Radprofi Tanja Erath nach heftigem Sturz zurück zu Hause

Radsport  Die Massenbacherin Tanja Erath ist nach einem schweren Sturz mit Wirbelbrüchen und einer Krankenhaus-Odyssee zurück zu Hause in Köln.

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Da war die Welt für Tanja Erath noch halbwegs in Ordnung: Nach einem Sturz verpasst die Massenbacherin beim Klassiker Paris-Roubaix um neun Sekunden das Zeitlimit. Zwei Tage später stürzt sie erneut.

Fotos: imago images/Beautiful Sports/Tanja Erath/Instagram

Es ist das Rad des Lebens: mal geht es hoch, mal geht es runter, mal geht alles rasend schnell, mal quälend langsam. Radprofi Tanja Erath hat nach den völlig verrückten und äußerst schmerzhaften vergangenen Tagen besonders eines (wieder) zu schätzen gelernt: "Mich selbstständig am Waschbecken frisch machen zu können", sagt die 32-Jährige aus Massenbach.

Es war ihr erstes Wochenende wieder zu Hause in Köln. Am 28. September war sie von dort beschwingt zur Frauen-Premiere des Klassikers Paris-Roubaix aufgebrochen, mit zwei gebrochenen Wirbeln der Halswirbelsäule, einem Rippenbruch, einem Schlüsselbeinbruch, einer Kapselverletzung an der rechten Hand und einem Schleudertrauma kam sie nach einer Odyssee durch mehrere Kliniken nun zurück.

Es ging nicht um ihr Leben. Aber sie war gefährdet, nach einem fürchterlichen Sturz und unglaublicher Schlamperei "einen Querschnitt zu bekommen", wie die ausgebildete Ärztin es ausdrückt.

Wie in einen leeren Pool zu stürzen

Tanja Erath hat in Bochum Medizin studiert, arbeitet in Köln nebenher in einer Orthopädieklinik, weiß, was bei Verletzungen der Wirbelsäule passiert: "Es bitzelt an den Beinen." So wie bei ihr am Montag, 4. Oktober. Auf der ersten Etappe der britischen Womens Tour in der Nähe von Oxford "stürzt jemand links neben mir auf mich drauf, ich komme von der Straße ab, fahre eine Böschung hinunter und stürze über den Lenker Kopf voraus stumpf in den Boden wie in einen leeren Pool".

Der Fahrerin des US-Teams Tibco-Silicon Valley Bank war sofort klar, dass vor allem etwas mit der Brustwirbelsäule nicht stimmte. "Ich habe am Anfang nur geschrien", sagt Tanja Erath, die aber ihre Beine bewegen konnte - später wurde ihr klar, dass das Bitzeln von den Brennnesseln verursacht wurde, in denen sie gelandet war.

Mehrere grobfahrlässige Pannen in Großbritannien

Tanja Erath erzählt am Telefon sachlich wie eine Ärztin von dem kapitalen Crash - so wie im am Montag veröffentlichten Podcast "Parallelwelten" von Rick Zabel. Sie wolle niemanden beschuldigen, hat aber ein Feedback an den Veranstalter geschrieben, damit alles das, was bei ihr nach dem Sturz in der medizinischen Versorgung schieflief, "nicht noch einmal passiert".

Die Organisatoren haben reagiert, ebenso der Notarzt, der sie erstversorgt hat. Seine Angaben seien widersprüchlich. Tanja Eraths Urteil ist eindeutig: Das Verhalten, die Abläufe seien an mehreren Stellen grobfahrlässig gewesen.

Von der Hölle ins Fegefeuer und in den Himmel

So sieht Eraths Schlüsselbein nun aus − das Problem sind aber die Halswirbel.

Trotz ihres mehrfachen Hinweises auf den Verdacht einer Wirbelsäulenverletzung musste sie zur Trage laufen, wurde am Teamparkplatz abgesetzt, musste sich von ihrem Team ins Krankenhaus bringen lassen, wo sie trotz per Röntgenaufnahme festgestellter Wirbelbrüche selber herumlaufen und ihre Tasche tragen musste.

