Wie der VfR Gary Lineker in Güglingen kaltstellte

Sportgeschichte  Ein fliegender Hesse auf Rekordjagd, ein legendäres Testspiel und die Woche der Entscheidung für die Falken: Was bestimmte das Sportgeschehen in der 24. Kalenderwoche vor 16, 32 und 64 Jahren?

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen.

300 km/h auf einem NSU-Motorrad: ein verwegener Plan

Wilhelm Herz im Jahr 1987 mit seinem Rekordmotorrad. Foto: Archiv/dpa

1956: In den unwirtlichen Bonneville Salt Flats im US-Bundesstaat Utah jagten deutsche Ingenieure und ein tollkühner Pilot den Geschwindigkeitsrekord. "Die NSU-Werke hoffen, erstmals mit einem Motorrad über die 300 km/h-Grenze zu kommen", kündigte die HSt den verwegenen Plan am 14. Juni an. Der "fliegende Hesse" Wilhelm Herz war auserkoren, die eigens dafür konstruierte NSU Delphin III zu steuern.

Doch die Rekordjagd schien unter keinem guten Stern zu stehen. Bei den ersten Tests vor Ort wurde der "fliegende Liegestuhl" von einer Windböe erfasst und überschlug sich mehrmals. "Herz kam wunderbarerweise mit ein paar Knieprellungen davon", schrieb die HSt.

Zwei Tage später prallte sein Gefährt gegen einen Pfosten der Lichtschranke. "Feuchte Salzbahn, wechselnde Winde und abnormal hohe Temperaturen bildeten ein nicht vorausgesehenes, ganz beträchtliches Handicap. Der Zustand der Rekordpiste war nach mehreren vorangegangenen Gewitterregen einfach katastrophal", beschrieb die HSt die widrigen Umstände.

Umso bemerkenswerter war das Ergebnis. "Das Unternehmen Weltrekord wurde für NSU ein voller Erfolg", titelte die Stimme am 5. August. Bis auf 339 km/h schraubte Herz den Rekord in die Höhe. Die HSt attestierte dem 1998 verstorbenen langjährigen Geschäftsführer des Hockenheimrings "eine ganz besonders staunenswerte Leistung" und stellte ihm "das Zeugnis größten Könnertums aus".


Ein denkwürdiges VfR-Spiel in Güglingen

1988: "Ich glaube, Güglingen geht in die Fußballgeschichte ein", sagte ein namentlich nicht genannter, "weitgereister Stuttgarter Sportjournalist" begeistert von der "idyllischen Wald- und Weinbergkulisse" unter dem Hummelsberg. 5000 Zuschauer sahen am 9. Juni 1988 das Spiel zwischen einem verstärkten VfR Heilbronn und der englischen Nationalmannschaft. "Ein flottes Spiel und vier englische Tore", titelte die HSt am nächsten Tag.

Tatsächlich schlugen sich die von Michael Kübler und Harald Petras betreuten Amateure beim 0:4 wacker gegen den EM-Teilnehmer mit seinem Stürmerstar Gary Lineker und Torhüterlegende Peter Shilton. "Man kann nur hoffen, dass sich die Engländer noch steigern können", argwöhnte Helmut Bödinger, damals Vorsitzender des TSV Güglingen. Und tatsächlich: Drei Tage später verlor das Team von Manager Bobby Robson das EM-Auftaktspiel in Stuttgart mit 0:1 gegen Außenseiter Irland und schied mit zwei weiteren Vorrundenpleiten sang- und klanglos aus.


Fast wäre das Kapitel Eishockey in Heilbronn zu Ende gewesen

2004: Woche der Entscheidung für die Heilbronner Falken. Entweder stimmen die Gläubiger an diesem 9. Juni vor 16 Jahren dem Insolvenzplan zu, oder das Kapitel Eishockey in Heilbronn ist zu Ende.

Die Three Lions unterm Hummelsberg

Präsentierten 2004 den Insolvenzplan für die Heilbronner Falken (v.l.): Ernst Rupp, Claus Böhm und Rechtsanwalt Christian Kießelbach. Foto: Archiv/Andritsch

Was war passiert? Der Zweitligist hatte eine Katastrophensaison hinter sich. Am 9. Januar hatte sich der Club wegen anhaltender Erfolglosigkeit von Coach Jamie Bartman getrennt, sein Nachfolger Bob Burns flüchtete nach Ende der Hauptrunde, der "ewige Feuerwehrmann" Gerd Wittmann konnte den Abstieg nicht verhindern.

Mit der sportlichen Misere einher gingen finanzielle Probleme. Den Hauptverein Heilbronner EC und die Falken GmbH drückten Verbindlichkeiten in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Die Spielergehälter konnten nicht mehr bezahlt werden. Es fehlte an Ausrüstung und Material.

Bereits Anfang April bekannte Stürmer Shawn Heaphy in der HSt, dass er nur noch einen Schläger habe: "Aus Angst, dass er kaputt geht, traue ich mich seit Wochen nicht mehr, einen harten Schlagschuss zu machen." Am 8. April waren es schließlich auch die Eishockeyprofis, die einen Insolvenzantrag stellten.

Der Stuttgarter Anwalt Tibor Braun wurde mit der Aufgabe betraut und stellte in Rekordzeit einen Insolvenzplan auf, dem die Gläubiger am 9. Juni zustimmten. "Die Falken-GmbH ist nun entschuldet und kann bei Null beginnen", schrieb die HSt und der HEC-Vorsitzende Claus Böhm konstatierte erleichtert: "Es kam so, wie wir es erhofft hatten. Jetzt können wir uns zusammensetzen und unsere Pläne verwirklichen." Der Hauptverein trug allerdings noch jahrelang mühsam seinen Schuldenberg von 1,4 Millionen Euro ab. Erst durch den Einstieg der drei neuen Gesellschafter 2017 war der HEC entschuldet.

Boxende Radler beim Neckar-Cup

Außergewöhnliches bekamen die Zuschauer beim Neckar-Cup der RSG Heilbronn 2004 geboten. Nach einem Rempler im Sprint stiegen die Pedaleure Stefan Kink und Thorsten Carrier vom Rad und gingen mit Fäusten aufeinander los. "Sie boten den Zuschauern einen Box- und Ringkampf", schrieb die HSt. Der Sieger blieb unbekannt. 


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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