Kampf um Punkte und Gleichberechtigung

Ski nordisch  Die Skispringerinnen starten in Lillehammer in den Weltcup, der vor acht Jahren dort Premiere gefeiert hat: Katharina Althaus, Juliane Seyfarth und Co. präsentieren sich in einer Woche in Klingenthal an der Seite ihrer Kollegen.

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Kampf um Punkte und Gleichberechtigung

Im Skispringen der Frauen ist richtig Bewegung. Gewollt und ungewollt. Die Weltmeisterschaften vergangenen Winter in Seefeld mit der Premiere des Teamwettbewerbs für Frauen haben "auf alle Fälle etwas bewegt", sagt Andreas Bauer. Der deutsche Bundestrainer spricht von einem "Schub für alle Nationen, ein breiteres Team aufzubauen". Bauer hatte bei der WM das breiteste, sprich beste Team - das am Wochenende in Lillehammer in eine schwierige Saison startet: Die vier etablierten Springerinnen Carina Vogt, Ramona Straub, Anna Rupprecht und Gianina Ernst fallen alle mit schweren Knieverletzungen die komplette Saison aus, wie Andreas Bauer sagt: "Wir haben eine ganz neue Konstellation in der Mannschaft." Wie gut, dass es nur eine Zwischensaison ist.

Andreas Bauer ist Pionier des Frauenskispringens, schiebt seit 2011 als Bundestrainer die Entwicklung im Deutschen Skiverband (DSV) an, reiht Jahr für Jahr Erfolg an Erfolg - im Frühjahr in Seefeld kamen zweimal Gold (Team und Mixed) sowie einmal Silber (Katharina Althaus im Einzel) auf die gewichtige Edelmetallliste. Der 55-jährige Trainerfuchs aus Oberstdorf sagt: "Man darf auch eine Zwischensaison nicht auf die leichte Schulter nehmen." Schon gar nicht, wenn ein Jahr später die Heim-WM in Oberstdorf ansteht. Das Ziel ist und bleibt: an jeder der diesmal 13 Weltcup-Stationen um die Podestplätze mitspringen. Mit einer Mischmasch-Mannschaft.

Andreas Bauer spricht von einer spannenden Aufgabe

Das Spiel ohne vier (Verletzte) ist eine Chance für die anderen - die Bewegung im deutschen Skispringen der Frauen ist ungewollt: Der DSV beginnt den Winter am Freitagabend in der Qualifikation von Lillehammer mit den Routiniers Katharina Althaus (23 Jahre) und Juliane Seyfarth (29), Rückkehrerin Svenja Würth (26) und den Weltcup-Debütantinnen Selina Freitag (18), Agnes Reisch (20) und Luisa Görlich (20). "Eine spannende Aufgabe", sagt Andreas Bauer, "drei ganz junge Athletinnen in den Weltcup zu integrieren."

Bemerkenswert: Auch Svenja Würth und Luisa Görlich waren zuletzt von einem Kreuzbandriss in die Knie gezwungen worden. Rund um die derzeitige Sollbruchstelle der Skispringer "sollten wir im Frühjahr mehrere Themen auf den Prüfstand stellen", sagt Andreas Bauer. Doch jetzt beginnt erst einmal die neue Saison - nach alten Regeln. Und mit lediglich vier gemeinsamen Auftritten an der Seite der Männer.

Die letzte Männer-Bastion ist das Skifliegen

"Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen", sagt Katharina Althaus zum Thema Gleichberechtigung. Die Großschanzen haben sich die Frauen erobert, die WM-Entscheidung mit der Mannschaft erarbeitet. Sie träumen weiter von der Vierschanzentournee für Frauen. "Und die letzte Männer-Bastion ist das Skifliegen", sagt Andreas Bauer. "Über 200 Meter zu fliegen, das wünschen sich die Mädels extrem." Auch ohne das noch komplexere und gefährlichere Skifliegen haben die Springerinnen schon genug Verletzungen; die nach wie vor fehlende Leistungsdichte des Feldes ist ein ganz anderes Thema.

Natürlich, der Flug zur Gleichberechtigung ist für die Skispringerinnen ein Langstreckenflug. Das Skispringen der Frauen gehört erst seit 2014 zum olympischen Programm, hat erst seit 2011/2012 Weltcups und erst 2009 seine WM-Premiere geben dürfen - bis dahin verbreitete der Skiweltverband Fis tatsächlich die Mär, dass die Landung schlecht für die Gebärmutter sei. Es war einmal.

Seyfarth war beim allerersten Weltcup 2011 dabei

Jetzt also der Auftakt der neunten Weltcup-Saison in Norwegen. "Ich hoffe, dass es den Zuschauern Spaß macht, uns auf der großen Schanze zuzuschauen", sagt Luisa Görlich vom WSV Lauscha eine Woche vor ihrem Heim-Weltcup: In Klingenthal stehen die starken Frauen mit den Männern gemeinsam auf der Bühne. Dann erst wieder im März bei der Raw Air in Norwegen - die die Männer allerdings mit dem Skifliegen in Vikersund beenden. Die Frauen jetten dann nach Russland weiter, springen dort bei der Blue Bird Tour in Nischni Tagil und Tschaikowski. Die Premierensiegerin im Frühjahr hier übrigens: Juliane Seyfarth. Die Doppelweltmeisterin von Seefeld war schon beim allerersten Weltcup der Frauen am Start. 15. wurde sie am 3. Dezember 2011 - damals in Lillehammer.

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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