Wie wirkt sich Corona für Pferdebesitzer aus?

Reitsport  Rüdiger Mühldorfer aus Bretzfeld vertraut seine Pferde seit 25 Jahren Jürgen Kurz an. Die Leingartenerin Sophia Luisa Aland darf weiterhin Stute Naomi bei Turnieren reiten - vorerst.

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Sehen sich mehrmals die Woche in Leingarten: Ausbilder Jürgen Kurz (links), die achtjährige Stute Naomi und ihr Besitzer Rüdiger Mühldorfer.

Foto: Lars Müller-Appenzeller

Reiten ist eine außergewöhnliche Sportart: Weil der Sportler ein Tier als Partner hat. Doch es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass dieses besondere Duo eigentlich ein Trio ist: Neben Reiter und Pferd spielt auf dem Weg zum Erfolg auch der Besitzer des tierischen Sportsfreundes eine nicht unerhebliche Rolle - die sich durch Corona verändert hat. "Ich hatte für Naomi ein lukratives Angebot aus Brasilien und den USA", sagt Rüdiger Mühldorfer. "Die Leute wollten herkommen, bekamen aber wegen Corona keinen Flug." Und das ist gut für Kaderspringreiterin Sophia Luisa Aland vom SV Leingarten.

Der 81-jährige Mühldorfer aus Bretzfeld-Schwabbach streichelt die achtjährige Hannoveraner Stute. Die weiterhin bei Jürgen Kurz in Leingarten im Stall steht. Der ehemalige Nationenpreisreiter bildet Naomi zusammen mit Kaderspringreiterin Aland aus, wobei die 15-Jährige das anhängliche Pferd bei Turnieren reitet - ein erfahrener Reiter ist Pferdebesitzern natürlich grundsätzlich lieber.

Kurz: Der Besitzer hat eine andere Denke als der Ausbilder

Reiten ist komplex, abwechslungsreich - und ein ewiger Kompromiss. "Der Besitzer hat eine andere Denke als der Ausbilder", sagt Jürgen Kurz, der der exzentrischen Naomi seit etwa drei Jahren sagt, wo"s lang geht. "Sie ist eigenwillig - das sind gute Pferde oft." Rüdiger Mühldorfer lacht. Er ist Mitglied im RV Öhringen, hat seine Pferde aber seit 1995 im Stall des Landestrainers in Leingarten stehen. Wie beispielsweise einst Armani Stern, der das Trio durch Europa reisen ließ. "Ich hatte damals ein richtig gutes Angebot für Armani Stern", erinnert sich Mühldorfer. Aber er habe nicht verkauft. Die grundsätzliche Vereinbarung damals: "Ich bekomme das Preisgeld, Jürgen den Ehrenpreis." So ist es auch heute, wenn Sophia Luisa Aland beispielsweise wie im September in Schwaigern beim M*-Springen gewinnt.

Der Reitsport ist kostspielig. Ein vielversprechendes dreijähriges Pferd koste 10 000 bis 30 000 Euro, sagt Rüdiger Mühldorfer, der seit 50 Jahren Pferdebesitzer ist, immer wieder kauft und verkauft, derzeit lediglich Naomi sein Eigen nennt. Je nach Stall zahlt man bis zu 1000 Euro pro Pferd und Monat, zuzüglich eventueller Tierarztkosten. Was der gebürtige Nürnberger leider auch schon erlebt hat: Eines seiner Pferde sei in der Halle tot zusammengebrochen. Dann doch besser verkaufen. Deshalb prüft man schon mal den Marktwert in einem Internetportal. So wie bei Naomi.

Das Ziel für 2021: erstmals S-Springen

Rüdiger Mühldorfer war beruflich in der ganzen Welt unterwegs. Als Ruheständler fährt er dienstags und donnerstags nach Leingarten, ab und an auch samstags und sowieso zu jedem Turniereinsatz: "Ich will Naomis Fortschritte sehen." 20 Turniere sei die Stute bisher von A bis M** gegangen "und hat dabei insgesamt nur sechs Fehler gemacht". Das Ziel für 2021, da sind sich Besitzer und Ausbilder nickend einig, sind erstmals schwere Prüfungen, S-Springen.

Grundsätzlich werde montags besprochen, wo und in welchen Prüfungen das Pferd gehen soll. "Da braucht es Einigkeit", sagt Jürgen Kurz, "aber das geht relativ schnell, ist eine Sache von fünf Minuten." Wobei er derzeit 15 Pferde von sechs, sieben, acht verschiedenen Besitzern im Stall habe. Da gibt es permanent Gesprächsbedarf.

Mühldorfer: Mit 15 macht man halt auch mal Fehler

Als Jürgen Kurz ihm vorgeschlagen habe, dass Sophia Luisa Aland nun Naomi bei Turnieren reiten solle, hat Rüdiger Mühldorfer gesagt: "Ja gut, dann probieren wir das mal aus." Es klappt gut. Wobei klar ist, so Mühldorfer: "Mit 15 macht man halt auch mal Fehler." Ebenso als eigenwillige achtjährige Stute. Das junge Duo ist jedenfalls ein Versprechen an die Zukunft. Die Gymnasiastin hat große Ziele, wie sie in Schwaigern im Stimme-Interview gesagt hatte: "In zwei Jahren will ich bei der Junioren-EM dabei sein. Und natürlich eines Tages bei den Olympischen Spielen."

Ein Olympiasieg als Reiter ist etwas ganz Besonderes. Weil man das richtige Pferd dazu braucht. Und den richtigen Pferdebesitzer.

Weniger Turniere in Corona-Zeiten

Die Pandemie nimmt großen Einfluss auf die Turnierkalender im Reitsport in nah und fern. Reiter müssen weiter fahren, um wie gewohnt Wochenende für Wochenende bei Turnieren satteln zu können. Wegen Corona sind sie in der Regel als Late-Entry-Turnier ausgeschrieben, so dass das doppelte Startgeld anfällt, aber meist nur die Hälfte des sonst üblichen Preisgeldes ausbezahlt wird. Viele sagen vereinfacht: Die Kosten bleiben, aber das Preisgeld fällt weg.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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