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Zwei Turner kehren aus der Leidenszeit zurück

Nach schwierigen Verletzungen zeigen sich Milan Hosseini und Daniel Wörz von der TG Böckingen im Mehrkampf der Finals von Berlin. Es läuft allerdings nicht wie gewünscht.

Stefanie Wahl
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Lesezeit 3 Min
Zwei Turner kehren aus der Leidenszeit zurück
 Foto: IMAGO/Schreyer

Drumherumreden, wozu? Milan Hosseini verbirgt nicht, was in ihm grummelt. "Es hat nicht viel Gutes gegeben", sagt er. Ach, die Enttäuschung muss raus: "Viel schlechter hätte es nicht laufen können." Dabei ist der 19-Jährige von der TG Böckingen gut vorbereitet gewesen. Rang 17 im Mehrkampf drückt dies für ihn nur ganz und gar nicht aus. Neben Milan Hosseini sitzt sein Kumpel Daniel Wörz. Abgekämpft sieht er aus. Seine emotionale Lage sortiert der Neckargartacher nach Platz 21 erst noch: "Es fühlt sich wie ein kleines Comeback an, aber der Tag entspricht nicht meinen Trainingsleistungen."

Eine wichtige Plattform

Die deutschen Meisterschaften als wichtige Präsentations-Plattform. Die Finals als Heimspiel für Milan Hosseini und Daniel Wörz. Seit Jahren trainieren die besten Freunde am Stützpunkt Berlin und genießen nach der Zeit im Internat seit 14 Monaten ihre WG in Friedrichshain. Allen voran für Daniel Wörz geht es in der Max-Schmeling-Halle darum, sich wieder einmal in einem Mehrkampf vorzustellen. Seinem ersten seit 2018.

Sechs Geräte und die Chance, ein "Mich-gibt- es-noch" in die Turnwelt zu senden. Mit 71,550 Punkten fällt das Ausrufezeichen des muskulösen Mannes von der TG Böckingen aber eher schmächtig aus.

Zwei Turner kehren aus der Leidenszeit zurück
 Foto: Schreyer

Doch hinter dem 22-Jährigen liegen schwierige Jahre. Der Neckargartacher ist verletzungsanfällig. Immer wieder setzt ihm sein Körper die (Belastungs-)Grenze. Mal sind es kleinere Malaisen an den strapazierten Hand- und Fußgelenken, die ihn hindern sein tägliches Trainingspensum von sechs Stunden durchzuziehen, vor einem Jahr streikt der Rücken. Ein schleichender Prozess, der dazu führt, dass Daniel Wörz während einer Übung sein Bein nicht mehr spürt. Die Diagnose: Bandscheibenvorfall. Plötzlich kreisen die Gedanken um Reha und Ruhe statt um Erfolge und Edelmetall. Wie 2018, als Wörz bei der Junioren-EM Bronze am Reck gewinnt. "Es war nicht ganz einfach für mich", sagt der Unterländer. Welch semantische Untertreibung für eine Phase, in der Wörz nicht mal weiß, ob es sportlich je weitergeht.

Daniel Wörz aber gibt nicht auf - auch die Sporthilfe Unterland, in deren Olympia-Perspektivteam der Turner seit 2019 Mitglied ist, unterstützt ihn weiter. Obwohl er seinen P-Kader-Status verliert und an Wettkämpfe zunächst nicht zu denken ist. Der Sportsoldat kämpft sich wieder ran. Am Donnerstag ist ihm anzusehen, dass Wettkampferfahrung und Routine fehlen. Wie anders soll es auch sein. Daniel Wörz macht sich selbst Mut und meint: "Ich werde den Kopf nicht hängen lassen. Bis zum zweiten Halbjahr will ich wieder topfit sein." In zwei Wochen turnt er die Qualifikation zur Europameisterschaft mit. Nicht etwa, weil er sich Hoffnungen auf einen Start bei den European Games im August macht, Wörz möchte 79,000 Punkte turnen, um wieder in den Kader zu kommen. Am Donnerstag sind es 71,550 gewesen.

Einzug ins Gerätefinale am Samstag

Bei Milan Hosseini ergibt die Addition 73,350 Punkte. Dass er allen voran am Boden zu den Besten der Republik zählt, beweist der Abiturient, der diesen Freitag sein Zeugnis erhält, als Sechster. Das beschert dem Fleiner zugleich den Einzug ins Gerätefinale am Samstag. "Wenigstens das ist ein Lichtblick", meint der Jugendmeister von 2018 und murmelt doch: "Trotzdem war es meine schlechteste Übung seit langem." Nicht zu vergleichen mit jener vom DTB-Pokal, als er umjubelter Dritter wird.

Es spricht für Milan Hosseini, dass er einzig sein abgespecktes Programm an den Ringen auf seine Operation zurückführt. Auch er hat Monate der Ungewissheit hinter sich. Kein Sturz, vielmehr die ständige Belastung ist die Ursache, dass die Supraspinatussehne in der Schulter längs bis zum Ansatz angerissen ist. Weil keine konservative Behandlung anschlägt, näht ein Spezialist die Sehne im Februar 2021 wieder zusammen und verankert sie im Knochen. Die Folge: vier lange Monate Pause.

Brian Gladow, Trainer von Milan Hosseini und Daniel Wörz, klatscht ab. Zuvor hat die Beiden schon der kleine Fanclub, zu dem auch Wörz" Bruder zählt, an jedem Gerät angefeuert. Das zaubert ihnen ein kurzes Lächeln ins Gesicht. "Jetzt esse ich was Schönes", sagt Milan Hosseini und klingt bereits versöhnlicher. Ein Frustbier braucht er nicht dazu.

 
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