Leichtathletik
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Obergföll: "Meine Priorität läge klar auf der WM"

Die frühere Weltklasse-Speerwerferin Christina Obergföll spricht im Interview über Nachwuchssorgen, die WM-Aussichten der Deutschen und Ninja Warriors.

Stephan Sonntag
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Lesezeit 3 Min
Obergföll: "Meine Priorität läge klar auf der WM"
 Foto: Kunz, Christiana

Als Referentin der Barmer Ersatzkasse war Christina Obergföll am Dienstag bei der Mitgliederversammlung des FC Union Heilbronn im Bürgerhaus Böckingen zu Gast. Vor der Veranstaltung nahm sich die Speerwurf-Weltmeisterin von 2013 Zeit, um über ihre Heilbronn-Erfahrungen, die Verknüpfung von Mutterschaft und Leistungssport sowie die am Freitag beginnende Leichtathletik-WM zu sprechen.

 

Frau Obergföll, erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt in Heilbronn waren?

Christina Obergföll (überlegt): Nee. Wann?

 

Süddeutsche Meisterschaften 2016.

Obergföll (lacht): Wollte ich gerade sagen.

 

Mit 59,74 Metern haben Sie damals gewonnen. Das große Thema war aber der Kampf um das Olympia-Ticket für Rio.

Obergföll: Der ganze Streit darum hat mein Karriereende beschleunigt. Es gab den Gedanken, bis zur Heim-EM 2018 in Berlin weiterzumachen.

 

Zur Erklärung: Sie hatten in dem Jahr die zweitbeste Weite, waren bei der deutschen Meisterschaft aber nur Vierte geworden.

Obergföll: Es war eine richtig blöde Situation. Mit 64,95 Metern hatte ich die zweitbeste Weite stehen. Bei der DM habe ich aber gepatzt. Ich habe mir juristischen Beistand eingeholt, die Regularien wurden aber eingehalten, und ich wurde deshalb am Ende ganz regulär nominiert. Das war für alle Beteiligten unschön und hat mir den Schritt erleichtert, nach Rio zu sagen: Jetzt ist Schluss.

 

Durch die jüngsten Erfolge von Tatjana Maria in Wimbledon kam die Diskussion auf, inwieweit Muttersein und Leistungssport vereinbar sind. Wie war es für Sie, als Sie 2015 nach einer Babypause ein Comeback gegeben haben?

Obergföll: Du verlierst in jedem Fall den einen oder anderen Prozentpunkt an Leistung - allein durch den Schlafmangel. Es gibt auch Hemmungen. Du hinterfragst eher mal, ob 120 Kilo Nackenstoßen unbedingt sein müssen, oder ob ich da einen Bandscheibenvorfall riskiere. Ich wollte mit Blick auf Olympia aber unbedingt zurückkommen.

 

Das hat ja auch geklappt.

Obergföll: Es hat gepasst, weil mein Sohn ja noch klein war und mein Mann und ich ihn in jedes Trainingslager mitnehmen konnten. Letztlich muss das jede Frau für sich entscheiden und sicher hängt es auch von der Sportart ab. Ich würde aber keine Mutter bremsen wollen. Wenn berufliche Karrieren für Mütter möglich sind, sollten auch sportliche Karrieren möglich sein.

 

Am Freitag startet die WM. Wie sind die Aussichten für die Speerwerfer?

Obergföll: Annika Marie Fuchs traue ich durchaus etwas zu. Bei der deutschen Meisterschaft hatte sie einen 63-Meter-Wurf, der hauchdünn übertreten war. Mit einer ähnlichen Leistung ist sie zumindest im Finale dabei.

 

Bei den Männern fehlt mit Johannes Vetter der Weltmeister von 2017. Was ist dem deutschen Duo zuzutrauen?

Obergföll: Julian Weber ist ein Medaillenkandidat, vielleicht reicht es sogar für ganz vorne. Er ist bereit für einen 90-Meter-Wurf. Andi Hoffmann hat über die Saison immer extreme Hochs und Tiefs. Finale ja, alles weitere lasse ich mal offen.

 

Muss die deutsche Medaillenbank Speerwerfen bald abgeschrieben werden. Mit dem für Sie indiskutablen Wurf in Heilbronn 2016 hätten sie bei der DM 2022 Silber geholt.

Obergföll: "Meine Priorität läge klar auf der WM"

Obergföll: Es gab im Speerwerfen immer mal Phasen, in denen es in der Spitze dünn war. Jetzt ist es eben bei den Frauen der Fall. Zu meiner Zeit war der Konkurrenzkampf mit Steffi Nerius, Linda Stahl oder Katharina Molitor riesig. Ein bisschen Sorge bereitet es mir aber schon, dass im Nachwuchs aktuell wenig nachkommt.

 

Durch Corona finden die WM und die EM 2022 in einem Jahr statt. Ist das auch ein Grund dafür, dass das deutsche Starterfeld überschaubar ist?

Obergföll: Eine WM ist eine WM. Nur weil die EM in München stattfindet, ist sie nicht mehr wert. Meine Priorität läge klar auf der WM.

 

Wie nahe sind Sie selbst noch am Speerwerfen dran?

Obergföll: Zu nah.

 

Weil Ihr Mann der Bundestrainer ist?

Obergföll: Das zwar auch. Vergangene Woche habe ich aber im Rahmen eines Spendenlaufs für krebskranke Kinder in Achern an einem Speerwurf-Wettkampf teilgenommen. Mit dem wahnwitzigen Plan, den badischen Rekord Ü40 zu brechen. Das ist mir mit 44,68 Metern auch gelungen, dafür hat mir eine Woche lang alles wehgetan. Ich bin jetzt geheilt und werde das nie wieder tun.

 

Ihnen geht es aber nicht wie Dirk Nowitzki, der nach seiner Profikarriere nicht mal mit seinen Kindern Fußballspielen kann.

Obergföll: Nein, im Alltag bin ich komplett beschwerdefrei. Ich habe aber auch viel dafür getan und tue auch heute noch viel dafür. Vor drei Wochen habe ich beispielsweise am Promi-Special von Ninja Warriors teilgenommen.


Zur Person

Seit 2013 ist Christina Obergföll mit Speerwurf-Bundestrainer Boris Obergföll, geborener Henry, verheiratet. Das Paar lebt mit den Söhnen Marlon (8) und Noah (4) in Dierburg bei Offenburg. Die 40-Jährige aus Lahr war Weltmeisterin 2013 und holte bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012 jeweils Silber. son

 
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