Von Böckingen in die Bundesliga

Sport  In der 30. Kalenderwoche 1979 entschwindet ein Böckinger Talent in die große Fußballwelt, vor 27 Jahren schockt Graeme Obree die Radsportwelt, und der Bundespräsident mahnt die Weltmeister von 1954. Der sporthistorische Wochenrückblick führt außerdem zu den Baesweiler Atombolzern.

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Theodor Heuß (re.) überreicht Helmut Rahn das Silberne Lorbeerblatt.

Foto: dpa

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 30. Kalenderwoche vor 27, 41 und 66 Jahren?

1954: Es goss in Strömen an jenem 18. Juli 1954 in Berlin. Trotzdem waren 85.000 Zuschauer ins Olympiastadion gekommen. Nicht um ein Spiel anzusehen, sondern um die deutsche Nationalmannschaft zu bejubeln, die 14 Tage zuvor durch das "Wunder von Bern" Weltmeister geworden war. "Unter den Klängen der Polizeikapelle ,Kein schöner Land' nahmen die Spieler zunächst Aufstellung, dann ging es hinauf zur Ehrenloge der großen Betontribüne, zum neugewählten Bundespräsidenten", berichtete die HSt am 20. Juli.

Kühler Bundespräsident

Der tags zuvor im Amt bestätigte Theodor Heuß verlieh den Spielern und Nationaltrainer Sepp Herberger das Silberne Lorbeerblatt. Von der überbordenden Begeisterung ließ sich der gebürtige Brackenheimer indes nicht anstecken. Die Bezeichnung "Fußballgott" für Torhüter Toni Turek hielt der Bundespräsident für "reichlich übertrieben" und der Aussage von DFB-Präsident Peco Bauwens, dass "gutes Kicken bereits gute Politik" sei, widersprach Heuß entschieden. Er sei vielmehr dafür, dass man "den Sport außerhalb der Politik" halte.

Ein politisches Statement setzte er in seiner Rede dennoch, als er die Siegerehrung in der "alten und kommenden Hauptstadt Deutschlands" für beendet erklärte. Die Spieler liefen noch eine Ehrenrunde und "fühlten im Herzen, dass sie einen der stolzesten Tage ihres Lebens erlebt hatten", wie die HSt befand.

Ein Schotte fliegt zum Weltrekord

Michael Geiger (li.) traf beim Braunschweiger 6:1-Sieg im Ablösespiel gegen seine alten Böckinger Kameraden zum zwischenzeitlichen 1:1.

Foto: Archiv/Krüger

1979: Union-Trainer Walter Güntner war froh über die hohe Niederlage: "Weil nun keiner vorzeitig überschnappen wird", wie die HSt am 27. Juli 1979 berichtete. Mit 1:6 (1:2) hatten die Böckinger tags zuvor vor 2300 Zuschauern gegen Bundesligist Eintracht Braunschweig verloren. Es war das Ablösespiel für Toptalent Michael Geiger. Der 18-Jährige glich auch die frühe Böckinger Führung zum 1:1 aus. Den DFB-Jugendausschussvorsitzenden Alfred Finkbeiner überzeugte die Braunschweiger Nummer zehn jedoch noch nicht: "Der braucht da wohl noch einige Zeit, um sich anzupassen und voll ins Spiel zu kommen."

Bundesligist aus Stockheim

Tatsächlich kam der gebürtige Stockheimer in seiner ersten Saison lediglich auf elf Einsätze, die Eintracht stieg ab. Doch in der Folge avancierte Geiger zum Stammspieler und absolvierte insgesamt 134 Erstliga- und 81 Zweitligaeinsätze. 1986 wechselte er zum Oberligisten VfL Wolfsburg, mit dem er 1992 in die 2. Liga aufstieg. "Die berufliche Perspektive hat dort einfach gestimmt", wie Geiger kürzlich im Stimme-Gespräch sagte. Heute berät der 54-Jährige den VW-Vorstand in IT-Fragen.

1993: Am 17. Juli 1993 geriet die Radsportwelt in Aufruhr. Auf der Bahn im norwegischen Hamar stellte der unbekannte Amateurfahrer Graeme Obree mit 51,596 Kilometern einen Stundenweltrekord auf. "Die Radsportwelt, in der für alle großen Rennfahrer wie Fausto Coppi, Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Francesco Moser neben dem Sieg in der Tour de France der Besitz des Stundenweltrekords der Traum war, hat ihre Sensation", berichtete die HSt am 19. Juli.

Ein Schotte fliegt zum Weltrekord

Graeme Obree bei seinem Stundenweltrekord.

Foto: imago-images/Bürhaus

Das Geheimnis des eigenwilligen Schotten: ein selbst konstruiertes Rad, in dem unter anderem Waschmaschinenteile verbaut waren. "Obree benutzte eine Eigenkonstruktion, die eine höchst aerodynamische Haltung im Stil eines Skirennfahrers beim Abfahrtslauf erlaubte", erklärte die HSt. Diese neue Sitzposition nahm der Radsportweltverband UCI im Nachhinein zum Anlass, um Obrees Rekord zu annullieren. Den Funktionären erschien der aus ärmlichen Verhältnissen stammende, arbeitslose und von einer bipolaren Störung beeinträchtigte Obree offenbar als unwürdiger Rekordhalter.

Immerhin ist der 54-Jährige inzwischen aber in die britische Cycling Hall Of Fame aufgenommen worden. Sein Leben wurde 2006 in dem Drama "Flying Scotsman - Allein zum Ziel" mit Jonny Lee Miller in der Hauptrolle verfilmt.

 

 

Baesweiler Atombolzer
Zehn Jahre bevor der FC Homburg mit seiner Kondom-Werbung auf dem Trikot für einen Skandal sorgte, stand der Oberligist SV 09 Baesweiler mit einem Schriftzug auf seinen Jerseys im Kreuzfeuer. "Kernenergie - ja" war darauf in Anspielung auf die Initiative "Atomkraft? Nein danke" zu lesen. "Wir sind der Meinung, dass es kein wesentlicher Unterschied ist, ob wir nun für Erdgas, Kohle, Öl oder eben für Kernenergie Werbung treiben", erklärte der Vereinsvorsitzende Heinz Keusch am 24. Juli 1979 in der HSt.
Immerhin 15.000 D-Mark spülte der Vertrag mit der Firma Uranit in die klamme Vereinskasse. Zum Saisonauftakt am 11. August verteilten Kernkraft-Gegner Handzettel mit der Aufschrift "Baesweiler Atombolzer", wie die Aachener Zeitung berichtete. Der Verband hatte übrigens nichts gegen die Werbung einzuwenden. In einem ARD-Beitrag (www.youtube.com erklärte der spätere DFB-Präsident Egidius Braun, dass die lachende Sonne der Atomkraftgegner jedoch verboten worden wäre: "Darin würde ich ein Politikum sehen."

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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