Die Hand Gottes bezwingt den VfB Stuttgart

Sportgeschichte  In unserem historischen Wochenrückenblick geht es um handwerklich solide Böckinger Meister, Arie Haans falsches Versprechen und eine vergessene Schmach in Bukarest.

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Ein Länderspiel-Debüt zum Vergessen für Timo Hildebrand.

Foto: Archiv/dpa

"In dieser Woche vor..."

Von unserem Redakteur Stephan Sonntag

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 17. Kalenderwoche vor 63, 32 und 17 Jahren?

Solide Böckinger Kicker

1958: Wie handwerklich solide die Böckinger Meistermannschaft zusammengesetzt war, lässt sich allein an den Berufen der Spieler ablesen: Schlosser, Dreher, Gipser, Schreiner, Flaschner, Elektriker, Buchbinder, Werkzeugmacher, Bauführer und Mechaniker. "Wer erkämpfte den Rot-Weißen die Meisterschaft", fragte die HSt am 29. April und stellte anschließend die 14 Spieler von Keeper Rolf Dietz bis Halbstürmer Adolf Hagner in Steckbriefen vor.

Dank eines 1:1 beim Titelverteidiger VfB Friedrichshafen hatte sich die von Albert Wittich trainierte Elf die württembergische Meisterschaft gesichert (Schiedsrichter der Partie war übrigens der in der gestrigen Ausgabe gewürdigte Rudolf Kreitlein). "Das ist wohl das schönste Geschenk der Fußballer an den Verein und seine Anhänger im Jubiläumsjahr", schrieb die HSt.

Der Titel kam unerwartet. Nach dem Abstieg aus der 2. Liga Süd 1954 hatte nahezu die komplette Mannschaft den Club verlassen. "Es blieb nichts übrig, als sich auf ureigenste Kräfte zu besinnen, die den Verein groß machten und die auf Prinzipien der eigenen Nachwuchsförderung und Vereinstreue beruhen", erläuterte die Stimme. Nach vier Jahren harter Aufbauarbeit war das Ziel erreicht. "Kameradschaft und Zusammenhalt waren bei den in der Stille wirkenden Verantwortlichen die Hauptgrundsätze, und dass diese Attribute heute in unserer im Sport teilweise materiell gefärbten Welt noch Gültigkeit haben, bewies sich draußen am "See".

Sieglos in Aufstiegsrunde

In der Aufstiegsrunde zur Rückkehr in die II. Liga Süd blieb die Union allerdings sieglos. Bis zum heutigen Tag ist die württembergische Meisterschaft der letzte große Titel des Nachfolgevereins FC Union Heilbronn geblieben.

1989: "Wir werden dafür sorgen, dass der Uefa-Pokal in Deutschland bleibt", versprach Arie Haan am 3. Mai in der HSt. Unter dem niederländischen Trainer aus Finsterwolde hatte der VfB Stuttgart erstmals ein Europapokal-Finale erreicht. In die beiden Duelle gegen den SSC Neapel mit Weltstar Diego Armando Maradona gingen die Schwaben jedoch als klarer Außenseiter. Haans Wunschergebnis: "5:0 für uns."

Dazu kam es erwartungsgemäß nicht. Es brauchte aber schon die "Hand Gottes", damit die Italiener zu einem schmeichelhaften 2:1-Heimsieg kamen

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Als wahlweise "absolute Frechheit" (Guido Buchwald) oder "Sauerei" (Fritz Walter d. J.) bezeichneten die VfB-Spieler den Elfmeterpfiff des griechischen Referees Gerassimos Germanakos in der 69. Minute. Maradona nahm den Ball im Sechzehner mit der Hand mit und schoß ihn aus kurzer Distanz Günter Schäfer an den Unterarm. Die Folge: "Elfmeter und Ausgleich durch Falschspieler Maradona", ärgerte sich die HSt.

Ausnahmespieler brauchen kein Ausnahmeregeln

Die Hand Gottes bezwingt den VfB Stuttgart

Die württembergische Meisterschmannschaft von Union Böckingen 1958: Ganz rechts im Bild Trainer Albert Wittich.

Foto: Archiv/Brahmann

"Ein Ausnahmespieler braucht noch lange keine Ausnahmeregeln", kritisierte Karl Allgöwer. Bis dahin hatte der VfB durch ein Tor von Maurizio Gaudino verdient geführt. Careca erzielte kurz vor Schluss noch den 2:1-Siegtreffer für den Gastgeber, der dank eines 3:3 im Rückspiel zum Titel reichte und Arie Haan Lügen strafte.

2004: So einmalig war das 0:6-Debakel der deutschen Nationalmannschaft im November 2020 in Spanien gar nicht. Vor der EM in Portugal gab es ein heute fast vergessenes 1:5 in Bukarest gegen Rumänien. "Die Depression nach dem Desaster", titelte die HSt am 30. April.

Teamchef Rudi Völler nahm die Pleite auf seine Kappe, weil er Jens Jeremies und Carsten Ramelow als Innenverteidiger aufbot. Das 0:4 zur Pause übertrumpfte sogar noch das 0:3 anno 2020 in Sevilla. "Seit 1913 in Antwerpen lag kein deutsches Team nach 45 Minuten so hoch zurück", konstatierte die Stimme bereits am 29. April.

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Dementsprechend angefressen war Kapitän Oliver Kahn: "Wir haben uns richtig abschlachten lassen." Der Keeper verbrachte die zweite Halbzeit im Mannschaftsbus, VfB-Youngster Timo Hildebrand "feierte" sein Länderspieldebüt.

Weitsichtig kommentierte HSt-Redakteur Klaus Apitz das Gesehene: "Wenn jetzt alles jammert, von Schock, Katastrophe und Tiefpunkt die Rede ist, dann sind das übertriebene Reaktionen. [...] War was? Ja, viel Lärm um einen schnell vergessenen Kick."

Darum kennt keiner mehr Fabio Alderucci

216 Tore erzielte Fabio Alderucci für die Stuttgarter Kickers - allerdings nicht in seiner Karriere, sondern in einer einzigen Saison. "Deutschlands Torjäger Nummer 1 ist erst elf Jahre alt", titelte die Heilbronner Stimme am 29. April 1989. Der "Fußball-Floh" machte vor 32 Jahren europaweit Schlagzeilen. "Ein italienischer Verein schätzt seinen Marktwert schon jetzt auf 600 000 Mark", erklärte Vater Paolo damals stolz. Der Junior hatte im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF schon gegen Franz Beckenbauer auf die Torwand geschossen. Auf die Frage nach seinem Berufswunsch konnte es entsprechend nur eine Antwort geben: "Fußball-Profi - am liebsten bei Juventus Turin". Statt der alten Dame wurde es aber nur Landesligist SC Urbach und die Kreisligisten Inter Großheppach sowie SV Breuningsweiler. Zwei Kreuzbandrisse verhinderten die Weltkarriere des Fabio Alderucci.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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