Sieben Zwerge für das Fußball-Idol Netzer

Sport  Was bestimmte das Sportgeschehen in der 32. Kalenderwoche vor 29, 47 und 60 Jahren: Rudi Altigs überraschendes Erfolgsgeheimnis und Heike Henkels Sprung aus dem Schatten von Ulrike Meyfarth.

Email

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 32. Kalenderwoche vor 29, 47 und 60 Jahren?

Deutsche Lokomotive gewinnt

Empfang für Weltmeister Rudi Altig in seiner Heimat Mannheim.

1960: Der "Stier aus Mannheim" hatte geblufft. Bei den Bahnradweltmeisterschaften in Leipzig war der Schweizer Willy Trapp im Viertel- und Halbfinale der Einzelverfolgung jeweils der Schnellste. Doch als es im direkten Duell um den Titel ging, ließ Rudi Altig dem Eidgenossen nicht den Hauch einer Chance. "Im Finale dampfte die deutsche Lokomotive ab", schrieb die HSt am 8. August. Sein überraschendes Erfolgsgeheimnis: Yoga. Altigs Trainer Karl Ziegler sorgte mit "Atemübungen und Köperschule" für Entspannung, denn sein Schützling trug im Vorfeld schwer an der Bürde des Favoriten.

Aus heutiger Sicht überrascht folgende Einschätzung im HSt-Bericht: "Rudi Altig hat noch niemals in seiner Rennfahrerlaufbahn ein pharmazeutisches Präparat eingenommen oder eine Pille geschluckt." Jahre später erhielt Altig den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Die radelnde Apotheke".

Bei der Siegerehrung kam es noch zu einem politischen Eklat, wie die Stimme berichtete: "Zum ersten Mal in der Geschichte ertönte auf dem Boden der DDR das Deutschlandlied. Aber nur für ein paar Takte, dann brach man ab." Sehr zum Ärger des Publikums: "Die Zuschauer veranstalteten ein Pfeifkonzert, das den Veranstaltern des Ulbricht-Staates in den Ohren gellte." Das aber im DDR-Fernsehen nicht gezeigt wurde, die Übertragung war schon vor dem Finale - angeblich wegen Regens - beendet worden.

Netzers enttäuschender Abschied

Sieben Zwerge für das Fußball-Idol Netzer
Der Neu-Madrilene Günter Netzer mit dem Pokal für den Fußballer des Jahres und seinem Abschiedsgeschenk. Fotos: imago-images (2), Archiv/dpa

1973: Das Idol einer ganzen Generation war noch einmal nach Hause auf seinen Bökelberg gekommen. 34.500 Zuschauer wollten im ausverkauften Stadion Günter Netzer im blütenweißen Trikot von Real Madrid sehen. "Die wohl letzte Show des Fußball-Idols Günter Netzer hat niemand [...] vom Sitz gerissen", konstatierte die HSt am 9. August.

Die Borussia hatte das erste von zwei Ablösespielen ganz klar mit 4:2 gewonnen. "Nach anfänglichen guten Momenten vermochte Netzer dem Realspiel keine Lichter aufzustecken", hieß es im Spielbericht vom 8. August. Ein wenig hämisch kommentierte die Stimme einen Tag später: "Die Nicht-Netzer-Fans meinten sogar: Jetzt hat Madrid gesehen, warum Gladbach den Günter laufen ließ."

Immerhin bekam Netzer zum Abschied von Bundestrainer Helmut Schön die Trophäe des "Fußballer des Jahres" überreicht, außerdem sieben Disney-Zwerge und ein Borussia-Trikot mit der Nummer 10. Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sein Wechsel allerdings ein Dorn im Auge, da der Transfer vom in Spanien lebenden Manfred Wengert eingefädelt worden war. "Sogenannte Spielvermittler" erachtete der DFB für unzulässig, allein die Bundesanstalt für Arbeit dürfe Arbeitsplätze vermitteln. Wie wir heute wissen, setzte sich dieser Standpunkt nicht durch.

Grundstein für weitere Erfolge

Sieben Zwerge für das Fußball-Idol Netzer
Hochspringerin Heike Henkel war die Überfliegerin der 90er Jahre.

1991: Keine Kamera hatte den Rekordsprung eingefangen, obwohl er den Grundstein für WM-Gold und den Olympiasieg legte. "Heike Henkel trat aus dem Schatten von Ulrike Meyfarth", titelte die Stimme am 5. August. Beim Grand-Prix-Meeting in Monaco hatte die 27-jährige gebürtige Kielerin 2,04 Meter übersprungen und damit die acht Jahre alte Bestmarke Meyfarths um einen Zentimeter übertroffen. "Eine nervige Frage bin ich jetzt los: Wann springst du endlich Rekord", kommentierte Henkel nordisch-nüchtern und verspürte lediglich ein "ganz normales Glücksgefühl".

Ihr Fokus lag zu diesem Zeitpunkt schließlich schon auf den Weltmeisterschaften in Tokio, die drei Wochen später anstanden. "Jetzt habe ich mich schon einmal an die hohen Höhen gewöhnt", sagte Henkel mit Blick auf Japan. Tatsächlich verbesserte sie dort ihre Bestmarke um einen weiteren Zentimeter und holte den Titel. Ein Jahr später folgte der Olympiasieg in Barcelona. Schon in Monaco ahnte Heike Henkel: "Ich fühle mich noch lange nicht am Ende."

 

Vorgetäuschte Tragödie
Serrano Carjaval war zutiefst bestürzt. Am 20. Juli 1973 erfuhr der Präsident des FC Málaga, dass sein anvisierter Neuzugang Ilja Petkovic einen Selbstmordversuch unternommen habe und im Koma liege. Der jugoslawische Fußball-Nationalspieler hatte offenbar den tödlichen Autounfall seiner Mutter, Schwester und seines Schwagers nicht verkraftet, in dessen Folge sich auch noch sein Vater erhängt hatte. Natürlich hatte Carjaval Verständnis und sah von dem Transfer ab. Vier Tage später musste er dann aber überrascht feststellen, dass der vermeintlich Komatöse beim französischen Club Troyes unterschrieben hatte. Eine „makabere Gaunerei“ schrieb die HSt.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

Kommentar hinzufügen