VfB-Profi Silas offenbart, dass er seit Jahren unter falschem Namen und Alter aktiv war

Fußball  Silas steht auf seinem VfB-Trikot. So kurz, so korrekt. Wamangituka wäre ausgeschrieben zu lang. Und falsch. Eine Geschichte über modernen Menschenhandel.

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Silas Katompa Mvumpa war eine der Entdeckungen der vergangenen Bundesligaspielzeit. Für den VfB Stuttgart erzielte der 22-Jährige elf Saisontore.

Foto: dpa

Silas Katompa Mvumpa heißt der junge Mann, der die VfB-Fans in der vergangenen Saison über elf Tore hat jubeln lassen.

In seinen zwei Jahren beim VfB Stuttgart hat es den Stuttgarter Flügelstürmer nie vor eine Kamera zum Interview gezogen. Das Reden nach seinen Toren hat er anderen überlassen. Die Scheu, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, lässt sich rückblickend nun erklären.

Wer eine Lüge lebt, der tut dies still, heimlich. Und leidet. Im Mai hat Silas die Situation nicht mehr ausgehalten, er hat sich Sven Mislintat und Markus Rüdt offenbart. "Er wollte nicht mehr unter diesem Druck weiterleben", erzählt der Sportdirektor des VfB Stuttgart. Der Druck, der entsteht, wenn der Lebenslauf Fehler aufweist.

Leben in ständiger Angst

"Ich habe in den letzten Jahren in ständiger Angst gelebt und mir auch um meine Familie im Kongo große Sorgen gemacht", sagt Silas: "Es war ein schwerer Schritt für mich, meine Geschichte zu offenbaren."

Es ist eine Geschichte über modernen Menschenhandel, die viel aussagt über unsere Welt und die Schattenseiten des Profifußball. "Silas ist kein Einzelfall in Europa. Es geht darum, aufzudecken", sagt Sven Mislintat und rekapituliert aus Sicht des VfB Stuttgart die Geschichte des jungen Mannes aus dem Kongo, der unter anderem Namen und mit falschem Geburtsdatum zum Bundesligastar wird.

Angelockt von Versprechungen in Abhängigkeit

Als 17-Jähriger absolviert Silas im Jahr 2017 ein Probetraining beim belgischen Spitzenclub RSC Anderlecht. Als das Drei-Monats-Visum abläuft, muss er eigentlich zurück in den Kongo, um es zu erneuern. Hier schaltet sich ein Vermittler ein, skizziert, dass es für den jungen Mann kein Ticket nach Europa zurückgebe, wenn er jetzt Europa verlasse. Jahr für Jahr kommen afrikanische Talente nach Belgien und Frankreich. Angelockt von Versprechungen, geraten sie schnell in Abhängigkeit von zwielichtigen Personen. Allein, jung und unbedarft gerät der Afrikaner an einen Vermittler, die Reise durch Europa führt nach Paris.

"Das war mehr und mehr ein Abhängigkeitsverhältnis, wie bei vielen anderen auch", sagt Mislintat. Der Berater kontrolliert das Leben, den Zugriff aufs Konto. Und hat den Spieler in der Hand, weil dieser durch seine geänderte Identität erpressbar ist. "Neben der psychologischen Abhängigkeit gab es auch eine finanzielle", sagt Mislintat.

Vermeidung von Ablösezahlungen

Aus Katompa Mvumpa wurde so Wamangituka, ein Vorname seines Vaters, immerhin. Sein Geburtstag vom 6. Oktober 1998 auf den 6. Oktober 1999 verlegt. Der neue Name, die Altersänderung. Warum das alles? "Es ging nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung, die hätte er auch unter seinem richtigen Namen erhalten", ist sich Sven Mislintat sicher. "Es ging mehr um die Vermeidung von Ablösezahlungen und Ausbildungsentschädigungen. Das erscheint uns sehr wahrscheinlich."

Mislintat, Spitzname Diamentenauge, entdeckt den Stürmer 2019 beim Zweitligisten Paris FC. Der Club sei offensiv eine One-Man-Show gewesen, erzählte der VfB-Manager vor einigen Monaten. Acht Millionen Euro zahlten die Stuttgarter als Zweitligist für den Flügelflitzer. In seinem zweiten Jahr beim VfB gelang ihm der Durchbruch, bis im März ein Kreuzbandriss seinen Lauf stoppte. Je höher man fliegt, desto tiefer droht der Absturz. Vielleicht hat Silas auch deshalb die Flucht nach vorn gewählt.

Bereits 2019 Berichte über Namens-Ungereimtheiten

Bereits 2019 berichtete die französische L"Équipe über Namens-Ungereimtheiten bei Silas. Erfolg macht erpressbar, er sorgt umgekehrt aber auch für die Möglichkeit, sich von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Andere afrikanische Spieler in ähnlicher Situation haben nicht die Chance, reinen Tisch zu machen.

Alle Unterlagen und Pässe seien sowohl von deutschen als auch französischen Behörden stets als echt erachtet worden, betonte Vorstandschef Thomas Hitzlsperger am Dienstagmittag in der eilends einberufenen Medienrunde.

Kontrollausschuss vom VfB informiert

Noch sind viele Fragen offen rund um die Causa. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes wurde vom VfB informiert und will "die Angelegenheit im Hinblick auf ein mögliches sportstrafrechtliches Fehlverhalten des Spielers überprüfen", wie der Ausschussvorsitzende Anton Nachreiner ankündigte.

Folgen drohen eher dem Spieler - und nicht dem VfB Stuttgart: Auf Spielergebnisse der vergangenen Saison hat die Sache keinen Einfluss mehr, da die Fristen für Einsprüche längst abgelaufen sind.


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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