Schwebende Falken und eine Schachlegende in Eppingen

Sport  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 14. Kalenderwoche vor 43, 23 und sieben Jahren?

Email

Die Frisuren und Trainingsanzüge waren zwar top, doch das Nationalelf-Debüt der Stuttgarter Karlheinz Förster (li.) und Hansi Müller verlief 1978 in Hamburg gegen Brasilien eher suboptimal.

Foto: imago-images/Pressefoto Baumann

1978: Es war vermutlich Zufall, aber in der Stimme-Ausgabe vom 6. April wird die Bandbreite der Kontroverse um die Fußball-WM 1978 in Gänze abgebildet. Unter dem Titel "Auf den Boden zurückgeholt" findet sich ein Bericht über die ernüchternde 0:1-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft in Hamburg gegen Brasilien. Ein trauriger Abend für die beiden eingewechselten Stuttgarter Debütanten Karlheinz Förster und Hansi Müller. "Das 0:1 ist ein schlechtes Ergebnis, wenn man seinen Einstand gibt", gab der VfB-Spielmacher hinterher zu Protokoll.

Zwei Seiten weiter verkündet eine Meldung, dass der zusammen mit Udo Jürgens aufgenommene WM-Song der Nationalmannschaft mit dem Titel "Buenos Dias Argentina" Gold-Status erreicht hat. "Komm" wir reichen uns die Hand", lautet eine Zeile darin. Genau das wollte Paul Breitner verhindern. "Verweigert Argentiniens Generalen den Handschlag", forderte der Ex-Nationalspieler im nebenstehenden Artikel und übte harsche Kritik am WM-Gastgeber, die fatal an die aktuelle Diskussion um die WM 2022 in Katar erinnert. DFB-Präsident Hermann Neuberger warf Breitner Tatenlosigkeit vor: "Als Vizepräsident des Welt-Fußballverbands hätte er Möglichkeiten genug gehabt, politisch auf die Zustände in Argentinien hinzuwirken."

Im Jahr 1976 hatte eine Militärjunta in dem südamerikanischen Land die Macht übernommen, deren Herrschaft bis 1983 rund 30 000 Argentinier zum Opfer fielen. Die Haltung des DFB zu den politischen Vorgängen machte Pressechef Wilfried Gerhardt deutlich: "Es ist nicht die Aufgabe der Nationalmannschaft, für oder gegen ein politisches System zu agieren." Eine Aktion der DFB-Elf für Menschenrechte wie kürzlich vor dem Länderspiel gegen Island wäre 1978 undenkbar gewesen.

 

WM-Kontroversen mit fataler Ähnlichkeit

Gerd Wittmann löste 1998 Jiri Kochta als Trainer ab und rettete die Falken-Saison auf den letzten Drücker.

Fotos: Archiv/Krüger

1998: Zum "Tag der Wahrheit" hatte die HSt das Spiel der Heilbronner Falken gegen den ERC Sonthofen ausgerufen. Nach dem 7:0-Triumph der Heilbronner titelte die Stimme am 6. April: "Die Falken schweben in die Bundesliga".

Für den letzten Auftritt der Saison galt das zweifellos, tatsächlich rettete sich das Team aber eher auf den letzten Drücker in die neu gegründete eingleisige Bundesliga, die der heutigen DEL 2 entspricht. Als süddeutscher Meister waren die Falken schließlich mit höchsten Ambitionen in die Meisterrunde mit den norddeutschen Teams in der bis dahin noch zweigleisigen 1. Bundesliga gegangen. Die Playoff-Teilnahme war das Minimalziel, doch dann hagelte es Niederlagen, der Verbleib in der zweithöchsten Spielklasse schien mehr als fraglich. Der Club zog die Notbremse, entließ Trainer Jiri Kochta und engagierte "Feuerwehrmann" Gerd Wittmann. "Der Trainer rettete die Falken, machte einen Zehn-Punkte-Rückstand wett", lobte Uwe Ralf Heer am 7. April, vergaß aber nicht zu erwähnen: "Das Ende einer Spielzeit, in der das Eis für den HEC bisweilen recht dünn war."

Im "Paul's" wurde der Bundesliga-Einzug bis in die Morgenstunden gefeiert. "Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn wir es nicht geschafft hätten", sagte Schatzmeister Dieter Wolf.

WM-Kontroversen mit fataler Ähnlichkeit

Dem Ex-Weltmeister Anatoli Karpow (li.) durften die Eppinger Zuschauer 2014 über die Schulter schauen.

2014: "Die Weltelite zu Gast beim SC Eppingen", lautete die Blickpunkt-Überschrift der HSt am 7. April zum Finale der Schach-Bundesliga. Im Fokus: der frühere Weltmeister Anatoli Karpow. "Er zog mehr Blicke auf sich, als der aktuelle Weltranglistenzweite Lewon Aronjan", schrieb Redakteur Eric Schmidt.

Ein Remis und einen Sieg steuerte der damals 62-Jährige zum dritten Platz des SV Hockenheim bei. "Er hat gezeigt, wie man mit altväterlicher Routine minimale Vorteile im Endspiel zum Erfolg ummünzen kann", lobte SCE-Mitglied Ulrich Gass. Der Hockenheimer Teamchef Dieter Auer verriet, dass der oft verkniffen wirkende Russe ein "liebenswerter, umgänglicher Mensch" sei und beim Frühstück entgegen seiner Schachgewohnheiten eher zu Schwarz greift: "Schwarzbrot statt weißer Brötchen".

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

Kommentar hinzufügen