Jeder Schalker Schuss ein Schlag ins bajuwarische Selbstverständnis

Sport  In der historischen Sportserie geht es um den unbeliebtesten Formel-1-Weltmeister, eine magische Karlsruher Nacht und einen Knappen-Sieg für die Geschichtsbücher.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 42. Kalenderwoche vor 24, 44 und 62 Jahren?

Kaltblütig: Mike Hawthorn (li.) feiert 1955 den Sieg in Le Mans. Foto: imago-images/Baumann

1958: Die englische Presse erklärte Mike Hawthorn zum "unbeliebtesten Weltmeister" der Formel-1-Geschichte, obwohl er als erster Brite nach dem Zweiten Weltkrieg den Titel errang. Die HSt blieb in ihrer Berichterstattung am 20. Oktober neutral und titelte: "Mike Hawthorn wurde Automobil-Weltmeister". Seinen schlechten Ruf hatte sich der damals 29-Jährige in den Vorjahren selbst erarbeitet. Zum einen durch seine Arroganz - selbst im Rennwagen trug er stets ein weißes Hemd mit Krawatte oder Fliege.

Selbst das britische Unterhaus diskutierte über den "Vaterlandsverräter"

Dann nahmen ihm seine Landsleute 1953 den Wechsel zu Ferrari übel. Die Boulevardpresse beschimpfte ihn als Vaterlandsverräter, zumal er wegen eines Nierenleidens auch noch den Militärdienst verweigerte. Selbst das britische Unterhaus diskutierte den Fall.

Weltweit für Entsetzen sorgte Hawthorn schließlich 1955. Sein rücksichtsloser Fahrstil löste bei den 24 Stunden von Le Mans den schlimmsten Unfall der Motorsportgeschichte mit 84 Toten aus. Hawthorn gewann das Rennen und genoss den Erfolg auf der Ehrenrunde und bei der Siegerehrung sichtlich.

Der große Enzo Ferrari sagte einmal treffend: "Dieser große Blonde beunruhigte mich durch seine Launenhaftigkeit. Er konnte die schwierigsten Situationen kaltblütig meistern, nur um im nächsten Moment eine haarsträubende Dummheit zu begehen."

Eine ebensolche führte auch zu einem frühen Tod. Am 22. Januar 1959 lieferte sich Hawthorn mit dem schottischen Rennstallbesitzer Rob Walker bei widrigen Wetterverhältnissen ein spontanes Wettrennen auf einer Landstraße, das für ihn tödlich an einer Eiche endete.

Jeder Schalker Schuss ein Schlag ins bajuwarische Selbstverständnis
Bis heute die höchste Bayern-Niederlage in der Bundesliga: 0:7 gegen Schalke. Foto: imago-images/Sven Simon

1976: Der FC Bayern München war in dieser Bundesligasaison die Wundertüte schlechthin. Am 2. Spieltag verlor der dreimalige Europapokalsieger mit 2:5 in Duisburg, drei Wochen später folgte ein 9:0 gegen TB Berlin, eine Woche später gelang dem Team von Trainer Dettmar Cramer nach 0:4-Rückstand noch ein 6:5-Sieg in Bochum. Später in der Saison folgten noch ein 1:6 in Saarbrücken und ein 0:5 beim HSV, die erfolgsverwöhnten Bayern beendeten die Saison als Neunter.

Vierfach-Torschütze Klaus Fischer war zu der Zeit ein Geächteter

Bis heute unvergessen bleibt der 9. Oktober 1976. "Bayern-Debakel gegen Schalke 04: Jeder Schuss ein Treffer", titelte die HSt am 11. Oktober. Das 7:0 der Knappen im Olympiastadion ist bis heute die höchste Bundesliga-Niederlage des Rekordmeisters. "50 000 Zuschauer waren zuerst verdutzt, schließlich feierten sie die groß aufspielenden Gäste", berichtete die HSt. Der geschockte Coach Cramer sagte nur: "Die Schalker haben uns deklassiert."

Allen voran Klaus Fischer, der vier Mal traf, und damit den DFB in Zugzwang setzte. Denn der Schalker Stürmer war bis dahin wegen seiner Verwicklung in den Bundesligaskandal von Nationalmannschaftsberufungen ausgeschlossen worden. Dabei hatte laut HSt sogar Bayerns Gerd Müller betont: "Das ist der geeignete Mann für meine Nachfolge." DFB-Präsident Hermann Neuberger stand jedoch weiter zu der Verbannung "ganz gleich, was kommt".

Es kam die Schalker Vizemeisterschaft hinter Mönchengladbach nicht zuletzt dank 24 Fischer-Toren und dessen Länderspieldebüt im April 1977 beim 5:0-Sieg gegen Nordirland.

Jeder Schalker Schuss ein Schlag ins bajuwarische Selbstverständnis
Ganz ohne Zaubertrank gewann der Karlsruher SC am 15. Oktober 1996 gegen den AS Rom mit 3:0. Foto: Motorsport Images

1996: Was am 15. Oktober noch keiner wusste: Es sollte der letzte große Europapokalabend des Karlsruher SC bis zum heutigen Tag sein. Zwar qualifizierten sich die Badener auch in der folgenden Saison für den Uefa-Pokal und stießen bis ins Achtelfinale vor, doch so ein rauschendes Fest wie nach dem 3:0 gegen den großen AS Rom sollte es nicht mehr geben.

"Tolles KSC-Team entzaubert den AS Rom", titelte die HSt am 16. Oktober. Stimme-Redakteurin Elke Rutschmann lobte: "Es war wieder einer dieser einzigartigen Fußballabende im Wildparkstadion, mit denen der Karlsruher SC seine Fans verwöhnt."

Endstation für den KSC war Brøndby Kopenhagen

"Nehmt das Herz in beide Hände", hatte KSC-Trainer Winfried Schäfer vor dem Spiel gefordert. Und seine Jungs taten wie geheißen. "Tor-Krokodil" Sean Dundee und zwei Mal Thorsten Fink erzielten die Treffer. "3:0 ist ein gefährliches Ergebnis", argwöhnte Fink am 17. Oktober in der Stimme. Tatsächlich verlor der KSC das Rückspiel zwei Wochen später, doch das 1:2 reichte fürs Weiterkommen. Endstation war dann Brøndby Kopenhagen. Den Uefa-Pokal 1997 gewann als letztes deutsches Team der FC Schalke 04.

Strikte Trennung in Südafrika

"Weiß und schwarz in einer Rugby-Mannschaft" titelte die HSt am 12. Oktober 1976. Mitten in der Hochphase des Apartheid-Regimes in Südafrika hatten acht weiße Spieler an einem Spiel zweier schwarzer Mannschaften in Port Elizabeth teilgenommen. Gemischte Teams waren zu jener Zeit der strikten Rassentrennung strengstens verboten. Das mutige Oktett wurde von den 10.000 Zuschauern gefeiert und auf den Schultern aus dem Stadion getragen. Sportminister Piet Koornhof focht das nicht an, er kündigte entsprechende Bestrafungen an.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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