Laura Raquel Müller fehlt ein Zentimeter zur Medaille

Leichtathletik  Die Weitspringerin aus Verrenberg wird bei der U 20-EM in Tallinn mit 6,61 Meter Vierte. Teamkameradin Assani entreißt ihr im letzten Versuch Bronze.

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Laura Raquel Müller hat im Kadriorg Stadion von Tallinn eine gute Figur unter den besten Weitspringerinnen Europas abgegeben.

Foto: imago-images/Beautiful Sports

Der Sonntagstreff mit Oma Irene ist gestern ausgefallen. Laura Raquel Müller hat keine Zeit für die lieb gewonnene Familientradition gehabt, die Weitspringerin der ULG/TSG Öhringen ist im Finale der U 20-Europameisterschaften gestanden - und mit 6,61 Meter auf Platz vier geflogen. Eine Leistung, die nicht als persönliche Bestmarke geführt werden wird, da der Rückenwind mit unzulässigen 4,3 Metern pro Sekunde zu stark geblasen hat. Ein Statement der Stärke bei ihrer ersten großen internationalen Meisterschaft bleibt dieser Satz für Laura Raquel Müller dennoch.

Ein Auftritt im deutschen Nationaltrikot statt Mittagessen im Sommerkleid. Tallinn in Estland statt Orendelsall in Hohenlohe. "Meine Oma ist eine große Unterstützerin, steht immer hinter mir, ist stolz auf mich und weiß, was ich kann", sagt Laura Raquel Müller. Was sie drauf hat, beweist die Gymnasiastin aus Verrenberg im Kadriorg Stadion vor den Augen ihres Vaters und Heimtrainers Wolfgang Müller.

Zwei Zentimeter fehlen zu Silber

Er beobachtet, wie seine 17-jährige Tochter nach 6,33 Meter und Rang fünf in der Qualifikation am Samstag nur 30 Stunden später auf 6,61 Meter fliegt und auf Position vier landet. Eine Gefühls-Achterbahn, denn ein einziger Zentimeter fehlt zur Bronzemedaille, die Müllers Teamkameradin Mikaelle Assani gewinnt - mit ihrem letzten Versuch. Und nur zwei Zentimeter liegt Müller hinter der Spanierin Tessy Ebosele.

Einzig an die Schwedin Maja Askag, die nach 6,80 Meter über Gold jubelt, reicht in einem hochklassigen Wettbewerb keine heran. Doch auch sie hat bei ihrer Bestmarke zu viel Windunterstützung. "Ich gönne es Mikaelle ohne Ende", sagt Laura Raquel Müller dem Online-Portal "leichtathletik.de", "aber am Ende tut der eine Zentimeter natürlich weh. Ich bin froh, dass die Medaille immerhin in Deutschland bleibt."

Assani springt Weltjahresbestleistung der U 20

Ein erster Freudenschrei von Mikaelle Assani ist bereits in der Qualifikation zu hören gewesen - nach ihrem Satz auf 6,64 Meter, der zugleich Weltjahresbestleistung der U 20 bedeutet. Sie bleibt innerhalb des zulässigen Windkorridors.

Zufrieden und allen voran mächtig stolz ist Laura Raquel Müllers Familie. Noch am Abend ist Papa Wolfgang Müller ob des Krimis in der Sandgrube emotional. Schwieriger ist es, seine Tochter davon zu überzeugen, Großes geleistet zu haben. Sie durchlebt eine Achterbahn der Gefühle, ist kurzzeitig auf dem Medaillenrang, ehe sie im sechsten und letzten Versuch Assanis doch noch vom Podest geschubst wird. Da ist die Enttäuschung über die so knapp verpasste Medaille zunächst heftiger als die Freude darüber, "sich in fast jedem Sprung gesteigert zu haben", wie Wolfgang Müller sagt. Er verfolgt das Geschehen auf Höhe des Anlaufes und sieht, wie Laura Raquel Müller die Anweisungen von Bundestrainer Peter Rouhi effektiv umsetzt, sich als nervenstark erweist und ebenfalls im sechsten Versuch ihre Topweite schafft.

Zwei Zahlen und ein kleiner Blitz als Tattoos

Die guten Nachrichten entgehen auch der Großmutter daheim nicht. "Meine Oma, bei der ich als Kind auch aufgewachsen bin, war ein bisschen meine Ersatzmutti. Sie und mein Vater, der schon früh alleinerziehend war, sind die wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben", sagt Laura Raquel Müller. Daher hat sie sich deren Geburtsdaten als Tattoos stechen lassen. Auf Höhe der Rippen, nah beim Herzen. "Das ist mir enorm wichtig, dass sie immer bei mir sind, ich bereue es nicht", sagt der Teenager. Dann gibt es da noch den kleinen Blitz. Er steht für ihren Sport - und soll Laura Raquel Müller "auch wenn ich alt und runzlig bin an die tolle Jugendzeit und die Leichtathletik erinnern".

Wie an jene ereignisreichen Tage in Estland, wo die von der Sporthilfe Unterland geförderte Athletin zeigt, welch Potenzial sie besitzt, um auch in Zukunft unter den Besten des Kontinents mitzumischen. Schließlich gehört Laura Raquel Müller auch bei der nächsten EM noch der U 20 an. Am Montag fliegt sie zurück - mit dem Wissen, dass Oma Irene immer ihr größter Fan bleiben wird.


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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