Mexiko 1968: Olympische Spiele in unruhigen Zeiten

Hamburg (dpa)  Die XIX. Olympischen Spiele vom 12. bis 27. Oktober in Mexiko-Stadt standen im Krisen-Jahr 1968 unter schlimmen Vorzeichen.

Von Hans-Hermann Mädler, dpa

Protest
Die US-Läufer Smith (Mitte) und Carlos (r) protestieren bei der Siegerehrung.

Der Völkermord in Biafra und der Vietnamkrieg beherrschten die Schlagzeilen der Weltpresse ebenso wie der von sowjetischen Panzern beendete «Prager Frühling». In den USA wurden Bürgerrechtler Martin Luther King und Senator Robert Kennedy ermordet, in Deutschland löste das Attentat auf Rudi Dutschke Studentenunruhen aus, die in Frankreich schon wüteten. Und in Mexiko selbst führten kurz vor der Eröffnungsfeier Studentenrevolten zu Straßenschlachten mit offiziell 26 - inoffiziell über 300 - Toten.

Angesichts der weltpolitischen Lage waren die Sommerspiele von Boykott bedroht. Nach dem Einmarsch der Sowjets und ihrer Verbündeten in die CSSR wollten die Skandinavier nicht teilnehmen. Ihre Solidaritätsbekundung war aber nicht mehr gefragt, als Tschechen und Slowaken selbst einreisten. Die Afrikaner drohten, unterstützt von der UdSSR, mit Boykott, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor den Winterspielen im Februar in Grenoble die Zulassung Südafrikas mit einer Mannschaft aus Weißen und Schwarzen beschlossen hatte. Das IOC fiel um, schloss den Rassentrennungsstaat erneut und 1970 (bis 1991) ganz aus.

Auch die Spiele selbst blieben von Protestaktionen nicht verschont. Mit schwarzbehandschuhter Faust demonstrierten Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung gegen die Rassendiskriminierung in den USA. Das Foto von den beiden amerikanischen 200-Meter-Sprintern, die mit gesenktem Kopf der US- Flagge den Rücken zudrehten, ging um die Welt und rückte die Black-Power-Bewegung in den Blickpunkt.

Da blieb für den Rest der Welt der erste Auftritt der «doppelten Deutschen» fast eine Randnotiz. Am 8. Oktober 1965 war der DDR bei der 64. IOC-Vollversammlung in Madrid eine eigene Mannschaft für 1968 zugestanden worden. Nach sechs gemeinsamen Olympia-Teams von 1956 bis 1964 sollten allerdings auch in Mexiko noch beide Vertretungen gleiche Flagge, gleiche Hymne und gleiches Emblem haben. Noch in Mexiko-Stadt hob das IOC diese letzte Gemeinsamkeit auf und erkannte das Nationale Olympische Komitee (NOK) der DDR als Vollmitglied an.

Die DDR ließ wie bei allen folgenden Spielen bis zum letzten Auftritt 1988 mit neun Gold- und Silbermedaillen sowie sieben dritten Plätzen das bundesdeutsche Team (5/11/19) hinter sich. Ihre Sieger waren Rückenschwimmer Roland Matthes mit zweimal Gold, Boxer Manfred Wolke, Geher Christoph Höhne, Kugelstoßerin Margitta Gummel, die Ringer Rudolf Vesper und Lothar Metz sowie zwei Ruder-Teams. Für die Bundesrepublik gewannen Fünfkämpferin Ingrid Becker, Schütze Bernd Klingner, die Dressurreiter und der Deutschland-Achter. Dazu wiederholten Roswitha Esser und Annemarie Zimmermann im Kajak-Zweier ihren Olympiasieg von Tokio 1964.

Die Höhenlage der Olympia-Stadt von über 2200 Metern führte den Leistungssport in den Schnellkraftdisziplinen in neue Bereiche, bestätigte bei den Dauerleistern aber auch die Befürchtungen. «Das Zielband wurde eine Grenzlinie, an der Sauerstoff-Flaschen bereitstanden, um ausgepumpte Menschen wieder menschlich zu machen», heißt es zu den Fotos erschöpfter Athleten im «Olympischen Lesebuch» der Deutschen Olympischen Gesellschaft.

Es gab fantastische Weltrekorde vor allem in der Leichtathletik. Jim Hines über 100 Meter in 9,95 Sekunden (verbessert: 1983/Calvin Smith/9,93), Tommie Smith über 200 m in 19,83 (1979/Pietro Mennea/19,72) und Lee Evans über 400 m (1988/Butch Reynolds/43,29) liefen langlebige Weltrekorde. Doch zwei andere Amerikaner schrieben wirklich Leichtathletik-Geschichte. Dick Fosbury verblüffte, in dem er die Latte rückwärts überquerte: Der «Fosbury-Flop» startete eine Hochsprung-Revolution. Bob Beamon verbesserte den Weitsprung-Weltrekord gleich um 55 Zentimeter auf 8,90 m. Doch der «Jahrhundert- Rekord» überstand das Jahrhundert nicht und wurde gerade 23 Jahre alt: Bei der WM 1991 sprang sein Landsmann Mike Powell 8,95 m.

Erfolgreichste Athletin wurde die Turnerin Vera Caslavska, die viermal Gold und zweimal Silber gewann. Sie sorgte nicht nur sportlich für Schlagzeilen: In der Kathedrale von Mexiko-Stadt heiratete sie ihren tschechoslowakischen Landsmann Josef Odlozil, den 1 500-m-Zweiten von Tokio. Die Verbindung endete mit Scheidung und tragischem Tod: Odlozil wurde in Prag vor einer Bar zusammengeschlagen und starb.

Wie immer gab es auch 1968 bemerkenswerte Premieren. Erstmals wurden bei Sommerspielen Sextests für Frauen vorgenommen. Die 20- jährige Studentin Enriqueta Sotelo entzündete als erste Frau das olympische Feuer. Dank Satelliten-Übertragungen gab es erstmals farbige TV-Bilder für die ganze Welt, und in der Leichtathletik wurde neben der Handstoppung elektronisch auf Hunderstelsekunden gemessen; die Zeiten wurden später als offizielle Weltrekorde anerkannt.

Bei den ersten Dopingtests der 1967 installierten Medizinischen Kommission des IOC standen Anabolika jedoch noch nicht auf der Verbotsliste. «Gedopt» war nur der Moderne Fünfkämpfer Hans-Gunnar Liljenwall: Er wurde, wie das drittplatzierte schwedische Team, als erster olympischer Doping-Sünder disqualifiziert, weil er beim Schießen verbotene 0,7 Promille Alkohol im Blut hatte.