Der eine Bruch sei instabil, "er kann sich bewegen, das Rückenmark verletzen, noch immer", erklärt Erath. Deshalb muss sie auch jetzt zu Hause "95 Prozent des Tages flach liegen". Dass sie so großes Glück im großen Unglück hatte, erkläre ihr Physiotherapeut so: "Ich habe noch von meiner Zeit als Triathletin eine sehr starke Rückenmuskulatur, so dass die quasi meine Wirbelsäule geschient hat."

Wegen Benzinmangels fuhr kein Krankenwagen

Erst nach dem Wechsel in die Unfallchirurgie von Oxford wurde die Lage erkannt und adäquat gehandelt: keine Bewegung! Die Operationen sollten in Deutschland erfolgen, Erath per Flugzeug in die Heimat transportiert werden. "Aber wegen des Benzinmangels gab es keinen Krankenwagen, der mich zum Flughafen bringen konnte." Also wurde sie von einem deutschen Krankenwagen nach Köln geholt, in einem für sie 13 Stunden dauerndem Ritt am 7. Oktober - ihrem Geburtstag.

Von der Hölle ins Fegefeuer und in den Himmel

"Bereit für Halloween": Eraths Post mit frisch operiertem Schlüsselbein.

Es war ein Hoffen und Bangen. "Erst hieß es, meine Wirbelsäule müsse von vorne und hinten verschraubt werden - eine Riesen-OP. Ich dachte, die Welt geht unter." Aber es wird nun doch konservativ behandelt. Es folgte vergangene Woche die Operation des Schlüsselbeins - in der Klinik, in der sie arbeitet. "Am Dienstag wurde ich operiert, am Mittwoch haben mich die Ärzte versorgt, die meinen 16-Stunden-Dienst übernommen haben." Tanja Erath lacht, trotz der zwei Tage in Rennklamotten im Krankenbett, trotz der Tiefs, in denen sie Humor und ihre positiven Gedanken verloren hatte.

Ziel Paris-Roubaix 2022

Sechs bis acht Wochen muss sie nun mit einer Corsage leben. Irgendwann geht es wieder aufs Rad. Der Vertrag bei Tibco-SVB ist frisch unterschrieben. "Ich habe Lust auf nächstes Jahr bei Paris-Roubaix", sagt Tanja Erath, im Wissen, dass nicht nur ihr Heilfleisch, sondern auch der Kopf gefordert ist: "Ich bin es eigentlich gewohnt, mich 20 Stunden pro Woche zu bewegen. Und ich muss erst einmal schauen, wie ich mich fühle, wenn ich vielleicht im Februar, März oder eben erst im April wieder in ein Rennen gehe."

Ja, ein Ziel ist wieder Paris-Roubaix. Obwohl oder weil sie auch schon dort am 2. Oktober von einer anderen Fahrerin in einen schweren Sturz verwickelt worden war - ebenfalls auf den Kopf und die linke Seite - und deshalb um neun Sekunden das Zeitlimit verpasst hatte ("Das war super ärgerlich").

Von der "Hölle des Nordens" kam Tanja Erath nur wenige Stunden später nach der Fahrt durch den Tunnel ins Fegefeuer von England. Jetzt ist sie aber wieder im Himmel zu Hause, weil sie gehen, sich selber frisch machen kann. Das Rad des Lebens dreht sich weiter. Und weiter.

 

Ist es das wert?

"Ich habe nach meinem Sturz an Kristina Vogel und Edo Maas gedacht", sagt Tanja Erath - beide sitzen nach schweren Stürzen im Rollstuhl. "Man fragt sich: Ist es das Risiko wert? Aber man setzt sich auch jeden Tag aufs Neue ins Auto." Mit Trixi Worrack, die 2016 nach einem Sturz eine Niere verlor, habe die 32-Jährige gesprochen und kontaktiere bei Bedarf einen Sportpsychologen.

Podcast mit Tanja Erath: plan-z-podcast.podigee.io

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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