Wie sich die Erfolgsrezepte gleichen

Sportgeschichte  Früher Schwaben-Zauber, deutsche Erfolge im Sand und Winnis Millionärstruppe in Trümmern: Was das Sportgeschehen in der 15. Kalenderwoche vor 57, 36 und 21 Jahren bestimmte.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 15. Kalenderwoche vor 57, 36 und 21 Jahren?

1954

Die Erfolgsformeln im Fußball haben sich in den vergangenen knapp sechs Jahrzehnten kaum verändert. Unter dem Titel "VfB Stuttgart - der neue Meister des Südens" versuchte die HSt am 9. April das Erfolgsgeheimnis der Schwaben zu ergründen. Die Antwort von VfB-Trainerlegende Georg "Schorsch" Wurzer könnte heute ebenso gut von Pep Guardiola oder Jürgen Klopp stammen: "Das ganze Geheimnis unseres großen Erfolgs besteht darin, dass wir Vertrauen haben zu unserem eigenen Können." Dafür seien weder "Gewaltkuren mit künstlicher Luft" noch "Kasernierung wie bei Staatsamateuren östlicher Prägung" vonnöten. "Die persönliche Freiheit jedes einzelnen Mitglieds der Mannschaft wird in jeder Hinsicht gewahrt. Selbst vor großen Spielen kann jeder tun und lassen, was er für richtig hält."

Die VfB-Größen (v.l.) Erwin Waldner, Robert Schlienz und Erich Retter im Nationaltrikot.

Foto: imago-images/Baumann

Das Team wusste mit diesen Freiheiten umzugehen. Unter Wurzers Ägide wurde der VfB zwei Mal deutscher Meister und zwei Mal Pokalsieger. Prägende Figuren jener Zeit waren der einarmige Mannschaftskapitän Robert Schlienz (HSt: "Er ist von jenem Kampfgeist beseelt, mit dem aussichtslose Partien gewonnen werden), "Nationalverteidiger Erich Retter", "der zuverlässige Torwart Karl Bögelein" sowie die "Ballkünstler Otto Baitinger und Rolf Blessing". Die Stimme schwelgte: "Der Angriffszauber des VfB-Wirbelspiels ist für das Auge wunderschön."

Den 55 000 Zuschauern beim DFB-Pokalfinale zwischen dem VfB und dem 1. FC Köln wenige Tage später in Ludwigshafen wurde diese Spielweise jedoch vorenthalten. "Das Spiel war eine Enttäuschung", konstatierte die HSt am 20. April, "die notwendige Verlängerung nach der torlos verlaufenen regulären Spielzeit quittierten die Zuschauer mit einem protestierenden Pfeifkonzert." Stuttgarts Rechtsaußen Erwin Waldner gelang nach Zuspiel von Schlienz in der 104. Minute der 1:0-Siegtreffer.

1985

Die HSt-Schlagzeile vom 16. April passte zum historischen Ereignis: "Bernhard Langer hebt die Golf-Welt aus den Angeln". Als erster Deutscher überhaupt und erst dritter Nicht-Amerikaner gewann der damals 27-Jährige sensationell das Masters in Augusta. Die Amerikaner waren aus der Fassung, der "Dallas Times Herald" zog den fragwürdigen Vergleich: "Langer kommt aus Deutschland, das noch nie einen berühmten Golfer besaß, mit Ausnahme von Rommel, der im Sand sehr erfolgreich war."

Wie sich die Erfolgsrezepte gleichen

Die VfB-Größen (v.l.) Erwin Waldner, Robert Schlienz und Erich Retter im Nationaltrikot.

Foto: imago-images/Baumann

Tatsächlich stellte sich sogar Langer die Frage, ob dieser Sieg in seinem Heimatland überhaupt anerkannt werden würde: "Ich hoffe, es gibt eine Reaktion." Daher erläuterte die HSt die Bedeutung des Turniers und bewies dabei beinahe hellseherische Fähigkeiten: "Das Masters für sich zu entscheiden, das ist so, als wenn Boris Becker in Flushing Meadows triumphierte." Knapp drei Monate später gewann Becker zwar nicht die US-Open, aber als erster Deutscher das nicht minder bedeutsame Wimbledon.

2000

Es gibt ein Foto vom Amtsantritt Winfried Schäfers bei TeBe Berlin im April 1999, auf dem ein Clown ein Plakat in die Luft hält: "Mit Winni in die Champions League". Die großen Ambitionen des Zweitligisten aus der Hauptstadt lagen kaum ein Jahr später darnieder. "Der wilde Winnie steht vor Trümmerhaufen", titelte die HSt am 12. April.

Wie sich die Erfolgsrezepte gleichen

Statt Aufstieg in die Bundesliga gab es für Winfried Schäfer bei TeBe Berlin nichts als Ärger.

Foto: imago-images/Team 2

Der frühere Trikotsponsor des VfB Stuttgart, der dubiose Finanzdienstleister Göttinger Gruppe, wollte mit Millioneninvestitionen und dem früheren KSC-Erfolgscoach in die Bundesliga aufsteigen. Doch die "Millionärstruppe ist sportlich und moralisch ein Trümmerhaufen", attestierte die Stimme. Schäfer, der intern "Konfusio" genannt wurde, saß nur noch auf der Bank, weil sich der Club die vereinbarte Abfindung in Höhe von vier Millionen Mark nicht leisten konnte. "Sie können ja nicht mal einen Kiosk leiten", soll Skandalnudel Ansgar Brinkmann seinem Trainer laut "Welt" an den Kopf geworfen haben. Am Ende der Saison wurde dem Tabellen-13. die Lizenz entzogen, Schäfer lieferte sich einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Club um ausstehende Gehälter.

Jahrhundert-Eigentor

In der HSt war es am 17. April 1985 nur eine Mini-Meldung, für Otto Baumgartner aber das Fußballspiel, das ihn zeitlebens verfolgen sollte. In der 74. Minute eingewechselt, rannte der Regensburger Stürmer mit dem Ball am Fuß "schnurstracks aufs eigene Tor zu und hämmerte den Ball flach und scharf ins Netz". Der 1:0-Siegtreffer für den 1. FC Bamberg. Von da an hieß Baumgartner nur noch "Depp der Nation".

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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