Split 1990: Deutsche Vereinigung unterm Regenbogen

Berlin (dpa)  Die Einheit kam wie aus heiterem Himmel, der Tag war historisch, das Bild hatte Symbolkraft: Unterm Regenbogen haben die deutschen Leichtathleten vor 20 Jahren in Split ihre eigene Wiedervereinigung gefeiert.

Von Ralf Jarkowski, dpa

Zusammenwachsen
Die Fahnenträger Gabriele Lippe und Ulf Timmermann bei der EM 1990 in Split.

Die letzte Siegerehrung am Schlusstag der 15. Europameisterschaften markierte Ende und Anfang. Zum letzten Mal wurden am ersten September-Samstag 1990 im Poljud-Stadion der kroatischen Hafenstadt die «doppelten Deutschen» geehrt - schon bei der WM 1991 in Tokio gingen die Asse aus Ost und West gemeinsam für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) an den Start.

«Das war ein Abschied, der letzte Auftritt einer DDR-Mannschaft, das Ende eines Kapitels. Für mich waren da weder Wehmut noch Freude dabei. Wir waren eher gespannt, was die Zukunft bringt», sagte der damalige DDR-Mannschaftskapitän Ulf Timmermann der Nachrichtenagentur dpa. «Man hat seinen Sport ja mit Herz und Seele ausgeübt. Unter dieser Fahne haben wir vielen Menschen Freude gemacht.»

Der Kugelstoßer aus Ost-Berlin, in Split einer der letzten zwölf DDR-Europameister, hatte bei der Schlussfeier noch einmal alle Hände voll zu tun: Links die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Sichel und Ehrenkranz, die rechte Pranke lässig auf der Schulter von Gabi Lippe. Die Sprinterin schwenkte die bundesdeutsche Flagge, das Duo führte den Tross der in West-Weiß und Ost-Blau glücklich vereinten Deutschen an. «Das war von beiden Seiten spontan. Die Mannschaft hinter uns hat sich kunterbunt gemischt», schilderte Olympiasieger Timmermann. «Und dann haben wir noch bis in den Morgen hinein gefeiert.»

Das historische Bild mit Timmermann und Lippe war das Titelfoto im DLV-Jahrbuch 1990/91, das auch andere bemerkenswerte Seiten enthielt: In dem Feature «Warum lieben alle Katrin Krabbe?» wurde endlich das «Geheimnis» um die kühle Blonde aus dem Nordosten gelüftet. Dabei war es ganz einfach: Mit dreimal Sprint-Gold war die Neubrandenburgerin in Split zum Superstar der EM aufgestiegen, doch ihr Höhenflug nahm später nach Negativ-Schlagzeilen ein jähes Ende.

Jahrzehntelang lebten die Deutschen getrennt, in Split wohnten die Leichtathleten schon unter dem gleichen (Hotel)-Dach. Im schmucken Poljud-Stadion, wo am kommenden Wochenende die Premiere des Continental Cups gefeiert wird, gingen sie einfach aufeinander zu. «Ich glaube, dass wir uns irgendwie auch gesucht haben. Die Wiese war ja nicht so groß», sagte der Gelnhausener 400-Meter-Hürdenläufer Edgar Itt.

Mit Pauken und Trompeten hatten die DDR-Athleten an der Adria bei ihrer letzten EM noch einmal aufgetrumpft: Zum Abschied gab es 34 Medaillen (12 Gold/12 Silber/10 Bronze) und Platz 1 in der Nationenwertung vor der UdSSR und den Briten. «Kein Parteiauftrag, größter Triumph» titelte das Ost-Berliner «Sportecho» frech. Das bundesdeutsche Team (3/2/2) schrammte dagegen «knapp an einer Katastrophe vorbei», musste DLV-Vize Werner von Moltke zugeben.

Die Leichtathleten waren schneller als die große Politik und die eigenen Verbandsfunktionäre: Erst viereinhalb Wochen später, am 3. Oktober 1990, wurde die deutsche Einheit vollzogen. Am 24. November folgte in Salzgitter-Bad die Vereinigung der beiden Leichtathletik- Verbände zum DLV. Bereits am Vormittag war in Magdeburg der Deutsche Verband für Leichtathletik der DDR (DVfL) aufgelöst worden.