"War extrem anstrengend": Untereisesheimerin besteigt Torres del Paine in Patagonien
Amelie Kühne aus Untereisesheim ist Teil der ersten reinen Frauenseilschaft, der die Begehung der Sudafricana am Torres del Paine in Chile gelingt. Was die 24-Jährige erlebt und welche Schmerzen sie ausgehalten hat.
Sie hustet. Fühlt sich fiebrig. Da helfen Tage der Ruhe, ein frisch gebrühter Tee. Amelie Kühne ist eingemummelt, aber bester Laune. Allein sitzt sie am Küchentisch in einem Haus in El Chaltén, der bekannten Kletter-Siedlung im argentinischen Teil Patagoniens.
Hier wohnt Caro North, mit der sie bereits den El Capitan im Yosemite-Nationalpark und am 6. März die Sudafricana am Torres del Paine im Süden Chiles bezwungen hat.
Nach Bigwall-Erfolg in Patagonien: Amelie Kühne erholt sich nach extremer Kletterexpedition
Eine Premiere. Erstmals ist eine reine Frauenseilschaft, zu der auch Belen Prados und Julia Cassou gehört haben, die anspruchsvolle Bigwall-Route geklettert. Mehr als zwölf Tage in der Wand – bei Sturm, Kälte und Steinschlag. „Wir hatten fast durchgehend Pech mit dem Wetter, es hat jeden Tag irgendwann angefangen zu regnen oder zu schneien. Das war extrem anstrengend“, sagt Amelie Kühne und schluckt heißen Tee.
Umso mehr genießt es die 24-Jährige, nun wieder in einem warmen Bett zu schlafen. „Caro ist nicht da, aber ihr Freund. Er lässt mich hier leben“, sagt die junge Frau aus Untereisesheim. Lachend ergänzt sie: „Und mein Chaos ausbreiten.“ Sie lernt Spanisch, chillt. „Ich genieße es jetzt, mal kein Abenteuer mit viel Planung zu haben, sondern nur in der Natur unterwegs zu sein.“
Zwischen Regeneration und Fernweh: Warum Amelie Kühne ihren Rückflug spontan verschiebt
Weil die Lehramtsstudentin geahnt hat, dass es ihr hier super gefällt, hat sie flexibel gebucht. Den für diesen Mittwoch geplanten Rückflug hat Amelie Kühne verschoben – vermutlich auf Juli, wenn in Europa ein Sponsorentermin ansteht. Ihr Bachelorstudium in Französisch und Sport an der Uni Innsbruck hat die Unterländerin hinter sich.
Und weil das Projekt Torres del Paine, das am 1. Februar begonnen hat, zeitlich mit dem Start des Master-Studiengangs kollidiert ist, wird die Kletterin, die Ende 2020 als jüngstes Mitglied in den Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins aufgenommen worden ist, vermutlich erst im März 2027 weitermachen.
Amelie Kühne ist 2020 das jüngste Mitglied im Expeditions-Kader des DAV
Amelie Kühne lebt und liebt die Berge – seit sie ein Kind ist. Was Anderen allein beim Hinschauen Angst macht, löst in ihr tiefe Glücksgefühle aus. Im Berg spürt sie Freiheit.
Besonders nach dem Seuchenjahr 2025, als sie wegen eines Knochensporns im Sprunggelenk zwischen April und Oktober keinen Klettertag gehabt hat. Nach der Operation in Bamberg hat Kühne nicht, wie geplant, nach einem Monat mit Radfahren begonnen – weil die Wunde beim Fäden ziehen aufgeplatzt und nicht zugewachsen ist.
Not-OP: Das Klettertalent hat höllische Schmerzen
Vier Monate später wird abermals geschnitten, doch statt Linderung wird der Fuß rot, schmerzt höllisch. In Innsbruck wird das Kletter-Ass notoperiert – der Knochen hat sich infiziert. „Ich muss mich drum kümmern, wenn ich wieder daheim bin“, sagt Amelie Kühne.
Die immensen Belastungen in Patagonien sind nicht ohne Wirkung geblieben. Und doch haben sich alle Anstrengungen am Torres del Paine gelohnt.
