Der Neckarsulmer Unterbau spielt anderswo

Handball  Unter dem Bundesliga-Flaggschiff herrscht bei der Sport-Union Neckarsulm große Leere: Der Unterbau bröckelt bedenklich, viele spielen inzwischen in anderen Vereinen.

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Nina Wieland (beim Wurf) und Lisa Hanak (2.v.r.) sind zwei von sechs Neckarsulmerinnen, die beim Bezirksliga-Spitzenreiter Degmarn-Oedheim spielen.

Foto: Ralf Seidel

Sieben Spiele, sieben Siege, 230:116 Tore, Platz eins. Acht Spiele, acht Siege, 257:196 Tore, Platz eins. Die ersten Mannschaften der SG Degmarn-Oedheim dominieren bei Frauen wie Männern den Bezirk Heilbronn-Franken. Diese Stärke beruht zu einem Gutteil auf den zahlreichen Neuzugängen vom Nachbarverein und Jugend-Kooperationspartner aus Neckarsulm.

In der Spitze ist die Sport-Union mit ihren Bundesliga-Frauen weiterhin das Aushängeschild. Der Unterbau jedoch bröckelt bedenklich. Zwar spielt die aus der Oberliga drei Klassen tiefer in die Landesliga degradierte Männer-Mannschaft oben mit. Doch das zweite Team steht nach bereits zwei Spielabsagen wegen zu weniger Spieler kurz vor dem Ausschluss und als siegloses Schlusslicht ohnehin vor dem Abstieg in die Bezirksklasse. Das A-Junioren-Team wurde vor Saisonbeginn abgemeldet.

Der zweiten Frauenmannschaft droht der Abstieg in die Verbandsliga

Die zweite Frauenmannschaft, die jahrelang den Sprung in die Oberliga verpasst hat, droht nach fünf Niederlagen in Serie und dem Abrutschen auf den drittletzten Rang in der Württembergliga der Abstieg in die Verbandsliga. Die A-Juniorinnen stehen nach dem denkbar knapp verpassten Sprung in die Bundesliga im Sommer nun auf dem vorletzten Rang in der Oberliga. Die Probleme beider Teams bedingen einander, da die A-Juniorinnen auch in der Württembergliga eingesetzt werden. Ausschlaggebend ist die extrem ausgedünnte Personaldecke. Gleich neun Spielerinnen hatten die Frauen II zu Saisonbeginn verlassen. Adäquat ersetzt werden konnten sie nicht.

Mit Lisa Hanak, Nina Wieland, Luisa Weik, Lea Stammer und Janina Mann standen gleich fünf Ex-Neckarsulmerinnen am Sonntag für die SG Degmarn-Oedheim beim 24:15-Heimsieg gegen den TB Richen auf dem Feld. Mit der fehlenden Lea Schmierer wäre das halbe Dutzend voll gewesen. Weitet man den Blick noch ein wenig, wird die Liste noch länger: Beim Oberligisten Bönnigheim finden sich Maike Grosser, Lena Halupka und Sina Häberlen, beim Drittligisten Schozach-Bottwartal Jana Brausch und Trixi Hanak. Alle Genannten haben der Sport-Union in den vergangenen drei Jahren den Rücken gekehrt. Zusammengenommen gäben sie ein vortreffliches Oberliga-Team ab.

Mangelnde Wertschätzung, Erfolgsdruck und fehlender Rückhalt des Vereins spielen auch eine Rolle

Fragt man nach den Gründen für die Abgänge, gibt es viele unterschiedliche Antworten. Mal ist es die bewusste Abkehr vom leistungsorientierten Sport, mal die Unvereinbarkeit mit Studium oder Job. Mangelnde Wertschätzung, Erfolgsdruck und fehlender Rückhalt des Vereins spielen offenbar aber auch eine Rolle.

Das beklagten auch die Oberliga-Spieler, als ihnen zum Jahreswechsel verkündet wurde, dass die Mannschaft aus Kostengründen zurückgezogen werden müsse. Unter Trainer Peter Baumann hatte sich ein verschworener Haufen gebildet, der 2017 den Oberliga-Aufstieg schaffte und sich trotz nicht viertligatauglicher Rahmenbedingungen und immer weiter gekürzter Budgets in der Klasse hielt. Die Freundschaften bestehen, die Spieler hat es zu unterschiedlichen Vereinen verstreut. Der langjährige Kapitän Benjamin Schreider und Torhüter Michael Bognar sind Teil der Degmarner Bezirksligamannschaft.

Funktionsträger haben sich aus aktiven Ämtern zurückgezogen

Mit dem Aderlass im Aktivenbereich gingen auch Abgänge im Neckarsulmer Trainerbereich einher. Der ambitionierte Tobias Gärttner trainiert die Verbandsliga-Frauen des TV Flein, Urgestein Reiner Kazmeier die Fleiner Männer. Andere Funktionsträger haben sich aus aktiven Ämtern zurückgezogen, etwa die früheren Abteilungsleiter Joachim Kühner oder Alfred Bauer. Von außen geholte hauptamtliche Kräfte wie Annamaria Ilyes oder zuletzt Maike Daniels haben es nicht geschafft, die Verbindung zwischen Jugend, U 23 und Bundesliga herzustellen. Von Luftschlössern wie einem eigenen Internat für den Nachwuchs ganz zu schweigen.

Im Handballbereich ist Neckarsulm zu einem Bundesliga-Raumschiff mit gestörter Verbindung zur Bodenstation geworden. Auf Dauer kein guter Zustand.

Vorbild Bietigheim

Im März 2016 standen die Neckarsulmer Frauen kurz vor dem Sprung in die 1. Bundesliga, die zweite Mannschaft war gerade in die Landesliga aufgestiegen. Abteilungsleiter Alfred Bauer gab damals das Ziel aus: "Bis 2018 wollen wir in die Oberliga." Das sollte garantieren, dass die eigenen Talente den Verein nach der A-Jugend nicht verlassen, weil der Sprung in den Bundesliga-Kader zu groß ist und die zweite Mannschaft keine anspruchsvolle Alternative darstellt. Als Vorbild diente der Nachbar aus Bietigheim. Bei der SG BBM spielt die zweite Mannschaft bis heute in der 3. Liga. In Neckarsulm absehbar nicht.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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