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Mutaz Essa Barshim startet am 10. August wieder bei Hochsprung Heilbronn

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Hochsprung-Olympiasieger Mutaz Essa Barshim verrät im Stimme-Interview viel Privates und warum das What‘s-Gravity-Tour-Finale in Heilbronn stattfindet.

Olympiasieger unter sich: Mutaz Barshim, Carina Bär-Mennigen und Ehemann Florian. Am 10. August springt Barshim auf dem Heilbronner Marktplatz.
Olympiasieger unter sich: Mutaz Barshim, Carina Bär-Mennigen und Ehemann Florian. Am 10. August springt Barshim auf dem Heilbronner Marktplatz.  Foto: Seidel, Ralf

Sympathisch bescheiden hat sich Olympiasieger Mutaz Essa Barshim bei der Sommernacht der Wirtschaft unter die Gäste gemischt. Am 10. August ist der Katari der Star bei Hochsprung Heilbronn auf dem Heilbronner Marktplatz, das zugleich das finale Springen der What`s Gravity Tour ist, deren Gründer der 34-Jährige ist.

Mister Barshim, wie geht es Ihnen nach Ihrer Faszienverletzung?

Mutaz Essa Barshim: Inzwischen fühle mich wieder gut. Nachdem beim MRT vor sechs Wochen noch nicht alles verheilt war, warte ich nun auf grünes Licht vom Arzt, dass ich wieder springen darf.

Das Missgeschick passierte vor Ihrem Meeting im Mai in Doha, der ersten Station der What‘s Gravity Tour.

Barshim: Das war so schade. Ich liebe es, zu Hause zu springen und so in die Saison zu starten. Aber ich musste es akzeptieren und gab mir Zeit für den Heilungsprozess.

Ihr Arzt des Vertrauens ist Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Seit wann kennen Sie ihn?

Barshim: Wir haben uns 2012 kurz vor den Olympischen Spielen zum ersten Mal getroffen. Ich war verletzt und hatte vergeblich viele Ärzte aufgesucht. Da habe ich mir gesagt, okay, das war’s jetzt, ich werde in London nicht dabei sein. Dann hat mir ein Freund gesagt, in Deutschland gäbe es einen Arzt, aber ich wollte nirgendwo mehr hin, war müde. Trotzdem habe ich es getan. Er hat mir wirklich geholfen – und ich habe in London Silber gewonnen. Inzwischen kennt er mich und meinen Körper sehr genau.

Mit anderen Worten: Sie springen am 10. August auf dem Marktplatz bei Hochsprung Heilbronn?

Barshim: Das ist mein Ziel. Es ist für jeden Hochspringer eine Herzensangelegenheit, für dieses Publikum zu springen. Das Team hat schon in Eberstadt so viele Wettkämpfe organisiert und es waren so viele großartige Athleten hier.

Sie sind seit eineinhalb Jahrzehnten Weltklasse. Haben Sie ihr Training im Laufe der Jahre verändert?

Barshim: Auf jeden Fall. Ich habe sogar das Gefühl, dass jedes Jahr anders ist. Ich springe seit mehr als zehn Jahren auf höchstem Niveau, habe inzwischen sehr viel Erfahrung und weiß, wie ich meinen Körper in Form bringe. Das Mentale ist aber definitiv am wichtigsten. Binnen eines Monats kannst du stark sein, aber wenn du nicht stark im Kopf bist, nutzt dir die Physis nichts.

Hat schon in Heilbronn geglänzt: Essa Mutaz Barshim.
Hat schon in Heilbronn geglänzt: Essa Mutaz Barshim.  Foto: Berger, Mario

Arbeiten Sie mit Mentaltrainer?

Barshim: Nein, ich bin mein eigener Mentalcoach. Diese Mentalität habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Im Leben muss man alles akzeptieren, es gibt ein Oben und ein Unten, ein Links und ein Rechts, ein Heiß und ein Kalt. Wenn ich erwarte, dass jeden Tag alles perfekt ist, ist das nicht die Realität, sondern ein Traum. Hat man eine Verletzung oder sonst etwas, muss man das für den Moment vergessen, daraus lernen und weitermachen. Ich würde nicht sagen, dass es einfach ist, aber ich weiß, wie ich damit umgehe.

Sie sind Athlet, aber immer mehr auch Manager. Oder wie sehen Sie Ihre Rolle als Organisator?

Barshim: Ich bin kein Manager, eher ein Schöpfer. Seit mehr als 15 Jahren springe ich auf der ganzen Welt, und ich habe das Gefühl, dass ich etwas schaffen möchte – von Hochspringer zu Hochspringer. Ich möchte eine Liga von höchster Qualität aufbauen, die sich nur dem Hochsprung widmet. Gleichzeitig soll es eine Familien-Veranstaltung sein, bei der sich alle amüsieren.

