Als der olympische Geist unbemerkt in Stuttgart war

Sportgeschichte  In dieser Woche vor 13, 45 und 59 Jahren: Das beinahe verschlafene Großereignis in Stuttgart, die schnellste je gefahrene Runde auf der Nordschleife und wertlose Ehrenerklärungen dopender Radfahrer.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 31. Kalenderwoche vor 13, 45 und 59 Jahren?

Ziemlich leere Ränge im Stuttgarter Neckarstadion bei der Eröffnung der III. Gymnaestrada im Jahr 1961.

Foto: Screenshot SWR-Abendschau

1961: Es war die dritte Auflage der Veranstaltung und nicht nur die Heilbronner Stimme fürchtete, dass es womöglich die letzte gewesen sein könnte. "Gymnaestrada muss unbedingt erhalten bleiben", kommentierte Erich Brodbeck am 1. August. Gymnaestrada? (www.ardmediathek.de und www.filmothek.bundesarchiv.de - ab 6:45 Minuten) Bereits seit 1953 veranstaltet der Internationale Turnerbund alle vier Jahre dieses Festival des Breitensports ohne Leistungsdruck. Gruppen ab zehn Personen präsentieren Choreografien aus allen Disziplinen des Turnsports - vom Rhönradfahren bis zum Rope Skipping. Die dritte Auflage fand 1961 mit 10.000 Teilnehmern aus 27 Nationen in Stuttgart statt. Allerdings lief dabei einiges suboptimal. "Der DTB war ehrlich genug, zuzugeben, dass viele Pannen passiert sind", konstatierte Brodbeck.

Erst eine Woche vor Beginn der Veranstaltung war der Deutsche Turner-Bund den überforderten Organisatoren vor Ort beigesprungen, doch die Marketingmaschinerie wurde zu spät angeworfen, die Resonanz auf die Veranstaltung blieb gering. Zudem erwies sich das bei der Eröffnungsfeier aufgeführte Festspiel von Hermann Grauerholz als "totaler Reinfall", wie Bundesoberturnwart Franz Klemm zugab.

Von den übrigen rund 200 Darbietungen war der Stimme-Reporter allerdings beeindruckt: "Der Geist bei einer Gymnaestrada ist olympischer als der bei Olympischen Spielen. Gerade deshalb muss die Gymnaestrada erhalten bleiben, weil hier der Geist des Barons de Coubertin noch wach ist, jener Geist, für den man bei Olympischen Spielen nur noch ein Lächeln übrig hat."

Der Wunsch wurde erhört. Im vergangenen Jahr fand die 16. Weltgymnaestrada mit 18.000 Teilnehmern auf 65 Nationen im schweizerischen Dornbirn statt.

Der olympische Geist zu Gast in Stuttgart - nur wusste kaum jemand davon
Mehr als 300 000 Zuschauer sahen 1975 den Sieg von Carlos Reutemann beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Fotos: imago-images/Motorsport-Images/Reporters

1975: "Drei deutsche Musketiere im Kampf gegen die Weltelite" titelte die HSt am 31. Juli mit Blick auf den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Jochen Maas, Hans-Joachim Stuck sowie der mit deutscher Lizenz fahrende und in Mannheim lebende Österreicher Harald Ertl verpassten am Renntag vor der Rekordkulisse von 300.000 Zuschauern jedoch den Sprung aufs Podium. Ein geplatzter Reifen beendete Maas' Traum vom zweiten Formel-1-Sieg bereits in der ersten Runde, drei Runden später wurde Stuck bei seinem Comeback-Rennen von einem Defekt an seinem March gestoppt. Debütant Ertl fuhr im "Rennen der Superlative" (HSt) immerhin als Achter ins Ziel.

Es gewann der Argentinier Carlos Reutemann, Niki Lauda baute als Dritter seine Führung im Gesamtklassement aus und feierte am Saisonende seinen ersten WM-Titel. Seine im Training erreichte Zeit von 6:58,6 Minuten gilt bis heute als schnellste Runde auf der 22,835 Kilometer langen Nordschleife.

2007: Alle 189 Fahrer bei der 94. Tour de France mussten vor dem Start eine Ehrenerklärung unterzeichnen. Darin versicherten sie, in keinerlei Dopingaffäre verwickelt zu sein und auch künftig nicht gegen das Antidopingreglement zu verstoßen. Allzu viel Wert waren diese Unterschriften nicht - wie sich sehr schnell zeigte. Als erstes erwischte es Patrick Sinkewitz. Vor der 10. Etappe wurde ein positiver Trainingstest des Fuldaers bekannt, ARD und ZDF beendeten daraufhin ihre Liveberichterstattung. Am 24. Juli wurde Mitfavorit Alexander Winokurow des Blutdopings überführt, sein Team Astana zog sich daraufhin von der Tour zurück. Zwei Tage später erwischte es den Mann im gelben Trikot. Michael Rasmussen hatte einen falschen Trainings-Aufenthaltsort angegeben und wurde von seinem Team Rabobank zurückgezogen. Die Tour gewann schließlich Alberto Contador, ein mutmaßlich guter Kunde des Dopingarztes Eufemiano Fuentes.

Der olympische Geist zu Gast in Stuttgart - nur wusste kaum jemand davon

Als Spritzen verkleidete Radsportfans bei der Tour 2007.

Kein Wunder, dass die Tourberichterstattung in der HSt in erster Linie aus einer Dopingberichterstattung bestand. "Lug und Betrug - das war die Tour 2007", kommentierte Andreas Öhlschläger am 30. Juli. Der Sieger Contador habe "die Zweifel selbst genährt. Den Schlussanstieg zum Plateau de Beille fuhr er in 44:08 Minuten hinauf - mehr als eine Minute schneller als der Dominator Lance Armstrong in den Jahren 2002 (45:43) und 2004 (45:30)." Dem wurden bekanntlich nach seinem Dopinggeständnis 2013 alle sieben Toursiege aberkannt.

Mit Blick auf die Weltmeisterschaft im September mutmaßte die HSt bereits am 3. August: "Die WM in Stuttgart wird keine saubere WM sein." Auch dies bewahrheitete sich: Bronzemedaillengewinner Stefan Schumacher gestand jahrelanges Doping im Jahr 2013.

 

Fußball-Nationalspieler für zehn Tage im Gefängnis
Wäre Horst Szymaniak ein aktueller deutscher Fußball-Nationalspieler, seine Karriere wäre nach dieser Eskapade zweifellos beendet gewesen. Im Jahr 1961 hingegen wurde die Sache eher als Kavaliersdelikt behandelt. "Vor dem Wuppertaler Schnellrichter wurde der Fußball-Nationalspieler wegen Trunkenheit am Steuer zu zehn Tagen Haft ohne Bewährung verurteilt", meldete die HSt am 2. August. 14 Tage zuvor war der Spieler des Karlsruher SC bei einer Routinekontrolle mit 2,6 Promille erwischt worden. Er hatte in Wuppertal mit ehemaligen Teamkollegen gefeiert. Die Haft trat der 27-Jährige umgehend an, denn er hatte bereits bei CC Catania einen Vertrag unterschrieben und die italienische Serie A startete bereits am 27. August.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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