Zwei Lauffener Brüder in einem Boot

Rudern  Anfang der 70er Jahre heimsten Bodo und Ingo Bethke Medaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften ein. Dass die Brüder überhaupt den Weg auf den Neckar fanden, war nicht zuletzt der ungünstigen Lage des Lauffener Tennisplatzes geschuldet.

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Der Lauffener Doppelvierer im Oktober 1972 mit (von links) Steuermann Roger Zöphel, Bodo Bethke, Ingo Bethke, Horst Peter Brandt und Wolfgang Balz.

Foto: Archiv/Krüger

Auf der Website des Berliner Hotels Art Nouveau wird auf die Rudermaschine im zweiten Stock hingewiesen, an der sich Sportler während ihres Aufenthalts fit halten können. In Wirklichkeit steht die gute Manufactum mit Wassertank inzwischen aber in der Wohnung von Hotelinhaber Ingo Bethke. "Jetzt verstaubt sie eben bei mir", schmunzelt der 64-Jährige.

Vor 48 Jahren bestimmte das Rudern noch den Alltag des damals 16-jährigen Ingo und seines zwei Jahre älteren Bruders Bodo. Die Lauffener Geschwister waren die Aushängeschilder des Ruderclubs "Neckar". Vier WM-Medaillen heimsten die Bethkes im Juniorenbereich ein. Eine silberne gemeinsam im Doppelzweier 1972 in Mailand. "Da muss ich Bodo heute noch danken, dass er mich im Endlauf über die Ziellinie gerettet hat. Ich war schon 300 Meter vor dem Ziel tot", gesteht der Jüngere. Die vielleicht dadurch verpasste Siegchance trägt ihm der große Bruder nicht nach: "Silber war mehr als wir erhofft hatten."

Ein Jahr später feierte Ingo als Schlagmann des Achters den größten Erfolg: WM-Gold im englischen Nottingham. "Das war die größte Überraschung: Der DRV-Achter gewinnt vor dem hoch favorisierten Boot der DDR", schrieb die HSt am 6. August 1973. "Mit meinen gerade einmal 1,76 Metern war ich als Schlagmann eigentlich eine Fehlbesetzung, aber ich besaß das beste Rhythmusgefühl und die beste Kondition", sagt Bethke. Das überraschende Erfolgsgeheimnis der Westdeutschen gegen die Ostdeutschen war aber ein anderes: Autogenes Training. "Wir hatten in der Vorbereitung bereits jeden Rennverlauf im Geiste durchgespielt. Den Endlauf sind war dann hochkonzentriert, fast wie in Trance gefahren."

Tennisbälle auf dem Abfallhaufen gesucht

Zwei Lauffener Brüder in einem Boot

Bodo Bethke war bis zum Sommer Gymnasiallehrer in Brackenheim.

Dass die Brüder überhaupt den Weg auf den Neckar fanden, war nicht zuletzt der ungünstigen Lage des Lauffener Tennisplatzes geschuldet. Denn der erste Sport beider Bethkes war Tennis. "Immer wenn man einen Ball verhauen hatte, musste man den im Abfallhaufen des Hotels suchen. Das hat mich genervt", erzählt Bodo Bethke.

Da er bereits im Hölderlin-Gymnasium am Schülerrudern teilnahm, wechselte er nun die Sportart. Der kleine Bruder eiferte ihm nach. "Die Bedingungen in Lauffen waren dank sehr engagierter Vereinsmitglieder genial. Das gab es damals nirgendwo sonst", sagt Ingo Bethke.

Dabei war Leistungssport abseits des Lauffener Ruderclub-Mikrokosmos Ende der 60er Jahre alles andere als angesagt. "Heute schmückt sich jeder mit einem Sixpack oder ausgeprägter Oberkörpermuskulatur. Zu jener Zeit war das verpönt. Ich habe damals die weiteste Jacke meines Vaters angezogen, um meinen strammen Oberkörper zu verstecken", erinnert sich Ingo Bethke.

