Trommeln für den Tiger, Ilgs Tränen und der Hoffenheimer Torklau

Sport  Der erste WM-Kampf auf afrikanischem Boden, ein Sensations-Lauf mit fadem Beigeschmack im hohen Norden und ein unmoralischer Keeper bestimmten das Sportgeschehen in dieser Woche vor 7, 37 und 57 Jahren.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 33. Kalenderwoche vor sieben, 37 und 57 Jahren?

Der Sportminister wollte selbst in den Ring steigen

1963: Es ist der koloniale Blick auf den schwarzen Kontinent, der den Bericht über die erste Box-Weltmeisterschaft in Afrika prägt. Der Artikel vom 14. August in der HSt beginnt wie folgt: "Die Neger tanzten in einem Freudentaumel bis in den frühen Sonntagmorgen."

Der nigerianische Volksheld Dick Tiger hatte am 10. August vor 45.000 frenetischen Fans im neu erbauten Liberty Stadium in Ibadan seinen WM-Titel im Mittelgewicht verteidigt, wie hier auf Youtube zu sehen ist. Sein schwer gezeichneter Gegner Gene Fullmer aus den USA gab nach der siebten Runde auf. "Wohin die Direktübertragung des nigerianischen Rundfunks nicht reichte, drang der Klang der Urwald-Trommeln vor. So wusste man noch am selben Abend im entferntesten Kral* über den Ausgang der ersten Box-Weltmeisterschaft im schwarzen Erdteil Bescheid", hieß es in der HSt.

Der Kampf war ein Prestige-Projekt der nigerianischen Regierung. Arbeits- und Sportminister J. W. Johnson hatte sogar angekündigt, selbst einen der Vorkämpfe bestreiten zu wollen: "Wenn ich verliere, lege ich meinen Posten nieder." Aufgrund der fehlenden Boxlizenz fiel der Kampf aus, Johnson behielt seinen Job. Dick Tiger verlor seinen Titel aber bereits fünf Monate später wieder.

Der Läufer und sein Doktor - ein zu enges Verhältnis?

Unbändiger Jubel im Ziel: Patriz Ilg nach WM-Gold 1983.

1983: Auf der Ehrenrunde flossen die Tränen. "Patriz Ilg schluchzte und weinte wie ein Kind in den Armen von Professor Joseph Keul. Der wochenlang aufgestaute Druck entlud sich", schrieb die HSt am 13. August. Der kleine Mann von der Schwäbischen Alb hatte tags zuvor vor 45.000 Zuschauern im Olympistadion von Helsinki mit einem unwiderstehlichen Schlussspurt WM-Gold über 3000-Meter-Hindernis gewonnen. Bis heute der einzige Titel eines deutschen Leichtathleten über diese Strecke.

"Ich wusste, dass ich nicht verlieren kann. Ich hätte noch zwei, drei Runden mehr laufen können, keiner hätte mich bekommen", sprudelte es nach dem Triumph aus Ilg heraus. Solche Sätze und sein inniges Verhältnis zum Leiter der Freiburger Sportmedizin und langjährigem Olympia-Chefarzt wirken im Nachhinein bedenklich. In einer Studie aus dem Jahr 2017 wurde der im Jahr 2000 verstorbene Keul als der "am meisten dopingbelastete Sportmediziner in Westdeutschland" bezeichnet.

Mit diesem Hintergrundwissen lassen auch folgende Sätze aus der Stimme vom 15. August aufhorchen: "Keul weiß auch, dass er Ilg vor der WM die Sicherheit gab, in Helsinki gewinnen zu können. Bei zwei sportlichen Untersuchungen in Freiburg ermittelte Keul glänzende Werte." Ilg äußerte sich wie folgt dazu: "Ich wusste, dass die anderen das nicht drauf haben können."

Was bleibt, ist ein sensationeller Lauf, der hier auf Youtube zu sehen ist, und ein fader Beigeschmack.

Moralisches Problem wird letztlich technisch gelöst

Trommeln für den Tiger, Ilgs Tränen und der Hoffenheimer Torklau

Der Ball war drin und Raphael Schäfer (re.) hatte es genau gesehen. Zugeben wollte es der Nürnberger Keeper hinterher aber nicht.

Foto: Archiv/Screenshot

2013: Erster Bundesligaspieltag. Hoffenheim spielte gegen Nürnberg. In Sinsheim lief beim Stand von 1:0 die 45. Minute, als Kevin Volland einen langen Pass geschickt über Keeper Raphael Schäfer spitzelte, der Ball hinter der Torlinie aufkam, dann aber wieder aus dem Tor heraussprang - auch das ist hier auf Youtube zu sehen. Fast alle im Stadion hatten es gesehen, nicht aber Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer und sein Assistent Detlef Scheppe. "Dies war ein Fehler, und er ist sehr, sehr ärgerlich", gestand der Referee hinterher reumütig.

Den besten Blick auf die Situation, die als "Torklau von Hoffenheim" tagelang diskutiert wurde, hatte Schäfer, der dem Ball entsetzt hinterherschaute und verärgert die Arme ausbreitete. Trotzdem behauptete der FCN-Kapitän nach dem Spiel: "Ich habe es nicht richtig gesehen."

Das brachte ihm einen gesalzenen Kommentar in der HSt ein. "Es ist frech, nach dem Spiel rumzulügen, so zu tun, als habe man nichts gesehen, wo doch alle Welt sehen konnte, was Schäfer wirklich sah", schrieb Eric Schmidt am 12. August. "Oft ist im Fußball von Moral die Rede, von ehrlicher Arbeit und von Fairplay. Doch sobald es ernst wird, hört es auf mit der Moral - wenn's sein muss, schon am ersten Spieltag", führte Schmidt weiter aus.

Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis dieses Problem endgültig gelöst wurde: Mit der Einführung der Torlinientechnik in der Bundesliga. "Dann muss man hinterher nicht wie ein Politiker diplomatisch rumreden", plädierte selbst Schäfer damals schon für deren Einsatz.

Heilbronn und das Flutlicht - eine steinalte Debatte

Am 7. August 1963 waren im Stuttgarter Neckarstadion die neuen Flutlichtmasten in Betrieb genommen worden. Anlass genug für Stimme-Sportchef Lothar Strobl elegisch Richtung Landeshauptstadt zu blicken: "Auch im Heilbronner Stadion gibt es ja Flutlicht, allerdings nur auf dem Nebenplatz, dem Hartplatz, und keines von solcher Güte, solcher Helligkeit, solcher Blendfreiheit." Die Heilbronner Masten kosteten aber immerhin auch 40.000 D-Mark. "Ein fetter Happen, wenn man bedenkt, dass in Heilbronn ja nur der Trainingsbetrieb vom Flutlicht profitiert", bemerkte Strobl spitz. 57 Jahre später ist das Frankenstadion nach wie vor fluchtlichtfrei.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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