Henning Mühlleitner: Genussmomente fürs Selbstbewusstsein

Schwimmen  Die Olympia-Nominierung und das Vertrauen in den Trainer bescheren dem Neckarsulmer Schwimmer Henning Mühlleitner ein mentales Hoch. Am Freitag wurde er bei den deutschen Meisterschaften Dritter.

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Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele in Tokio ist bei Henning Muehlleitner von der Neckarsulmer Sport-Union groß. Bei den deutschen Meisterschaften wurde er über 800 Meter Freistil Dritter.

Foto: JoKleindl

Von wegen abgeschrieben. Als seine alten Kumpels erfahren, dass Henning Mühlleitner für die Olympischen Spiele in Tokio nominiert ist, schicken sie dem Freistilschwimmer der Neckarsulmer Sport-Union eine Nachricht aufs Smartphone.

"Sie wissen wahrscheinlich nicht, was das bedeutet und wie viel Arbeit da drin steckt", sagt der Unterländer Sportler des Jahres 2018, "aber es war total nett, Nachrichten von Leuten zu kriegen, von denen ich dachte, sie haben mich schon vergessen."

Mühlleitner hat sich durch ein emotionales Tal gekämpft

Die ersten Spiele. Mit dann gerade mal 24. Olympia, das Höchste, was für Spitzensportler geht. Mitglied in diesem elitären Zirkel zu sein, darüber freuen sich nicht nur die Kumpels. "Als er in Eindhoven die Norm geschafft hat, bin ich daheim beinahe ausgerastet", sagt Christian Hirschmann, Initiator des Neckarsulmer Schwimmprojektes. "Es hat mich mega berührt, dass er so viel Vertrauen in alle gefunden hat. Jeder hat ihm einen so positiven Effekt gegeben, das fand ich geil - auch, weil er sich durch ein emotionales Tal gekämpft hat."

2018 Europameister mit der Mixed-Staffel und Dritter über 400 Meter, danach eine langwierige bakterielle Erkrankung und Verletzung mit Knie-Operation - eine schwierige Zeit mit Sorgen und mancher Selbstzweifel liegt hinter Henning Mühlleitner.

Das Mitglied des Sporthilfe-Perspektivteams ist einer von Fünfen, die unter dem australischen Chefcoach Matt Magee trainieren und in Japan (23. Juli bis 8. August) Team Deutschland vertreten. Damit ist das erste Kapitel Neckarsulmer-Schwimmgeschichte erfolgreich geschrieben. "Fortsetzung folgt", sagt Christian Hirschmann, wissend, dass auch die Ansprüche steigen. "Wir haben das klare Ziel, 2024 in Paris eine olympische Medaille zu gewinnen."

Bei der DM zeigt er ein engagiertes Rennen

Einer, der das sportliche Können dafür mitbringt: Henning Mühlleitner. Bei den Deutschen Meisterschaften überzeugt er am Freitag über 800 Meter Freistil in 7:57,77 Minuten als Dritter. "Das Rennen war engagiert, couragiert und nochmal eine gute Ausbelastung", sagt Mühlleitner.

Seine Paradestrecke, die 400 Meter, über die sich der Student der Wirtschaftsinformatik neben der Staffel-Nominierung auch den Einzel-Startplatz für Tokio erkämpft hat, folgt - nach den 200 Metern - am Sonntag. Weil mit Florian Wellbrock und Lukas Märtens die härtesten Konkurrenten im Höhentrainingslager weilen, "fällt unser Dreikampf leider aus", sagt Henning Mühlleitner. "Ich wäre schon gern gegen sie geschwommen." Gerade jetzt, wo der Glauben an sich dank seiner Weltklassezeit von 3:45,55 Minuten zurück ist.

Stetige Verbesserung sorgt für eine gewisse Entspannung

Um knapp zwei Sekunden verbessert sich der lange Kerl, der schon bei kleinen internen Wettkämpfen im Vorfeld spürt, dass die Zeiten deutlich flotter sind. Die quälende Unsicherheit, gar Angst, die von sich geforderte Leistung zur Minute X nicht zu präsentieren, weicht einer wohltuenden Entspanntheit. Matt Magee plant und organisiert professionell und mit Weitblick, Henning Mühlleitner vertraut ihm und schwimmt einfach. "Das hat mir extrem viel Sorge genommen", sagt der Mann, der im Sommer 2017 von Saarbrücken zur Sport-Union gewechselt ist.

Im April platzt der Knoten. Henning Mühlleitner bleibt mehrfach unter der Norm-Vorgabe des Verbandes und beweist allen voran sich selbst, was in ihm steckt - und katapultiert sich damit in ein mentales Hoch. Es beschert ihm Sicherheit in den Trainingseinheiten und zugleich ein Gefühl der inneren Ruhe. "Doch irgendwann kehrt wieder die Normalität ein und die Wolke sieben zieht vorbei", sagt Mühlleitner und lächelt. Die enorme Motivation und Vorfreude auf Tokio aber bleiben. Der Plan bis zum Abflug im Juli ins Trainingslager nach Kumamoto steht. Wie das Mühlleitnersche Ziel: "Selbstbewusst sage ich, dass das olympische Finale über 400 Meter realistisch, nicht utopisch ist."

Silber-Mann Schwingenschlögl mit starkem Statement

An der Fernsehkamera ist Fabian Schwingenschlögl am Freitagnachmittag bei den Deutschen Meisterschaften im Berliner SSE, die im Rahmen der Finals 2021 ausgetragen werden, unbemerkt vorbeigelaufen. Dabei hätte der deutsche Rekordhalter eine Würdigung verdient gehabt.

Erstmals ist der Neckarsulmer Brust-Spezialist - konzentriert beobachtet von Chefcoach Matt Magee - aus dem Trainingsprozess heraus über 100 Meter Brust unter einer Minute geblieben und damit Zweiter (59,96) hinter Lucas Matzerath. "Das war mental sehr stark", sagt Neckarsulms Vorstand Christian Hirschmann über den 29-Jährigen, "und lässt für Olympia in Tokio hoffen."

Bente Fischer gönnt sich erstmal einen Schluck Cola

Einen Schluck Cola hat sich Bente Fischer nach Platz drei über die 100 Meter Brust genehmigt. Pretty in pink hat die Neckarsulmerin zuvor nach 1:08,42 Minuten vor ihrer Teamkollegin Marlene Hüther (1:09,57) angeschlagen. "Das ist völlig in Ordnung. Ich hatte etwas Angst, dass nach den vielen Reisen etwas die Luft raus ist, aber richtig Bock schnell zu schwimmen." Das sorgt bei Christian Hirschmann für Gänsehautmomente vor den 200 Metern, ihrer Paradestrecke. Noch flotter ist Anna Elendt gewesen, die nationale Titelträgerin ist für ihren nationalen Rekord in 1:06,50 Minuten gefeiert worden.

Gekämpft hat zum Saisonende Nadine Laemmler. Über 100 Meter Rücken wird sie Fünfte (1:02,59): "Das war richtig harte Arbeit, das Jahr hat mental doch enorm gezehrt."


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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