Abreibung statt Augenhöhe: Herbe Niederlage für Neckarsulmer Handballerinnen in Bietigheim

Handball  Die Bundesliga-Handballerinnen der Sport-Union Neckarsulm präsentieren sich in Bietigheim abwehrschwach und werden beim 24:41 deklassiert.

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Der Eindruck täuscht: Neckarsulms Lucie-Marie Kretzschmar (am Ball) war gegen Bietigheim nicht richtig im Spiel − und musste zu allem Überfluss nach ein paar Minuten für die erste Hälfte angeschlagen vom Feld.

Foto: imago images/wolf-sportfoto

Es war kein erfreulicher Gang. Doch Trainerin Tanja Logvin bestand darauf. Als sie die Neckarsulmer Fans in der weitläufigen MHP-Arena entdeckt hatte, schickte sie ihre klar geschlagene Sport-Union vor die kleine, blaue Kurve. Applaus hatte das Team maximal für die Offensive der ersten Hälfte verdient.

Schnell schlichen die Neckarsulmerinnen danach in die Kabine. "Da bin ich dann schon explodiert", gestand Logvin nach der 24:41 (18:22)-Derbyvorführung gegen die SG BBM Bietigheim. Was die 47-Jährige am Freitagabend besonders ärgerte, war nicht die erwartbare Niederlage gegen den Bundesliga-Primus. Es war das mangelhafte Abwehrverhalten. "Da ruhen sie sich aus für den Angriff", monierte sie. "So war die Abwehr schon letzte Woche. Wir berühren den Gegner, aber sind nicht richtig dran", sagte Neckarsulms Leaderin Lynn Knippenborg, die nach der deutlichen Pleite erstmal Frust-Schokolade in Form eines Schoko-Kusses brauchte.

Schon nach einer Viertelstunde war die Richtung klar

Ein ausgewogener Leckerbissen war das Derby nur kurz. Auf Augenhöhe hatten die Neckarsulmerinnen sein wollen, den Favoriten so richtig ärgern. Richtig verärgert war SG-Chefcoach Markus Gaugisch aber nur in der Anfangsphase. "Spiel doch den scheiß Ball nicht dahin", brüllte er aufs Feld, nachdem Kippenborg einen Pass abgefangen hatte und zum 3:3 lief. Schon als Logvin nach einer Viertelstunde zur Auszeit griff, war die Richtung beim Bietigheimer 11:7 aber klar.

Dass es gegen den großen Favoriten eigentlich nichts zu verlieren gibt, hatte sich für die Sport-Union bereits nach acht Minuten als Trugschluss herausgestellt. Lucie-Marie Kretzschmar krümmte sich auf dem Boden der MHP-Arena und hielt sich das rechte Knie. Humpelnd ging sie nach kurzer Behandlung vom Feld und kam in der ersten Hälfte nicht mehr zurück. Damit fiel nach Carmen Moser und Daphne Gautschi auch Neckarsulms dritte Halblinke aus. Richtig im Spiel war Kretzschmar schon vorher nicht. Die gerade erst wiedergenesene Rückraum-Allrounderin Sophie Lütke musste ihr Comeback früher geben als geplant. Und machte es manierlich.

Kaum eine Neckarsulmer Spielerin kommt an ihre Leistungsgrenze heran

Die kurze Neckarsulmer Bank war gegen den üppig bestückten SG-Kader aber neben der Abwehr auch eines der großen Probleme. Zudem waren Sarah Wachter und Irene Espinola Perez angeschlagen. "Und Bietigheim kann ständig auf gleichem Niveau durchwechseln - da kann ich mit unseren acht, neun Feldspielerinnen auch nicht zaubern", sagte Logvin. Zumal kaum eine Neckarsulmerin an die Leistungsgrenze kam. Bei besserer Chancenverwertung wäre mehr drin gewesen als der noch ganz manierliche 18:22-Pausenrückstand.

Kaum zurück auf dem Feld, waren die Neckarsulmerinnen dann auch schon wieder unten. Tanja Logvin zückte nach vielen Gegentoren in wenigen Minuten schnell die Auszeit. Es half aber nichts. Bietigheim verbesserte sich defensiv deutlich. Und die Sport-Union baute auch im Angriff ab, obwohl Kretzschmar zurück kommen konnte. Beim 20:30 war der Rückstand nach 42 Minuten erstmals zweistellig. Und die SG hatte noch nicht genug.

Sport-Union bringt kaum Selbstbewusstsein mehr auf die Platte

Gaugisch schickte eine Topspielerin nach der anderen frisch aufs Feld. Und alle wollten sie sich gegen den längst geschlagenen Gegner empfehlen. "Wir haben überhaupt kein Selbstbewusstsein, keinen Selbstwert mehr auf die Platte gebracht", sagte eine enttäuschte Tanja Logvin. Ihr wehrloses Team bekam am Ende eine völlig verdiente 24:41-Abreibung.


Sport-Union Neckarsulm: Gois (10 Paraden), Wachter (1) - Kalmbach, Nooitmeer (1 Tor), Hendrikse (2), Knippenborg (7/4), Lütke (3), Stockschläder (2), Espinola Perez (4), Kooij (3), Nieuwenweg, Kretzschmar (2).

Beste Werferinnen SG: Mala (7), Kudlacz-Gloc (6), Dulfer (5).

Siebenmeter: SG 1/1, SUN 4/5.

Zeitstrafen: 4/2.

Zuschauer: 1012.

Reimer ohne Einsatz, aber mit Lob für Ex-Team

"Nein, ich bin nicht verletzt", lautete Nele Reimers kurzer Kommentar zu einem Spiel gegen Ex-Club Neckarsulm, bei dem sie keine einzige Minute für Bietigheim aufs Feld durfte. "Es ist einfach ein riesiger Kader", sagte sie mit einem enttäuschten Schulterzucken. Für ein paar Minuten das Team und zur Sport-Union zurück zu wechseln, die sie auf halblinks hätte gut gebrauchen können, sei keine Verlockung gewesen, verriet Reimer mit einem Augenzwinkern. Auch ohne sie sieht die Shooterin die Neckarsulmerinnen auf einem guten Weg: "Sie spielen einen richtig guten Angriff und haben das ja auch gegen uns in der ersten Halbzeit gezeigt." Nele Reimer ist sich sicher: "Am Ende wird Neckarsulm weit oben stehen. Die machen große Schritte." 


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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