Tanja Erath ist bei der Frauen-Premiere des Klassikers Paris-Roubaix dabei

Radsport  Tanja Erath, Radprofi aus Massenbach, ist nach einem schweren Sturz wieder auf die Beine gekommen, hat kürzlich EM-Silber geholt - und jobt in Köln als (Impf-)Ärztin.

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Das war beim Ardennen-Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich im April, an diesem Samstag gibt es bei der Königin der Klassiker eine Premiere: Tanja Erath (vorne) ist eine von 132 Pionierinnen bei Paris-Roubaix.

Foto: imago images/Beautiful Sports

Es ist ein seit 1896 gelebter und gepflegter Mythos, eines der fünf Monumente des Radsports, die Hölle des Nordens, die Königin der Klassiker: Paris-Roubaix. An diesem Samstag (15.15 Uhr/Eurosport) wird beim 125 Jahre alten Kopfsteinpflaster-Klassiker Geschichte geschrieben: Erstmals gibt es ein Frauenrennen. Mittendrin: Tanja Erath aus Massenbach. "Ich würde nicht sagen, dass wir uns das erarbeitet haben", sagt die 31-Jährige vom US-Team Tibco-Silicon Valley Bank. "Ich sehe es eher als gesamtgesellschaftliche Entwicklung, der sich auch der Radsport nicht entziehen kann. Ich bin jedenfalls froh, Teil davon zu sein." Eine der 132 Pionierinnen wird nach 116,4 Kilometern - 29,2 davon auf den legendären Pavés - eine Siegerliste beginnen. Im vierten Versuch.

Die Pandemie hatte für Verschiebungen der für April 2020 geplanten Premiere gesorgt. Auch im Oktober 2020 und im April 2021 wurde es nichts. Die Vorbereitung läuft also tatsächlich schon seit Jahren. "Ich weiß, was mich erwartet", sagt Tanja Erath, die einst Triathletin beim Tri-Team Heuchelberg war und über Rollen-Radsport auf Online-Plattformen Radprofi wurde. Das Hinterrad rutsche auf dem "komplett anderen Kopfsteinpflaster" leicht weg, das Rad fühle sich schwammig an, "als ob man über Geröll fährt". Die Hölle des Nordens.

Jahresgehalt der Fahrerinnen zum Teil unter 5000 Euro

Ein Mal bei Nässe, ein Mal bei Trockenheit habe sie sich die legendäre Strecke angeschaut, sagt die in Köln lebende Ärztin, die sich als Impfärztin sowie mit 16- und 24-Stundendiensten in einer orthopädischen Privatklinik ihr Gehalt aufbessert. Laut Gewerkschaft liegt das Jahresgehalt der Fahrerinnen zum Teil unter 5000 Euro. "Bei den Männern ist Radsport eine Profession, mit der du Geld verdienen kannst", sagt die in Leingarten aufgewachsene Erath. Bei den Frauen sei die Entscheidung noch viel zu oft: Sport oder finanzielle Sicherheit? Tanja Erath hat aufgrund ihres Medizinstudiums in Bochum beides.

Der Höllen-Mythos, er erdrückt die ehemalige Bundesliga-Triathletin nicht. "Paris-Roubaix ist nicht einschüchternder als andere Rennen", sagt Tanja Erath. "Das Risiko zu stürzen, ist bei jedem Rennen dabei." So wie vor 13 Monaten bei der Ardèche-Rundfahrt. Erste Etappe, 500 Meter vor dem Ziel. "Ich wurde abgeräumt, landete unter einem Auto", erzählt die sprintstarke Fahrerin. Die schwere Knieverletzung, unter anderem ein Kreuzbandriss, führte sie in die Kölner Klinik, in der sie mittlerweile zwischen den Rennen und Trainings frisch operierte Patienten betreut. "Das war Glück im Unglück", sagt Tanja Erath, die drei Wochen nach dem Sturz erfuhr, dass ihr Vertrag bei Canyon/Sram Racing nicht verlängert wird. So kam es zum Wechsel zu Tibco-SVB.

Platz zwei mit dem deutschen Mixed-Team im Zeitfahren

Alles läuft bei Tanja Erath, sie ist zufrieden. Vor vier Wochen holte sie beispielsweise mit dem deutschen Mixed-Team bei den Europameisterschaften Silber im Zeitfahren. "Es war ein total schönes Erlebnis, weil ich das erste Mal ein Podest genießen konnte. Allein ist es unbehaglich, im Team dankbarer, weil man sich mit anderen freuen kann." Zumal alle im Freundes- und Bekanntenkreis die Bedeutung von EM-Silber besser einzuschätzen wüssten als etwa einen Podestplatz bei einem World-Tour-Rennen.

Zum Silber-Team von Trient gehörte auch Mieke Kröger, Olympiasiegerin von Tokio und Trainingspartnerin von Tanja Erath. "Ich hatte Mieke direkt nach der Goldfahrt geschrieben, dass ich die Medaille anfassen möchte - in der Nacht hatte ich davon geträumt!" Und? "Klar, Mieke brachte sie mit, eingepackt in einem Gefrierbeutel: sehr schwer und sehr empfindlich." Ihr Silberstück sei übrigens auch sehr schwer und habe ebenfalls schon eine Macke. Ja, Sport hinterlässt Spuren. Und kein Radrennen mehr als die dreckige und staubige Hölle des Nordens - die jetzt weiblich wird.

Im Impfzentrum waren viele den Tränen nah

Ab Mai war Tanja Erath als Impfärztin im Einsatz - so es Renn- und Trainingsplan zuließen. "Es war ein sehr schönes Arbeiten", sagt die Unterländerin, die in Köln lebt. "Viele waren den Tränen nah, waren sehr erleichtert, weil sie zur Risikogruppe gehörten und die Sicherheit der zweiten Impfung für sie existenzielle Bedeutung hatte. Es war eine sehr gute Stimmung", sagt sie über ihre Zeit als Impfärztin in Köln - auch dort ist das Impfzentrum mittlerweile geschlossen worden. "Ich habe mich für mobile Impfteams beworben", sagt Tanja Erath, die am Donnerstag 32 Jahre alt wird. "Für Radsportler sind das relativ dankbare Dienstzeiten, man kann auch relativ kurzfristig arbeiten." Die Frau aus Massenbach hat eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht, studierte Medizin in Bochum und jobbte im OP. Seit 2018 ist sie Radprofi, holte unter anderem 2018 bei der Bahn-DM Silber im Scratch und 2020 Bronze auf der Straße.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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