Im Club der Kümmerer

Fussball  Wie die TSG Hoffenheim fernab der Heimat Hilfsprojekte in Namibia unterstützt und dabei auf Nachhaltigkeit setzt.

Von Florian Huber

Pressereise der TSG 1899 Hoffenheim nach Windhoek, Namibia
Steine und Staub: Zwei Township-Teams in Namibia beim Kick in ihrer neuen Ausrüstung.

Hand in Hand für Afrika. So steht es über dem Eingang der Suppenküche von Okahandja Park, in Katutura. Hand in Hand für Afrika ist bei 38 Grad im Schatten eine schweißtreibende Angelegenheit, wenn man es wörtlich nimmt. Säckeweise Reis, Maismehl und Erbsen entladen Peter Görlich und seine Kollegen vom Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim an diesem Dezembermittag in Namibias Hauptstadt Windhoek.

Es sind mehr als nur bloße Mitbringsel. Es ist die Nahrung für 300 Kinder, die nun rund drei Monate eine warme Mahlzeit am Tag bekommen. Mit großen Augen stehen die Kinder da. Sie singen, klatschen, lächeln. Die Besucher aus Deutschland wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. „Diese Welle der Dankbarkeit macht einen verlegen“, sagt Peter Görlich. Der 49-jährige TSG-Geschäftsführer hat selbst Kinder: „In solchen Momenten erkennst du einmal mehr, wie gut und in welch geordneten Verhältnissen sie aufwachsen.“

Willkommen in Namibia, einem Land, das es in zwei Ausführungen gibt. Da ist das Fotobuch-Namibia. Safari-Touristen, die Großwildjäger besuchen es. Das andere Namibia ist wie Katutura, ein Township im Norden Windhoeks. Urlauber verirren sich nicht hierher. „Ort, an dem wir nicht leben möchten“, haben die Herero als Ureinwohner diesen Flecken einst getauft. Trotzdem hausen am Rande Windhoeks immer mehr Menschen in der Hoffnung auf Arbeit und eine bessere Zukunft.

Mach es einfach

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Lutz Pfannenstiel (links) beim Entladen der Einkäufe für die Suppenküche im Township mit Kristian Baumgärtner (Mitte) und Peter Görlich.

Die TSG Hoffenheim ist seit einigen Jahren in der ehemaligen deutschen Kolonie aktiv. Eng verbunden ist das Engagement mit Lutz Pfannenstiel. Der 43-Jährige hat einst in Namibia Fußball gespielt, war hier sogar Interimsnationaltrainer. Der Globetrotter hat als einziger auf allen Kontinenten Profi-Fußball gespielt. Jetzt ist der Bayer verantwortlich für das Scouting und die internationalen Beziehungen der TSG Hoffenheim. TV-Experte beim ZDF und Eurosport zudem. Als Spieler saß Pfannenstiel in Singapur einst wegen angeblichem Wettbetrug mehr als drei Monate im Gefängnis. Von seiner Zeit in Südostasien hat er ein Souvenir mitgebracht, das eintätowierte Nike-Logo auf der Wade. Entstanden aus einer Bierlaune heraus, 35 000 Dollar gab es von Nike. Geblieben ist ein permanentes Lebensmotto: Just do it. Mach es einfach. „Das ist irgendwie auch mein persönliches Motto“, sagt Pfannenstiel, nicht nur als ehemaliger Torwart ein zupackender Typ. Er ist der Beweis: Auch ein lebenslustiger Vogel hat die ernsten Dinge des Lebens im Blick.

Also hat Pfannenstiel vor sieben Jahren Global United gegründet. Mehr als 500 Fußballgrößen engagieren sich in diesem Verein für den Umweltschutz in Zeiten des Klimawandels. Einmal im Jahr kommen die Altstars für ein Spiel aus aller Herren Länder nach Namibia eingeflogen. Pfannenstiel wollte mehr für Land und Leute tun, auch an den anderen 364 Tagen im Jahr. Daraus ist nun das Hilfsprojekt Gee Om entstanden. Gee Om (gesprochen „Cheeom“) heißt auf Oshiwambo so viel wie sich kümmern. Kümmern bedeutet nicht nur herkommen. Trikots abliefern. Hände schütteln und in eine Kamera lächeln. „Es geht bei allen Dingen hier um Nachhaltigkeit“, sagt Rainer Hahn, der Geschäftsführer von Global United und der Mann, der sich mit Pfannenstiel gemeinsam im Süden Afrikas ums Kümmern kümmert.

