Höhenflüge hinter den Gefängnismauern der JVA Heilbronn

Sport  Wir blicken zurück auf die aktuelle Kalenderwoche von vor acht, 36 und 54 Jahren. Dabei geht es um fachfremden Falken-Torhüter, der eigentlich Verteidiger ist, und um einen Hochsprung-Wettkampf an kurioser Stelle.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 41. Kalenderwoche vor 8, 36 und 54 Jahren?

1966: Meister gegen Europapokalsieger

Münchens Bernd Patzke (li.) bezeichnete Schiedsrichter Max Spindler als „Schuster“ und musste dafür 500 DM Strafe zahlen. Foto: imago-images/Werek

Beim Duell Meister gegen Europapokalsieger wurde "das Fairplay mit Füßen getreten", wie die Stimme am 10. Oktober konstatierte. Der "Kicker" schrieb nach dem Bundesligaspiel von 1860 München gegen Borussia Dortmund sogar vom "Skandalspiel der Giganten".

Was war passiert? In der 80. Minute erzielte Siggi Held nach einem klaren Handspiel den 2:1-Siegtreffer für den BVB. Obwohl der Linienrichter das Vergehen angezeigt hatte, ließ Schiedsrichter Max Spindler den Treffer gelten. "Es brach ein Tumult ohnegleichen los. Tausende von Zuschauern gebärdeten sich wie wild. Bierdosen flogen auf den Platz, Spieler wurden handgreiflich [...]. Nur durch das Eingreifen der Polizei konnte zum Schluss ein Skandal verhindert werden", berichtete die HSt.

Besonders der Ex-Dortmunder Friedhelm Konietzka hatte seine Nerven nicht mehr im Griff. Vor dem DFB-Sportgericht wurde dem ersten Torschützen der Bundesliga-Geschichte später "Stoß vor die Brust, Tritt gegen das Schienbein, Wegschlagen der Trillerpfeife" vorgehalten. Der uneinsichtige Konietzka, der sich später wegen seiner Ähnlichkeit zum sowjetischen General Timoschenko in Timo umbenannte, wurde für sechs Monate gesperrt. Sein Teamkollege Manfred Wagner für drei Monate. Held räumte sein Handspiel ein, der DFB wollte aber nicht an der Tatsachenentscheidung rütteln. Das Fazit der Stimme lautete: "Ein schweres Foul am deutschen Fußballsport, angezettelt im Spiel von zweien seiner prominentesten Vereine."

1984: Hochsprung im Innenhof der JVA Heilbronn

Für die Insassen der JVA Heilbronn brachte der 6. Oktober eine ungewöhnliche Abwechslung in den tristen Haft-Alltag. "Höhenflüge hinter Mauern" titelte die Stimme am 9. Oktober über einen hochkarätig besetzten Hochsprung-Wettbewerb im Innenhof des Gefängnisses. Initiator der ungewöhnlichen Veranstaltung war Lothar Bächle, damals Anstalts-Sportchef und passionierter Leichtathlet. "Die Leute sollen sehen, was bei uns vor sich geht. Die meisten haben da eine ganz falsche Vorstellung", sagte Bächle damals. Die Sportler für den Wettkampf organisierte "Mister Eberstadt" Peter Schramm, der damals Jugendtrainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband war. "Die Kontakte waren damals sehr rege", erinnert sich Schramm heute.

Bei den Insassen kam der Wettkampf, den der Heilbronner Volker Wieland mit bemerkenswerten 2,15 Metern gewann, gut an. Die Stimme berichtete jedenfalls von "viel Beifall und Anfeuerungsrufen" hinter den vergitterten Fenstern.

2012: Heilbronner Falken beim Gastspiel in Kaufbeuren

Sportgeschichte: Höhenflüge hinter Gefängnismauern
Stanley-Cup-Sieger Jonathan Bernier im Falken-Trikot. Foto: Archiv/Berger

Bis heute kann Fabian Krull von sich behaupten, in seiner Eishockey-Karriere ohne Gegentor geblieben zu sein. 44 Minuten hatte der etatmäßige Verteidiger der Heilbronner Falken beim Gastspiel in Kaufbeuren auf der Bank geschmort. Dann schickte ihn Trainer Rico Rossi beim Stand von 1:3 endlich aufs Eis - allerdings in Torhütermontur. "Verteidiger Krull muss in der Not ins Falken-Tor", titelte die Stimme am 8. Oktober. Die beiden Goalies Kevin Nastiuk und Domenic Bartels hatten sich zuvor verletzt. Die Partie ging mit 2:4 verloren, der Kaufbeurer Treffer war allerdings ein Empty-Net-Goal, bei dem Krull zugunsten eines sechsten Feldspielers auf der Bank saß. Weitere Spiele im Kasten schloss er danach aber aus: "Dafür bin ich nicht gut genug."

Die Falken brauchten bis zum nächsten Wochenende also einen Goalie. Da kam der Spielerstreik in der NHL gerade recht. Schon am 11. Oktober zauberte Manager Ernst Rupp Stanley-Cup-Sieger Jonathan Bernier aus dem Hut. "Das ist das größte Erlebnis meiner Karriere", sagte Rupp angesichts des Transfercoups. 13 Partien absolvierte der Kanadier und kassierte dabei 34 Gegentreffer. Diese Bilanz hätte Krull auch schaffen können.

Schlappi mit dem Bayern-Skalp

"Schlappi, der tanzende Schnauzbart, und seine Waldhof-Buben sorgten für die Sensation des siebten Bundesliga-Spieltags", schrieb die Stimme am 9. Oktober 1984. Mit 2:1 gewann der krasse Außenseiter beim bis dato verlustpunktfreien FC Bayern München und schob sich damit auf Rang drei der Tabelle. In der Vorsaison war der Aufsteiger an gleicher Stelle noch mit 0:6 überfahren worden. Kein Wunder also, dass Waldhof-Trainer Klaus Schlappner aus dem Häuschen war. Für die Fernsehkameras zog er sich ein Bayern-Käppi über sein Markenzeichen - den Pepita Hut. "Den Bayern-Skalp", nannte er die rot-weiße Mütze. Am Ende der Saison wurde Mannheim Tabellensechster.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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