Untereisesheimerin besteigt Torres del Paine: klare Rollenaufteilung am Berg
Schnell ist allerdings klar, dass die Konstellation mit den vier Frauen funktioniert, aber nicht reibungslos flutscht. Ehrliche Kommunikation ist in den Bergen elementar, eine klare Verteilung der Rollen inklusive. „Letztlich bin ich extrem dankbar und habe mich total gefreut, so viel klettern zu dürfen“, sagt Amelie Kühne, „denn wir haben es so hingekriegt, dass Julia und Belen sich um alles andere gekümmert haben, das war das Schöne.“
Camps aufbauen und kochen: „Das ist eine total ätzende und schwere Arbeit“
Während die zierliche Kühne mit Caro North die Seillängen macht, sich Meter um Meter nach oben kämpft, schleppen die anderen beiden Taschen, bauen die Camps auf, kochen. „Das ist eine total ätzende und schwere Arbeit“, sagt Amelie Kühne anerkennend. Trotzdem haben sie Stress hochzukommen – so schlecht sind das Wetter und die Absicherungen.
Patagonien ist bekannt für sein wechselndes Wetter, die extremen Winde. Ihre Portaledges – die an Felshaken befestigten Hängezelte – haben die Frauen mit einer zusätzlichen Plane überzogen, um sich zu schützen. Immer wieder stellen sie den Wecker auf vier in der Früh, schauen, ob sie weiterkommen. Doch mal schneit es, mal ist die Wand nass. Wieder hinlegen, warten. Ein Ritual, das Nerven kostet und mächtig Energie frisst. Kaum ziehen sie los, regnet es wieder, was sie zur Rückkehr zwingt.
Malen und Geschichten für das Tagebuch: Amelie Kühne hält Gedanken fest
Mehr als 30 Seiten ihres Tagebuchs füllt Amelie Kühne mit Gedanken, Erlebnissen, Informationen. „Da steht alles drin“, sagt sie, „und das schleppe ich tatsächlich mit auf den Gipfel.“ Wie ihre Wasserfarben. Mit Malen lenkt sich die kreative Untereisesheimerin von der mitunter elenden Warterei auf bessere Bedingungen ab.
Besteigung des Torres del Paine in Patagonien: Klettern in Bergschuhen und eisige Füße
Und ihren körperlichen Malaisen. Amelie Kühne erzählt von ihrem ob der Kälte eingefrorenen Fuß. „Ich habe ihn schon Tage vor dem Gipfel nicht mehr richtig gespürt und nicht warm bekommen“, sagt die junge Frau. Am Gipfeltag wacht sie mit rot geschwollenen Zehen auf und wechselt daher von Kletter- auf Bergschuhe. Die Ratio meldet größte Bedenken, dass sie das letzte Stück trotz bestem Wetters nicht mehr mitklettern kann, „aber irgendwie leistet der Körper doch ziemlich viel, wenn man einen großen Willen hat“, sagt Amelie Kühne – und lacht auf dem Gipfel mit ihren Kolleginnen fürs Selfie. „Ich war so fokussiert, so in meinem Element und oben raus werden die Längen leichter, dass man wirklich in Bergschuhen klettern kann.“
Lieber zurückgehen, um das Risiko in der Wand zu minimieren
Die „saumäßigen Schmerzen“ der von der Trockenheit aufgeplatzten spröden Finger erwähnt die junge Frau nur in einem Nebensatz. Weil jammern im Berg nicht hilft, schmiert sie dick Creme drauf, öffnet ihre Trinkflasche einzig mit dem Handballen und trägt tags wie nachts Handschuhe. Respekt flößt ihr aber bereits zu Beginn der Route der gefährliche Steinschlag ein, den eine Seilschaft vor ihnen auslöst – unbeabsichtigt. Um das Risiko zu minimieren, laufen die vier nach Puerto Natales, ihrem Ausgangsort, zurück, um aus sicherer Entfernung die Wand zu beobachten, bis alle Kletterer draußen sind.
Im guten Gefühl, es aller Widrigkeiten zum Trotz geschafft zu haben, sagt Amelie Kühne: „Wir waren komplett fertig, aber nur glücklich.“
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