Warum Dressurreiterin Ann-Kathrin Lindner ihr Leben auf den Kopf gestellt hat
Die ehemalige U25-Europameisterin Ann-Kathrin Lindner ist zurück zu ihren Wurzeln: Die Pferde stehen in Heilbronn, sie arbeitet wieder als Physiotherapeutin und wagt etwas Neues.

Es gab nicht den einen Tag in den vergangenen Wochen und Monaten, der das Leben von Ann-Kathrin Lindner auf den Kopf gestellt hat. „Der Verkauf von Sunfire geht mir noch nach“, erzählt die Dressurreiterin aus Auenstein. Das ist das Schicksal von Berufsreitern: Ab und an werden Pferde, die so viel mehr sind als ein Tier, mit dem Sport getrieben wird, von einem Tag auf den anderen verkauft. Wie Sunfire vor drei Jahren.
Das beschäftigt die mehrmalige U 25-Europameisterin. Die seit ein paar Tagen zu ihren Wurzeln zurückgekehrt ist: Ann-Kathrin Lindner hat ihre Pferde wieder beim Reiterverein Heilbronn stehen, arbeitet seit 1. Februar wieder als Physiotherapeutin und hat ein Fernstudium in Gesundheitsmanagement begonnen.
Ann-Kathrin Lindner verspürt Wissendurst, beginnt ein Fernstudium
„Reiten ist Sport, das ist eine körperliche Belastung“, sagt Lindner. „Aber ich habe Wissensdurst, möchte noch anders beansprucht werden. Ich wollte mich in meinem Leben noch breiter aufstellen. Ich bin 28 – ich muss es jetzt machen.“ Deshalb das Studium, die geistige Belastung. „Ich bin schon früher ein Lerner gewesen, finde es cool, mir Sachen anzueignen und durchzusteigen. Da habe ich richtig Lust drauf.“
Das alte, eindimensionalere Leben von Ann-Kathrin Lindner sah in etwa so aus: Mit ihrem Bruder Pascal, der als Automobilentwickler bei Bosch arbeitet, und dessen Freundin bildete sie auf der Reitanlage von Jürgen Kurz in Leingarten Pferde aus, startete an den Wochenenden auf Turnieren, zum Teil im Ausland.
Zehn Stunden pro Woche als Physiotherapeutin beim ASB
Das neue, dreidimensionalere Leben der feinfühligen Handarbeiterin sieht in etwa so aus: Zehn Stunden die Woche in ihrem Ausbildungsberuf im Therapiezentrum Heilbronn des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), 20 bis 30 Stunden (Fern-)Studium, dazu die Arbeit mit „nicht mehr sechs, sondern nur noch drei Pferden“, wie gehabt mit Turnierbesuchen am Wochenende. Und wie gehabt mit Lord of Dance als Paradepferd („Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich ihn nach wie vor habe“).
„Reiten ist Sport, das ist eine körperliche Belastung. Aber ich habe Wissensdurst, möchte noch anders beansprucht werden.“
Ann-Kathrin Lindner
Fast auf den Tag genau sind es vier Jahre in Leingarten gewesen („Ich bereue die Zeit nicht“), wo Pascal Lindner und seine Freundin weitermachen („Er freut sich voll für meinen Weg, steht absolut dahinter“). An beiden Standorten der unersetzliche Supervisor, der Pferde bewegt und Löcher stopft: „Mama!“, Ulrike Königs-Lindner.
Unterstützung vom Bruder, Pferdebesitzern und vor allem der Mama
Auch das Ehepaar Beck, das in Öhringen ein Familienunternehmen führt und seit etwa acht Jahren Lord of Dance, genannt Paul, Ann-Kathrin Lindner anvertraut, „hat sich riesig für mich gefreut, hat mich beraten und unterstützt“, erzählt die Sportlerin mit dem Goldenen Reitabzeichen. Duales Studium oder Fernstudium? Wo wie viele Stunden die Woche arbeiten? Der Kontakt zum ASB entstand „über eine gute Freundin, die auch Physiotherapeutin ist und mich behandelt hat“, sagt Ann-Kathrin Lindner.
„Ich arbeite montags und mittwochs, das ist gut für die Wochenenden bei Turnieren“, erzählt die Ausnahmereiterin. Die Entscheidung pro Fernstudium fiel nach der Beratung bei der Arbeitsagentur in Heilbronn. „Mit dem Fernstudium bin ich superflexibel.“ Auch für die Zeit danach, das Studium ist auf vier Jahre angelegt: „Ich will noch was von meinem Studium haben, kann bei einer Krankenkasse, in der Verwaltung eines Pflegeheims oder in einer großen Firma arbeiten.“ Und nach wie vor reiten.
Zurück im Stall beim Reiterverin Heilbronn
Mit Blick auf die Anlage am Trappensee sagt Ann-Kathrin Lindner: „Hier im Stall des RV Heilbronn hatte ich meine erfolgreichsten Zeiten, hatte damals auch als Physiotherapeutin gearbeitet, bin nebenher geritten.“ Dass sie künftig weniger im Sattel sitzen wird, nicht mehr jeden Tag, „das ändert nichts daran, wie ich mit Pferden umgehe, mit ihnen arbeite“.
Ihr neuer alter Weg ist auch der kürzere Weg: „Von Auenstein bin ich nun doppelt so schnell im Stall“, freut sich die Sportlerin des RV Ilsfeld. Wann es von Heilbronn aus erstmals zu einem Turnier geht, das wisse sie noch nicht: „Aber ich habe es künftig bei der Auswahl leichter, weil ich nicht mehr so vielen Pferden gerecht werden muss.“
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