Kurioser Streit um die schnellsten Schuhe der Welt

Sportgeschichte  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Was in der 38. Kalenderwoche zehn, 33 und 52 Jahren geschah.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 38. Kalenderwoche vor 10, 33 und 52 Jahren?

Als Puma mit seinem Bürstenschuh für Aufsehen sorgte

John Carlos musste für Olympia 1968 sein Schuhmodell wechseln.

1968: Gleich zwei Sprint-Weltrekorde wurden bei den US-Trials kurz vor den Olympischen Spielen in Mexiko aufgestellt. Lee Evans lief die 400 Meter in 44,0 Sekunden und John Carlos die 200 Meter in 19,7 Sekunden. "In diesem schnellsten 200-m-Lauf alle Zeiten blieb hinter Carlos der Ex-Weltrekordler Tommie Smith mit 19,9 Sekunden ebenfalls noch um eine Zehntelsekunde unter seinem alten Weltrekord, den der Drittplatzierte Larry Questad, einstellte", schrieb die Heilbronner Stimme am 14. September.

Diese Fabelzeiten waren kein Zufall, sondern das Resultat eines legendären Bruder-Zwists im fränkischen Herzogenaurach. Um seinem Bruder Adolf Dassler (Adidas) ein Schnippchen zu schlagen, entwickelte Rudolf Dassler (Puma) einen speziellen Schuh für die neuen Tartanbahnen und schickte eine Kollektion ins Höhentrainingslager der US-Sprinter. "Die USA-Läufer-Elite griff begeistert zu", berichtete die HSt.

Der sogenannte "Bürstenschuh Tahoe" hatte statt der üblichen sechs oder acht langen Spikes 68 kurze Spikes am vorderen Teil der Sohle. "Ziel war es, den Läufer mit vielen kleinen Nägeln ganz nahe an die Bahn zu bringen, um ihm besonders beim Start und in den Kurven große Standsicherheit zu geben", sagt Puma-Werbemanager Helmut Fischer.

Konkurrent Adidas wies den ahnungslosen Weltverband IAAF natürlich umgehend daraufhin, dass das neue Modell nicht dem Reglement entsprach. Obwohl sich sogar noch die "Zeit" am 27. September für eine Zulassung aussprach ("Der neue Rennschuh ist für die Tartanbahn griffiger, ohne sich festzuhaken, so dass beim besten Willen nicht einzusehen ist, warum nicht ein Paragraf geändert werden sollte, der formuliert wurde, als es noch gar keine Kunststoffbahnen gab"), erkannte die IAAF die Rekorde nicht an und verbot den Schuh für die Olympischen Spiele. "Schlappe mit den neuen Weltrekord-Schlappen" war also in der HSt schon am 14. September ein treffender Titel. Bis heute gilt: mehr als elf Spikes sind nicht erlaubt.

Toni Mang gewinnt seinen fünften Titel

Kurioser Streit um die schnellsten Schuhe der Welt

Zwei Deutsche kämpften 1987 um den WM-Titel in der Viertelliterklasse: Toni Mang (vorne) behielt am Ende gegen Reinhold Roth die Oberhand. Beiden wurde die Strecke in Rijeka später zum Verhängnis.

Fotos: imago-images/Norbert Schmidt/Horstmüller

1987: Welche Cassetten in seinem Walkman laufen? "Musik, die mich stimuliert und die ich laut hören kann: Neil Diamond und Jennifer Rush", verriet Toni Mang nach seinem fünften WM-Titel. Der damals 38-jährige Motorradpilot hatte tags zuvor die Hitzeschlacht im spanischen Jarama gewonnen und stand damit bereits zwei Rennen vor Saisonende als Weltmeister in der 250ccm-Klasse fest. "Der weltweit absolut erfolgreichste noch aktive Zweirad-Rennpilot der Gegenwart", titelte die HSt am 14. September.