TSG in Namibia

"Unser gesellschaftlicher Auftrag kann auch über die Grenzen Deutschlands hinausgehen." - Peter Görlich

Nachhaltig geht es an der Dagbreek School zu, einer Behindertenschule in Klein Windhoek. Vom Geld des Kraichgau-Clubs ist eine Schreddermaschine gekauft worden. Statt Glasflaschen teuer ins Nachbarland Südafrika zu transportieren, werden sie nun von den Kindern gesammelt und enden als Baumaterial. Wer wenig hat, muss mit den Ressourcen erst recht sorgsam umgehen. Namibia wird geplagt von der größten Dürre seit langem. Seit Monaten hat es quasi nicht geregnet, jetzt ist der Sommer da und mit ihm der Wassermangel. Sogenanntes Grauwasser wird in der Behinderteneinrichtung zur Bewässerung im Schulgarten eingesetzt. Wasser, das keine Trinkwasserqualität hat, aber ausreicht, um Gemüse anzubauen. Hilfe zur Selbsthilfe eben. In anderen Schulen hilft Gee Om, Umweltclubs einzurichten.

Auftrag

Das Projekt läuft seit 2015 und ist auf drei Jahre ausgelegt. Das Budget von 250 000 Euro kommt aus dem Kraichgau. Dort unterstützt TSG-Mehrheitsgesellschafter Dietmar Hopp ja bekanntlich auf vielfältige Art und Weise die Region. „Unser gesellschaftlicher Auftrag kann auch über die Grenzen Deutschlands hinausgehen“, sagt Peter Görlich. Wenn es Hoffenheim um die Erschließung neuer Märkte ginge, dann müsste man in Indien oder China aktiv sein. Namibia hat ja nur 2,2 Millionen Einwohner.

Hoffenheim und die anderen Bundesligaclubs sind im Jahr 2016 Fußball-Konzerne. Die TV-Rechte wiegen mittlerweile milliardenschwer. Da ist es gut, wenn der Fußball seine unternehmerische Gesellschaftsverantwortung begreift. Längst gibt es bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) Überlegungen, die Gesellschaftsverantwortung mit in die Lizenzauflagen für die Bundesliga aufzunehmen. „Die DFL wird in Zukunft sicher verstärkt den Fokus auf das soziale Engagement der Clubs legen“, sagt Peter Görlich, mehr als 8000 Kilometer Luftlinie fern der Heimat.

Von Windhoek aus geht es in den Norden Namibias. Otavi, ein vergessener Ort, 380 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Als die Goldmine vor ein paar Jahren vom einen auf den anderen Tag schloss, wurde Otavi zum Armenhaus Namibias. Wer nicht muss, der bleibt nicht hier. Alkohol, Drogen, Aids bestimmen das Leben. Mittendrin im Township voller Hoffnungslosigkeit steht wie eine Oase in der Wüste das Johanniterheim. Die Hoffenheimer Delegation hat Regen mitgebracht, der hier genauso willkommen ist wie die Kleidung und Fußbälle im Gepäck der Deutschen. Hoffenheim unterstützt hier unter anderem ein Gartenprojekt. „Wenn wir nur zehn Prozent der Kinder die Chance auf eine bessere Zukunft eröffnen können, ist viel erreicht“, sagt Marianne Sack, die Leiterin der Einrichtung.

Namibia ist ein Fußball-Land. Doch der Ligabetrieb ruht, es fehlt an einem Sponsor. Die namibischen Spieler streiken schon seit Monaten. In Katutura, im Township, streikt niemand. Dort ist Fußball eine der wenigen Freuden des Lebens. „In Deutschland würde niemand auf solch einem Platz spielen“, sagt Kristian Baumgärtner. Der Vize-Präsident der TSG Hoffenheim blickt auf ein Spielfeld, das aus Staub, Steinen und Felsen besteht. „Die meisten spielen hier barfuß ohne sich zu verletzen“, sagt Lutz Pfannenstiel. Heute spielen sie in gebrauchten TSG-Schuhen und neuen Trikots. Von Hoffenheim hat der zwölfjährige Kingsley noch nie etwas gehört. Er schwärmt für Lionel Messi. „Aber ich werde dieses Hemd in Ehren halten“, sagt Kingsley. Das tun auch andere. Rund 8000 Hoffenheimer Trikots hat die TSG in den vergangenen Jahren im Land gelassen. „Die werden auch getragen“, hat Kristian Baumgärtner beim Tanken im namibischen Niemandsland vor ein paar Monaten festgestellt: „Der Tankwart hat das Trikot von Kai Herdling getragen.“

 

Global United

Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Global United FC ist Lutz Pfannenstiel, als Aufsichtsratsboss fungiert Fredi Bobic. Die Generation der Europameister von 1996 gehört zu den Aktivposten. Zudem sind auch Stars wie Rivaldo und Zico dabei. Ziel ist es, über die Plattform Fußball die Themen Klimawandel und Umweltschutz bekannter zu machen. Pfannenstiels großer Traum ist es, ein Fußballspiel in der Antarktis stattfinden zu lassen. fhu

 


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