Hauptstadt-Stromer mit heißem Draht in die Heimat

Motorsport  Datenfluss verbindet den Formel-E-Finalschauplatz in Berlin und die bayrische Audi-Basis. Pilot Rene Rast ist ein strebsamer Abnehmer der Auswertungen, allerdings könnten die Ergebnisse im Rennen noch besser werden.

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Mission Control in Neuburg: Acht Audi-Ingenieure blicken von Bayern aus ganz genau auf die Berliner Daten.

Die beiden englischen Schlagworte würden eigentlich wunderbar zur hippen Hauptstadt passen. Mission Control - das klingt so gar nicht nach dem ländlichen Neuburg an der Donau im idyllischen Oberbayern. Doch auf einer der vielen Rasenflächen der Region sind nun mal feinsäuberlich vier ineinander verschlungene Ringe gemäht. Und um das kunstvolle Stückchen Grün liegt nicht nur eine Teststrecke, sondern auch die Zentrale von Audi-Motorsport. In diesem futuristischen Flachbau ist sie zu finden: die Mission Control. Ein Raum mit acht emsigen Ingenieuren, die über regen Datenfluss eine Verbindung zur Hauptstadt Berlin haben.

Denn über 500 Kilometer entfernt auf dem Tempelhofer Feld steigt seit Mittwoch über neun Tage hinweg das große Finale der vollelektrischen Rennserie Formel E, mit stattlichen sechs Läufen - wegen der Coronavirus-Pandemie nach über fünf Monaten Zwangspause unter ganz speziellen Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen.

Die Truppe vor Ort ist limitiert

Nur 21 Personen inklusive Fahrer dürfen beim Restart pro Team vor Ort sein. Nicht genug, um den hochkomplexen Audi e-tron FE06 in Berlin unter Wettkampf-Bedingungen technisch optimal zu begleiten. Also haben die beiden Hauptstadt-Stromer der Audi-Werksmannschaft stets einen heißen Draht zum Home-Office in der bayerischen Heimat.

"Die Mission Control wird immer wichtiger", sagt Tristian Summerscale, einer der wichtigen Männern im Basislager: "Wir sind die Unterstützung für die Strecke, überwachen Dinge wie den Antriebsstrang, Batterie- und Motorentemperatur sowie den Wasserdruck. Wir helfen auch dabei, das Energie-Management zu optimieren und Strategien für die Strecke zu entwickeln." In Neuburg werden aber nicht nur Daten ausgewertet, sondern auch gesammelt. Parallel zu jedem Rennen in Berlin wird in Bayern ebenfalls gefahren. Nicht auf einer Strecke, sondern im High-Tech-Simulator, den zum Auftakt Sheldon van der Linden gesteuert hat. "Bei kleinen Änderungen am Simulator können wir dann mit Blick nach Berlin reagieren", erklärt Summerscale. Für ihn und sein Team sei aber eigentlich noch viel mehr möglich: "Wir sind durch das Reglement der Serie relativ limitiert."

Hauptstadt-Stromer mit heißem Draht in die Heimat

Mit Maske und Abstand: Formel-E-Neuling René Rast (links) und Audi-Teamchef Allan McNish an der Strecke.

Ziemlich limitiert fühlt sich auch Audis Motorsport-Chef Dieter Gass. Auch er sitzt im Neuburger Home-Office, inmitten der Ingenieure. Bei ihm sorgte die Technik dort beim Auftaktrennen für Verdruss: "Wir hatten eine schlechte Verbindung zur Strecke. Ich hatte kein Audio, es war sehr schwer, das Rennen zu verfolgen - extrem ärgerlich."

Ohnehin betont Gass, dass die Entscheidungen an der Strecke getroffen werden müssten, trotz aller Wichtigkeit der "Homebase". Und den Datenfluss bremsten die Probleme nicht aus.

Neuland für den DTM-Champion

Hauptstadt-Stromer mit heißem Draht in die Heimat

Elektrisierend: Die Formel E mit dem Audi-Piloten Lucas di Grassi fährt in neun Tagen sechs Rennen auf dem Berliner Tempelhof-Gelände. Drei verschieden Streckenlayouts sorgen für Abwechslung.

Fotos: Audi

Ein strebsamer Abnehmer der Auswertungen ist René Rast, der neben Routinier Lucas di Grassi einen der beiden Werksaudis in Berlin steuert. Eine Premiere für den DTM-Champion, der das Cockpit des entlassenen Daniel Abt übernommen hat. "Es ist jetzt wie der erste Tag im Büro, ein bisschen ein Lernprozess", sagte Rast vor seinem ersten Rennen am Mittwoch, bei dem er als Zehnter zwei Plätze hinter di Grassi direkt in die Punkte fuhr. Danach setzte sich der Perfektionist an seinen Laptop und analysierte alles, was es zu analysieren gab. Akribie, die Rast auch beim Deutschen Tourenwagen-Masters so erfolgreich macht. "Eine Lernkurve müssen wir ihm schon zugestehen, aber ich bin mir sicher, dass sie extrem steil wird", betont Dieter Gass seine hohen Erwartungen an den Quereinsteiger.

Das Qualifying vor seinem zweiten Rennen war für René Rast gestern jedoch ein Rückschritt. Trotz fleißigem Datenbüffeln musste er mit der schlechtesten Zeit von ganz hinten ins Feld gehen. Audi-Kollege Lucas di Grassi zeigte mit dem sechsten Startplatz, dass deutlich mehr drin gewesen wäre. Erst recht, als der Brasilianer nach dem siebten Saisonlauf als Dritter aufs Podium fuhr. Rast rackerte sich immerhin auf Rang 13 nach vorne, blieb aber ohne Punkte. Ihm bleiben vier Rennen, um Fortschritte zu machen.

Die Mission Control in Neuburg wird ihm dabei helfen.

 

Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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