Multikulti-Team: DTB-Turner mit exotischen Wurzeln
Dem Hallensprecher in der Londoner Arena wollte der Name nicht über die Lippen gehen. Fast brach er sich die Zunge, als er den Deutschen Marcel Nguyen ankündigen wollte.

Dabei durfte er von Glück sagen, dass er nur die Kurzform auszusprechen hatte, denn eigentlich heißt der junge Mann mit dem Bürstenschnitt Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen. Der Vater des 22-Jährigen aus der deutschen Turn-Riege bei den Weltmeisterschaften stammt aus Vietnam.
Auch die anderen beiden deutschen Finalisten der Turn-WM haben exotische Wurzeln. Kim Bui, die im Mehrkampf-Finale als einzige mit dem Bundesadler auf dem Trikot antritt, ist die Tochter eines Laoten und einer Vietnamesin. Matthias Fahrig, nach dem Ausfall von Vorturner Fabian Hambüchen die einzige Medaillen-Hoffnung, ist der erste schwarze Spitzenturner in den Reihen des Deutschen Turnerbundes (DTB). Sein Vater kam zu DDR-Zeiten der Arbeit wegen aus Kuba in die Nähe von Halle.
Alle drei deutschen Turnstars, die auch in drei Jahren bei den Olympischen Spielen die Riege in London anführen sollen, sind in Deutschland zur Welt gekommen. Kim Bui erblickte vor 20 Jahren im schwäbischen Ehningen das Licht der Welt, Fahrigs Wiege stand in Wittenberg, Nguyen ist echter Münchner. Er kam mit sieben Jahren über das Mutter-Kind-Turnen zu seiner heutigen Lieblingssportart, in der sich «seine asiatische Leichtbauweise» positiv auswirkt, wie Cheftrainer Andreas Hirsch gelegentlich bemerkt. Schon als früherer Nachwuchscoach war der Berliner von den Kraftwerten des schüchtern wirkenden Bayern überzeugt. Ähnlich verlief der Weg von Kim Bui. «Ich habe früher viel rumgetobt.» Deshalb habe sie die Mutter schon mit vier Jahren zur TG Tübingen mitgenommen.
Die heutige Generation des «Multi-Kulti-Teams» Deutschland unterscheidet sich damit maßgeblich von ihren Vorgängern. Nach der politischen Wende in Osteuropa hatten bereits zahlreiche Stars in Deutschland eine zweite Turn-Heimat gefunden. Waleri Belenki, der heutige Trainer von Marcel Nguyen in Stuttgart, Sergej Charkow, Sergej Pfeifer, Dmitri Nonin oder zuletzt Eugen Spiridonov lernten ihr Handwerk in der Talente-Schmiede Moskau und avancierten später zu Stützen der deutschen Riegen. Der Rumäne Marius Toba heuerte in Hannover an. Doch seit Ende der 90er Jahre setzen auch die Turner wieder stärker auf die Entwicklung eigener Talente.
Eine Ausnahme wurde für Olympiasiegerin Oksana Chusovitina gemacht. Da die Usbekin ihren an Leukämie erkrankten Sohn Alisher nur bei Professoren in Köln in guten medizinischen Händen wusste und die Rheinmetropole so zu ihrer zweiten Heimat wurde, erhielt die heute 34-Jährige nach einigen Mühen die deutsche Staatsbürgerschaft. Im Herbst ihrer Karriere verhalf sie den DTB-Frauen als neue Leitfigur in Peking zum ersten Olympia-Auftritt seit 16 Jahren. Wegen einer Bizeps-Operation konnte sie in London aber nicht an den Start gehen und kam als Cheftrainerin von Usbekistan zur WM.
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