Dabei schien die große Zeit des kleinen Manns (167 cm) aus Inning am Ammersee längst vorbei zu sein. 1981 war er Weltmeister in zwei Klassen geworden und Sportler des Jahres in Deutschland. Ein Skiunfall mit langer Verletzungspause, der Wechsel in die Halbliterklasse und die Trennung von seinem langjährigen Chefmechaniker und Freund Sepp Schlögel schienen das Ende der Ära Mang einzuläuten. Doch mit der Rückkehr in die 250er-Klasse und dem Markenwechsel auf Honda erlebte Mang 1987 mit acht Grand-Prix-Siegen einen zweiten Frühling. "Ja sicher, es ist mein schönster Triumph. Nach schwierigen Jahren war es wieder der erste große Erfolg", sagte er der HSt.

Und der letzte. Zum Saisonauftakt 1988 gewann Mang zwar noch in Japan, doch nach einem schweren Sturz beim Großen Preis von Jugoslawien in Rijeka beendete er seine Karriere. Auf der gleichen Strecke verunglückte zwei Jahre später sein langjähriger Rivale Reinhold Roth, der seitdem ein Pflegefall ist.

Der unermüdliche Jürgen Mennel

Kurioser Streit um die schnellsten Schuhe der Welt

Am 20. September 2010 startete Jürgen Mennel zu seinem Athenlauf.

Foto: Veigel

2010: Selbst für einen Dauerläufer wie Jürgen Mennel war das eine immense Herausforderung: Ein Lauf von Heilbronn nach Athen 2500 Jahre nach dem ersten Marathonlauf der Antike. 2200 Kilometer in vier Wochen. "Das größte Abenteuer seines Lebens", titelte die HSt am 18. September. "Ich will einfach wissen, ob ich das schaffe", sagte der damals 50-jährige Obersulmer.

Zwei Tage später erfolgte an der Experimenta Heilbronn der Start. "Ich sehe meine Chancen bei 70 zu 30", schätzte der Sozialpädagoge und verriet zudem sein Energiegeheimnis: "Bananen sind gut. Ich habe seit 15 Jahren keine mehr gegessen. Ich konnte sie nicht mehr sehen. Jetzt geht es glaube ich wieder, aber nach dem Lauf werde ich nie wieder eine anrühren."

Die akribische Planung und das harte Vorbereitungstraining zahlten sich für Mennel aus. Wie geplant am 21. Oktober um 9 Uhr morgens lief er ins Panathinaiko-Stadion ein. Der griechische Sportminister und ein Tross an Journalisten empfing ihn. Ich fühle mich unheimlich leicht und locker", verriet Mennel der HSt am Telefon, versicherte aber zugleich: "Noch mal würde ich so etwas nicht machen."

Doch der 60-Jährige hat inzwischen das nächste Projekt im Auge: "Ich würde 2021 gerne von Marathon über Athen nach Olympia laufen." Wie schon vor zehn Jahren geht es ihm dabei aber um mehr als die persönliche Herausforderung. Für Mennel ist die wissenschaftliche Begleitung, der Erkenntnisgewinn zum positiven Einfluss des Sports auf die Gesundheit ausschlaggebend. Auf die "Laufstafette" von 2010 soll in Zusammenarbeit mit der Hochschule Heilbronn die "Laufbandplattform" 2021 folgen. Getreu Mennels Lebensmotto: "Ich will etwas bewegen."

Tschebi contra Merkel

Und plötzlich war er weg. Zvezdan "Tschebi" Cebinac verschwand vor dem Europapokalspiel des 1. FC Nürnberg gegen Ajax Amsterdam spurlos aus dem Mannschaftshotel. "Fall Cebinac jetzt ein Skandal", titelte die HSt am 19. September 1968. "Es ist doch wohl verständlich, dass wir ihm nicht nachlaufen und ihn suchen", wird Meistertrainer Max Merkel zitiert, den eine innige Abneigung mit seinem jugoslawischen Flankengott verband. Schon im Meisterjahr hatte Merkel mit Blick auf Tschebi laut glubberer.de gesagt: "Die Jugoslawen sollen uns ihren Slibowitz schicken, uns aber mit ihren Spielern zufrieden lassen." 

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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