Hendrik Dreekmann und das traurige Märchen mit den sechs Matchbällen

Sportgeschichte  Historische Serie: Als der blonde Bomber Stefan Redl gegen einen schlagstarken Eisenfresser boxte, der preußische Franzose Gilbert Gress Außergewöhnliches schaffte und ein junger Ostwestfale einen kurzen Traum träumte.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 22. Kalenderwoche vor 63, 42 und 27 Jahren?

Von Neckarsulm in den Madison Square Garden: Stefan Redl. Foto: Archiv

1958: Von Neckarsulm in den Madison Square Garden in New York

Katherine Redls Urteil war eindeutig: "Jetzt habe ich für ein paar Jahre wieder vom Boxen genug." Ihr Sohn Stefan hatte gerade schwer gezeichnet den Ring auf dem Stuttgarter Killesberg verlassen. "Stefan Redl Punktsieger nach dramatischer Ringschlacht", titelte die HSt am 2. Juni. In der sechsten Runde war der "blonde Bomber" gegen den "schlagstarken Eisenfresser" Gerd Müller aus Düsseldorf zu Boden gegangen, erst als der Ringrichter schon bis sieben gezählt hatte, "kam er schwankend wieder hoch". Schon in Runde zwei hatte sich Redl - wie sich hinterher herausstellte - die Hand gebrochen, durch einen Kopfstoß in Runde drei platzte zudem seine linke Augenbraue auf. Um am Ende doch klar nach Punkten zu gewinnen, musste der in Ungarn geborene Redl "seine ganze in rauer amerikanischer Ringluft erworbene Cleverness, Härte und technische Virtuosität ausspielen".

Und natürlich auch alles, was er in seiner Neckarsulmer Zeit gelernt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Redl mit der Mutter und zwei Schwestern nach Heidenheim deportiert worden. Der Vater galt als vermisst an der Ostfront. Im Schwäbischen entdeckte Redl seine Leidenschaft fürs Boxen. Haarscharf verpasste er die Olympia-Teilnahme 1952 in Helsinki, 1954 trug er wesentlich zum deutschen Mannschaftsmeistertitel der SV Neckarsulm bei. Ende 1956 wanderte Redl in die USA aus, wurde Profi und gewann seine ersten 17 Kämpfe. Vier Mal stieg er im Madison Square Garden in New York in den Ring.

Der Kampf gegen Müller war sein erster Profi-Auftritt in Deutschland. Nach 55 Profikämpfen gab er 1963 in der Turnhalle der Neckarsulmer US-Artillery-Kaserne vor den Augen seiner ehemaligen Meisterschaftskameraden seine Abschiedsvorstellung. Nach seiner aktiven Karriere machte er sich mit einer Zimmerei in den USA selbstständig. Redl starb 2018.

Der legendäre Neckarsulmer Boxtrainer Karl Taubenberger schrieb 2006 über seinen Schützling: Wenn einer nach Übersee auszieht und es schafft, sich im harten US-Profigeschäft durchzuboxen, dann bleibt er hierzulande, bei seinen ehemaligen Boxsport-Freunden, immer in guter Erinnerung."

Hendrik Dreekmann und das traurige Märchen mit den sechs Matchbällen

Der Engel von der Meinau, Gilbert Gress, führte Racing Straßburg 1979 sensationell zur französischen Meisterschaft. Foto: imago-images/sportfotodienst

1979: Der Elsässer Gress brilliert als Spieler und als Trainer

Er war der erste Franzose in der Bundesliga und der erste und bis heute einzige Trainer, der Racing Straßburg zur französischen Meisterschaft führte. Von 1966 bis 1971 brillierte Gilbert Gress beim VfB Stuttgart, erzielte in 149 Spielen 24 Tore. Direkt nach dem Karriereende 1976 übernahm er den Trainerjob bei seinem elsässischen Heimatclub - in der zweiten Liga. Was ab diesem Zeitpunkt passierte, fasste die HSt am 6. Juni in einem Satz zusammen: "Aufstieg in die Division 1, dann auf Anhieb Dritter und Teilnehmer am Uefa-Cup, jetzt Champion." Gilbert Gress wurde als "Vater des Straßburger Fußball-Wunders" betitelt. Die Erfolgsformel des damals 38-Jährigen lautete: "Disziplin und Härte. Wer im Fußball Erfolg haben will, kann es sich nicht leisten, zu leben wie Gott in Frankreich. Der muss Opfer bringen."

Ein Opfer der erfolgreichen Elsässer waren die Kassierer der grenznahen Bundesligisten. Statt wie bisher nach Kaiserslautern, Karlsruhe und Stuttgart zu pendeln, pilgerten die Straßburger wieder ins heimische Stade de la Meinau. Unter Gress verzehnfachte sich der Zuschauerschnitt von 2000 auf mehr als 20 000. Mit seiner Zukunftsprognose behielt Gress allerdings nicht recht: "Die Mannschaft ist keinesfalls ausgereift. Sie kann sich weiter steigern." Stattdessen setzte ab der Spielzeit 1979/1980 ein Abwärtstrend ein, der 1986 zum erneuten Abstieg führte.

Hendrik Dreekmann und das traurige Märchen mit den sechs Matchbällen

Stand vor 27 Jahren eine Woche im Fokus der Öffentlichkeit: Hendrik Dreekmann erreichte 1994 das Viertelfinale der French Open in Paris, der größte Erfolg in der Profikarriere des Ostwestfalen. Foto: Archiv/dpa

1994: Tennisdeutschland fiebert mit einem neuen Hoffnungsträger

Die HSt schrieb von einem "sportlichen Märchen". Doch am Ende ging für Hendrik Dreekmann nicht alles gut aus. Am 31. Mai war er noch der "Tennis-Himmelsstürmer", am 3. Juni bereits "der geschlagene Held". Mit einem glatten 6:4, 6:4, 6:4 gegen den US-Amerikaner Aaron Krickstein war der 19-jährige Ostwestfale ins Viertelfinale der French Open eingezogen. Die deutschen Tennis-Ikonen Boris Becker und Michael Stich waren da schon aus dem Rennen. Die tennisbegeisterte Republik fieberte mit dem neuen Hoffnungsträger.

Doch kurz nach dem größten Erfolg seiner Karriere erlebte der gegen den Schweden Magnus Larsson die bitterste Niederlage seiner Laufbahn. Sechs Matchbälle vergab Dreekmann im dritten Satz. "Hättest du diesen einen Punkt gemacht, dann wäre es vorbei gewesen", haderte der Youngster hinterher. "Als er den Sieg vor Augen hatte - in diesem Moment, in den Sekunden vor dem großen Glück, da war der Traum geplatzt", resümierte die HSt das "traurige Ende" des Tennis-Märchens.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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