Ein modernerer Ansatz also.

Barshim: Genau. Wir müssen den Sport außerhalb des Stadions betreiben und die Menschen erreichen. Wir brauchen die junge Generation. Als ich jung war, nahm mich mein Vater mit ins Stadion. Jetzt muss man zu den Kindern gehen. So haben wir 2024 in Doha angefangen. Das war auch für mich eine ziemliche Herausforderung, die andere Seite eines Wettbewerbs zu sehen. Aber es war wirklich erfolgreich.

Und 2025 hat die What‘s Gravity Tour zwei Stationen – mit dem Finale am 9. und 10. August in Heilbronn.

Barshim: Wir haben uns mit dem Team aus Heilbronn zusammengetan – und ich bin sehr glücklich darüber, weil sie auch mit dem Herzen dabei sind. Wir wussten vom ersten Treffen an, dass es gut wird.

Wie wichtig ist es, die Tour möglichst schnell weiter auszubauen?

Barshim: Sehr wichtig, weil wir eine Liga schaffen wollen – und das ist es mit einer dritten Station. Wir brauchen Leute, die an unsere Vision glauben. Ich möchte in verschiedenen Orten der Welt vertreten sein. Wir sind für alles offen, doch die Tour sollte nicht mehr als fünf Orte umfassen. Es muss für die Athleten logistisch machbar bleiben.

Als Olympiasieger und dreimaliger Weltmeister sind Sie der perfekte Botschafter. Wo sind all Ihre Medaillen?

Barshim: Meine olympische Goldmedaille von Tokio war in Doha im Museum, aber im Moment ist sie in Osaka auf der Expo. Die anderen sind ausgestellt. Ehrlich gesagt, brauche ich sie nicht zu Hause.

Bedeuten Sie Ihnen denn nichts?

Barshim: Natürlich bin ich stolz, dass ich sie gewonnen habe. Mir ist es aber auch sehr wichtig, nicht einzig der öffentliche Mutaz zu sein.

Was unterscheidet den Hochsprung-Star Barshim vom privaten Mutaz?

Barshim: Lange Zeit hat es keinen Unterschied gegeben. Ich war immer der Athlet, sogar für mich selbst. Ich musste lernen, dass es auch einen anderen Teil von mir gibt. Als ich mich verletzte, operiert wurde und etwa ein Jahr lang pausieren musste, habe ich mich gefragt: Wer bin ich jetzt? Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht, konnte mal ich selbst sein, anderen Interessen nachgehen als nur trainieren und Wettkämpfe bestreiten. 

Welche Rolle spielen Ihre zwei Kinder in diesem Prozess?

Barshim: Meine Kids sollen mich nicht nur im TV sehen. Ich möchte so viel wie möglich für sie da sein, sie im Leben begleiten und ein Vorbild sein. Ich habe auch noch andere, persönliche Ziele. So wie ich jetzt im Leben stehe, hilft es mir, auch im Sport besser zu werden. Wer zu mir nach Hause kommt, sieht nichts, was darauf deutet, dass dort ein Sportler lebt. Das ist meine persönliche Komfortzone, mein Privatbereich. Hier bin ich nicht der Athlet, sondern Mutaz, der Vater, der Ehemann und der Nachbar.

Einfach nur Mensch.

Barshim: Ganz genau. Ich liebe es, ein hilfsbereiter Ehemann zu sein. Es ist fast wie eine Therapie für mich, wenn ich all diese ganz normalen Dinge erledige, abwasche, mal einkaufen gehe oder bei den Kindern bleibe, mit ihnen etwas male. Was ich am meisten liebe, ist Windeln wechseln.

Ihre Tochter ist acht Monate. Ist sie ein Grund, wieso in der Punktetabelle der What’s Gravity Tour Männer und Frauen gleichberechtigt sind?

Barshim: Es ist definitiv das gleiche Niveau. Wir treten an, sie treten an, also ist für mich völlig klar, dass sie die gleichen Punkte, die gleichen Gelder erhalten. Wenn ich eine Tour mache, müssen die Regularien für Männer und Frauen gelten.

Zur Person

Mutaz Essa Barshim ist Olympiasieger (2021), dreimaliger Weltmeister und mit einer Bestleistung von 2,43 Meter einer der Superstars der Leichtathletik-Szene. Der 34-jährige stammt aus Doha/Katar, ist verheiratet, hat einen vierjährigen Sohn und eine acht Monate alte Tochter. In den Sommermonaten lebt er mit seiner Familie im schwedischen Malmö, wo sein Entdecker und langjähriger Trainer Stanislaw Szczyrba lebt. Seit 2020 aber trainiert er meist allein. In Doha organisiert Barshim ein eigenes Meeting und baut in Kooperation mit Hochsprung Heilbronn die What‘s Gravity Tour auf.

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