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St. Gallen (dpa)
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Deutsche Floorballer «sympathisch unprofessionell»

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Floorball boomt weltweit. Nun scheint das schnelle Spiel mit dem gelochten Plastikball auch in Deutschland an Bedeutung zu gewinnen - wenngleich es bei der WM in der Schweiz noch nicht so rund lief. Die internationalen Funktionäre hoffen, dass der Sport olympisch wird.

Von Mathias Liebing, dpa
Floorball-Spielerin Sandra Dirksen (r) bei der WM in Aktion. Foto: Tim Fuhrmann
Floorball-Spielerin Sandra Dirksen (r) bei der WM in Aktion. Foto: Tim Fuhrmann

Die deutschen Floorballerinnen bekamen bei der WM in der Schweiz internationale Härte zu spüren. Als wäre Pauline Baumgarten wie beim Skispringen direkt nach dem Schanzentisch von einer Windböe erfasst worden, segelte die 17 Jahre alte Nationalspielerin mit rudernden Armen über die Bande, krachte auf drei verwaiste Stühle und von dort ungebremst gegen die Wand. Ein jähes Ende der deutschen Hoffnungen auf eine Überraschung in St. Gallen im vorletzten Platzierungsspiel gegen Russland.

Baumgarten war ausgeknockt - genau wie wenig später ihre ganze Mannschaft, die am Wochenende den Russen unterlag, später immerhin die Slowakei schlug. Bei der WM in der an Hallenhockey- oder Eishockey erinnernden Sportart wurden die Frauen aus dem Floorball-Entwicklungsland Deutschland im Feld Elfte unter 16 Teams.

Ein WM-Turnier, das wieder mal ein bisschen Aufmerksamkeit für den Randsportart mit dem gelochten Plastikball generierte - und Hoffnungen auf mehr weckte. Denn von Helsinki über Stockholm und Prag bis in die verschlafene Ostschweiz träumen die Entscheidungsträger der Floorballwelt auf ein Erwachen des Riesen.

Vom «wichtigsten Zukunftsmarkt» in Europa sprechen die Hersteller der leichten Kunststoffstöcke, die etwa in Skandinavien Jahr um Jahr steigende Millionenumsätze machen. Und auch für Funktionäre des Weltverbands wie dem Finnen John Liljelund ist klar, dass der schnelle Sport dann einen weiteren Schub bekommt, wenn der Wachstumsmarkt Deutschland «mit dabei ist». Ein Schub, der vielleicht auch das laufende Aufnahmeverfahren ins olympische Programm positiv beeinflussen könnte - bei den Großereignissen soll der Lochball möglichst ab 2024 rollen.

«Der Sport kommt. Der nächste Entwicklungsschritt für uns ist die Aufnahme in den Deutschen Olympischen Sportbund. Bis Ende 2012 wird dieses Ziel erreicht sein», sagt Oliver Stoll, Verbandspräsident von Floorball Deutschland. Hierzulande ist der Sport mit seinen einfachen Regeln noch vorrangig ein Spaß für Kinder: Um die 70 Prozent der 10 000 Aktiven sind unter 15 Jahren alt. Nachdem Floorball nach der Wende vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt Fuß fasste, boomt der Sport momentan in Teilen Nordrhein-Westfalens, Schleswig-Holsteins und Berlins.

Dass die Entwicklung nicht zu unterschätzen ist, lässt sich auch von einem neuen Sponsorenvertrag ableiten, der in den Hinterzimmern der St. Gallener WM-Arenen unterschriftsreif verhandelt worden ist: Demnach will der größte Stockhersteller in den kommenden Jahren fast eine halbe Million Euro nach Deutschland pumpen. Am Finalsonntag waren die Frauen aus der Bundesrepublik allerdings im mit 2520 Zuschauern ausverkauften St. Gallener Athletik Zentrum nur Gast. Auf dem Feld standen sich im Endspiel Schweden und Finnland gegenüber. Die Schwedinnen gewannen mit 4:2 (2:0, 1:2, 1:0).

Ein rein skandinavisches Duell in einer Sportart, die vom schwedischen Handballer Karl-Ake Ahlqvist in den 70er Jahren erfunden wurde und sich seither verbreitet. Mit stabilem Erfolg: Im hohen Norden und Tschechien laufen Liga-Spiele regelmäßig in den größten Arenen und immer häufiger auch im TV. In der Schweiz ist Unihockey, wie es auch in Deutschland bis 2009 hieß, beliebtester Schulsport. In Nordamerika hat das professionelle Eishockey das Spiel als wertvollen kleinen Bruder erkannt und sogar in Südamerika, Asien und Afrika ist der 23 Gramm leichte Lochball auf dem Handballfeld nicht mehr völlig unbekannt.

Hierzulande ist Floorball eher noch ein Nischensport, ein finanziell wenig lukrativer. 600 Euro mussten die Nationalspielerinnen aus eigener Tasche zahlen, um die WM-Woche im teuren St. Gallen mitzufinanzieren. Auch Pauline Baumgarten, deren stark blutende Platzwunde ihre Mitspielerinnen gegen Russland schockte: Einen Zwei-Tore-Vorsprung gab das Team in nur zwei Minuten noch her und verlor schließlich in der Verlängerung. «Sympathisch unprofessionell», meinte Nationalspielerin Laura Hönicke lakonisch.

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