Den Sprung in den Aktivenbereich nicht gewagt

Sein großer Bruder war da etwas entspannter: "Kann sein, dass es da mal hämische Kommentare gab. Schwerer als unsereiner hatten es aber definitiv die Ruderinnen."

Dass beide Brüder den Sprung in den Aktivenbereich nicht vollzogen, war indes nicht dem Zeitgeist geschuldet, sondern den Umständen. Und dass es abseits des Heimatvereins nicht viele Optionen gab. "Für mich gab es gar keine wirkliche Anschlussmöglichkeit. Durchs Abitur, den Wehrdienst und dann das Lehramtsstudium war das Interesse auch nicht mehr so da", sagt Bodo Bethke.

Sein Bruder war hingegen einer der ersten Athleten in der neuen Sportfördergruppe der Bundeswehr in Essen. "Ich habe dort ein Götterleben geführt, ein bisschen Sport gemacht und ansonsten in der Sonne gelegen und die Seele baumeln lassen", erinnert sich Ingo Bethke. Einzig die Teilnahme an der Aktiven-WM 1975 hätte ihn noch gereizt. "Alle, die es nicht in den offiziellen Achter des Verbands geschafft hatten, bildeten damals mit mir einen Rebellen-Achter. Bei der Ausscheidung in München sind wir mit einer Buglänge Rückstand Zweiter geworden."

Die schönen Seiten des Lebens

Zwei Lauffener Brüder in einem Boot

Ingo Bethke betreibt heute ein Hotel in Berlin-Charlottenburg.

Foto: privat

Statt zur WM ging es zum Politik-und Geschichtsstudium nach West-Berlin, was den Todesstoß für alle leistungssportlichen Ambitionen bedeutete. "Ich fing an zu rauchen und lernte die anderen schönen Seiten des Lebens kennen: Essen, Trinken, Genuss, Müßiggang, Party und Frauen", sagt Ingo Bethke.

Ein wenig begleitet das Rudern die Brüder aber bis heute. "Seit ich Pensionär geworden bin, versuchen einige meiner alten Kameraden mich zu einer Rückkehr zu bewegen. Ich denke ernsthaft darüber nach, wieder anzufangen. Aber nur hobbymäßig", sagt Bodo Bethke.

Sein kleiner Bruder hat die angestaubte Rudermaschine kürzlich mal wieder in Betrieb genommen. "Da ich immer noch kein Ende finde, wenn ich einmal anfange, war das Ergebnis eine Woche Schongang für meinen verhärteten Rücken. Jetzt traue ich mich nicht mehr richtig ran, weil ich mich eher gefährde, als dass es mir guttut."

Der eine wurde Lehrer, der andere Hotelier

Bis zum Sommer war Bodo Bethke Englisch- und Geschichtslehrer am Hölderlin-Gymnasium in Brackenheim. Dort hat er auch immer wieder Ruder-AGs angeboten. Der 66-jährige Pensionär ist Vater von vier Kindern und lebt in Schwaigern. "Im Vergleich zu Ingo ist meine berufliche Laufbahn eher langweilig", sagt Bodo Bethke. Der zwei Jahre jüngere Bruder Ingo Bethke hat nach seinem Politik- und Geschichtsstudium bis 1995 als Dokumentarfilmer für öffentlich-rechtliche Anstalten gearbeitet und 1993 für "Pulverfaß Provinz. Der 17. Juni 1953 im Bezirk Halle" den Bayrischen Fernsehpreis erhalten. Anschließend verschlug es ihn in die Gastronomie. Über ein italienisches Restaurant und einen Catering-Service kam er schließlich zur Hotellerie. Vor gut drei Jahren übernahm er das Art Nouveau Hotel in Berlin-Charlottenburg. Der 64-Jährige war zwei Mal verheiratet, hat eine 36-jährige Tochter, zwei Enkel und ist "seit zwölf Jahren solo". dpa

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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