Schwimmer sagen die deutschen Meisterschaften ab

Schwimmen  Deutschlands Asse wie die zweimalige Unterländer Sportlerin des Jahres und Neckarsulmer Olympia-Kandidatin Annika Bruhn wissen derzeit nicht, ob die Qualifikation für Tokio im Dezember stattfinden kann.

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Daniel Pinneker und die Topschwimmer der Neckarsulmer Sport-Union sind in guter Form, doch die nationalen Meisterschaften sind nun endgültig abgesagt worden. Das hat es seit mehr als 70 Jahren nicht mehr gegeben.

Foto: Alexander Bertok

Erst sind die Europameisterschaften und die Olympischen Spiele verlegt worden, nun hat der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) die Absage für die nationalen Titelkämpfe veröffentlicht. Diese sind vom 29. Oktober bis 1. November in Berlin geplant gewesen. Die Hauptstadt ist jedoch Risikogebiet, die Zahlen dort sind derzeit besonders bedenklich.

"Angesichts der aktuellen Entwicklungen mit deutschlandweit rasant steigenden Infektionszahlen, den damit verbundenen Unsicherheiten und den eindringlichen Appellen der Bundesregierung sehen wir uns veranlasst, die DM2020 abzusagen", meint Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen.

Hirschmann: "Richtige Entscheidung"

Damit gibt es erstmals seit 1947 keine deutschen Meisterschaften für die Schwimmer. "Es ist die richtige Entscheidung", sagt Christian Hirschmann, Vorstand der Neckarsulmer Sport-Union und Chef der Schwimmer. "Das Infektionsgeschehen zeigt ganz klar, dass Reisen und größere Veranstaltungen nicht möglich sind. Wir würden unsere Sportler, Trainer und Betreuer gefährden - und das wollen wir vermeiden."

Im Team der Neckarsulmer Topschwimmer wird - nicht erst seit dem Bekanntwerden der Infektion Olympiasiegerin Feferica Pellegrini - regelmäßig getestet, zudem gibt es seit Wochen Infos mit Verhaltensratschlägen. "Die Athleten nehmen das auch ganz gut an.", sagt Christian Hirschmann. Sie wissen, wie diffizil und fragil die Lage ist.

Bruhn mit Wehmut im Herzen

Und doch ist die Absage bitter. Weil gerade in einem Jahr ohne internationale Höhepunkte der Stellenwert der Meisterschaften hoch gewesen wäre. Ganz besonders für die Olympia-Kandidaten wie die zweimalige Unterländer Sportlerin des Jahres, Annika Bruhn. "Die Entscheidung ist richtig, aber ich habe schon etwas Wehmut im Herzen", sagt die 28-Jährige. Ende September hat die zweimalige Olympia-Starterin am Bundesstützpunkt in Heidelberg einen Einstiegswettkampf gegen einige nationale Konkurrentinnen bestritten. Mehr nicht.

"Alle sind heiß, wollen schwimmen und Vollgas geben", sagt Christian Hirschmann, der sein Team um Headcoach Matt Magee mit einer sehr guten Form gen Berlin geschickt hätte. Daraus wird nichts. Sorgen aber bleiben. Weniger in Sachen Motivation - Hirschmann hatte die Neckarsulmer längst auf eine Absage vorbereitet -, vielmehr mit Blick auf die Olympia-Qualifikation.

Kritik an Spitzenverbänden

"Die Spitzenverbände müssen lernen, realistischer zu planen", kritisiert Christian Hirschmann. "Da fängt jetzt die große Spekulation an, ob sie im Dezember stattfindet. Der DSV wäre gut beraten, eine klare Linie zu fahren, denn Spekulation führt immer zu Irritation im Trainingsbetrieb. Ich würde mir eine klare Aussage wünschen." Sein Vorschlag: Eine Verlegung auf April oder Mai 2021, weil das Infektionsgeschehen in den Wintermonaten eher kritisch bleiben wird.

Annika Bruhn wird in ihrer Trainingssteuerung weiter "extrem anpassungsfähig sein", wie sie es ausdrückt. Für ihren Fahrplan bis Tokio wünscht sie sich - bei allem Wissen um die dynamische Entwicklung der Pandemie ("beim DSV arbeiten auch nur Menschen") Transparenz. Noch ist sie entspannt. "Matt hat uns gesagt, er hätte einige Pläne im Kopf." Das beruhigt.


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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