Stuttgart ist ein gutes Pflaster für Angelique Kerber

Tennis  Angelique Kerber kommt nach einigen Enttäuschungen zurück in die Wohlfühloase nach Stuttgart. Das top besetztes Turnier beginnt am Sonntag.

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Einfach mal loslassen können: Das war ein besonderer Glücksmoment für Angelique Kerber. Im Finale des Porsche-Tennis-Grand-Prix 2016 wiederholt sie ihren Vorjahressieg mit einem 6:4, 6:0 gegen Laura Siegemund.

Foto: Archiv/dpa

Selbstvertrauen und Sicherheit sind für Tennisprofis existenzielle Faktoren. Entsprechend schwer tun sich alle in Pandemie-Zeiten, wenn sie vom Trainingsalltag in die Turnierblase reisen. Auch Angelique Kerber, die von ihren bisherigen neun Partien dieses Jahr fünf verloren hat; 2020 bestritt die ehemalige Weltranglistenerste lediglich sechs Turniere, schied dabei dreimal in der ersten Runde aus. Hängende Schultern, hängender Kopf? Nein, sie ruft freudestrahlend aus: "Das Omen ist da!"

Deutschlands beste Tennisspielerin freut sich auf das am Samstag mit der Qualifikation beginnende Turnier in Stuttgart, das die 33-Jährige als "Wohlfühloase" bezeichnet. Stuttgart ist in jeglicher Hinsicht ein gutes Pflaster für die Porsche-Botschafterin: In der Porsche-Arena hat sie zwei Turniersiege gefeiert (2015 und 2016), im Porsche-Museum nach ihrem Wimbledonsieg 2018 eine große Pressekonferenz gegeben. Und just in diesem Raum sitzt am Dienstagmorgen Turnierdirektor Markus Günthardt, dem Angelique Kerber live zugeschaltet ist.Das Omen ist da.

Live-Stream-Pressekonferenz-Premiere

Not macht Erfinderisch. Es ist die Live-Stream-Pressekonferenz-Premiere des Traditionsturniers, das 2020 wegen Corona ausfallen musste - aber die 44. Auflage findet statt. "Es ist ein völlig anderes Turnier, Zuschauer sind uns leider nicht gegönnt", sagt Markus Günthardt, der von einer "Riesenherausforderung" spricht und stolz auf sein Teilnehmerfeld ist mit sieben Spielerinnen aus den Top Zehn der Weltrangliste und weiteren sieben Spielerinnen zwischen den Positionen elf und 20. "Damit zeigen uns die Spielerinnen, dass sie uns zutrauen, für alle Beteiligten sichere Verhältnisse zu schaffen." Sicherheit und Selbstvertrauen sind nicht nur in der Tennis-Branche gerade ein besonders kostbares Gut.

Corona-Tennis ist anders. Egal, wie lange man schon auf der Tour sei, man müsse sich an das Spiel ohne Zuschauer und an das Leben in der Bubble gewöhnen, sagt Angelique Kerber, die derzeit auf Platz 25 der Weltrangliste geführt wird und sagt: "Ich habe viel erleben müssen." Zum Beispiel eine ungeplante Corona-Quarantäne vor den Australian Open im Februar, als sie zwei Wochen lang nicht ihr Hotelzimmer verlassen durfte. Und danach in der ersten Runde gegen die US-Amerikanerin Bernarda Pera ausschied.

Man packt in Corona die Tasche anders

Man verbringe viel Zeit mit seinem Team, spiele viel, vor allem Karten. "Ich habe viele Bücher gelesen und viel telefoniert, was ich sonst nicht so mache", erzählt Angelique Kerber. "Man packt in Corona die Tasche anders, mit mehr Büchern, mehr Spielen, mehr Sportsachen." Schick machen für einen Ausflug mit Spazieren oder gar Shoppen? Mal eben raus gehen, um den Kopf frei zu bekommen? Das geht in Corona-Zeiten nicht: "Wir sind angehalten, die Blase nicht zu verlassen." Doch auch die dreimalige Grand-Slam-Siegerin klagt nicht, sei dankbar, ihrem Beruf nachgehen zu können. Am unrühmlichen Auftakt 2021 "ist ein Haken dran, ich schaue nach vorne". Auf Stuttgart. Dann auf die French Open in Paris.

Angelique Kerbers Ziele 2021 sind Etappenziele: "Ich versuche, die großen Turniere gut zu spielen." Dazu zählen die Olympischen Spiele, die in 100 Tagen beginnen. "Aber Tokio ist noch so weit weg", findet die Silbermedaillengewinnerin von 2016.

Kerber wirkt locker

Grundsätzlich ist alles so, wie sie es schon am 17. Juli 2018 im Porsche-Museum nach ihrem Wimbledon-Triumph gesagt hat: "Es geht nicht um die Rangliste. Es sind die Momente, für die ich kämpfe." Angelique Kerber muss niemandem mehr etwas beweisen. Sie wirkt locker. Die Frage nach Gedanken über ihr Karriereende ist der beste Beweis.

"Die Frage kommt immer häufiger, ich werde älter", sagt Angelique Kerber, lacht und versichert: "Die Leidenschaft ist immer noch ganz weit oben." Aber ja, gerade in diesen Zeiten mache man sich schon so seine Gedanken. In Zeiten, in denen Selbstvertrauen und Sicherheit nicht so da sind, wie es Tennisprofis für ihr Spiel brauchen.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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