und aufopfernder Unterstützungen der Angehörigen gelang es uns nicht, Robert Enke vor Selbstmord zu bewahren. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte er sich bei den Angehörigen und dem Behandler für die bewusste Täuschung über seinen seelischen Zustand der letzten Tage, der notwendig war, um seinen Selbstmordplan verwirklichen zu können. Eine Indikation aus meiner Sicht für die Zwangseinweisung bestand zu keinem Zeitpunkt, da sich Robert Enke stets von akuten Selbstmordgedanken glaubwürdig distanzierte, behandlungsmotiviert sich an die abgesprochenen Gesprächstermine gehalten hat....

Robert Enke wollte sein Privatleben schützen und nicht öffentlich machen. Und wir sollten dies auch nach seinem Tod respektieren und den Angehörigen Zeit geben, das Geschehene zu verarbeiten...

Wir standen uns sehr nahe. Und es war eine sehr engmaschige Betreuung unter Einfluss von Angehörigen täglich. Und wir haben letzten Endes diese Gefährdung nicht gemerkt und ich kann mir auch vorstellen, dass man natürlich was merkt, wenn man ihn gut kennt. Aber das Ausmaß konnte er gut verbergen. Er hatte bis zum Schluss die Veröffentlichung gescheut und das für eine zusätzliche Krise gehalten.»

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