Geschichtsbuch der Merlins Crailsheim ist noch nicht geschlossen

Basketball  Nach einer historischen Saison laufen bei den Merlins Crailsheim die Planungen für die nächste Spielzeit. Auch die könnte geschichtsträchtig starten.

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Bogdan Radosavljevic fühlt sich wohl in Crailsheim.

Eine historische Saison ist für die Hakro Merlins Crailsheim schon in der vergangenen Woche zu Ende gegangen. Die Spieler sind bereits verabschiedet. "Wahnsinn. Ein toller Ritt", lautet das Fazit von Martin Romig. "Von einer Achterbahnfahrt kann man ja nicht reden, da wir über die ganze Saison eher auf einer Wolke waren. Aber diese Saison ist im Herzen eingebrannt, wenn man sieht, was die Mannschaft erreicht hat, wie sie sich entwickelt hat. Das ist es auch, warum wir den ganzen Job machen."

Getrübt waren die Erfolge dadurch, dass sie unter Ausschluss von Publikum stattfanden. Andererseits kalkulierte Romig die Geisterspiele mit ein und so überstanden sie diese wegen der Begleitumstände schwere Spielzeit auch finanziell weitgehend unbeschadet. "Wir haben alles danach ausgerichtet, dass keine Zuschauer kommen. Im Lockdown wurde hervorragend gearbeitet und unsere Fans und Sponsoren sind bei der Stange geblieben", sagt Romig. "Aber wir beten dafür, dass wir schnell wieder normale Verhältnisse hier vorfinden können."

Geschichtsbuch der Merlins Crailsheim ist noch nicht geschlossen

Mit Maurice Stuckey bleibt einer der Führungsspieler ein Merlin.

Vereinsgeschichte: Zum ersten Mal BBL-Playoffs

Und so wurde es eine wahrhaft magische Saison, bei der kaum ein Fan live mit dabei war. Experten rechneten die Merlins dem hinteren Tabellendrittel zu, am Ende wurden sie mit 24 Siegen Fünfter der Hauptrunde, spielten zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte BBL-Playoffs, schlugen zum ersten Mal den FC Bayern München. Dieser Erfolg im Audi Dome, das 105:103 nach Verlängerung, blieb auch beim Sportlichen Leiter Ingo Enskat hängen.

Auch in den Playoffs gelang dann in Spiel drei ein weiterer Sieg gegen München. Ansonsten musste er auf die Frage nach dem Highlight dieser wahrlich zauberhaften Saison lange überlegen. Aber nicht weil es sonst keine gab. "Schwer zu sagen. Ich würde es nicht auf einen Moment oder Spiel schieben. Sondern einfach, dass wir es geschafft haben, mit so einer Kontinuität auf dem Niveau zu spielen", sagt Enskat. "Als kleine Mannschaft kann man mal überraschen, aber wir haben ja eigentlich andauernd überrascht. Und das ist die eigentliche Überraschung."

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Der Kapitän bleibt an Bord: Fabian Bleck (links) hat seinen Vertrag in Crailsheim verlängert. Diese Saison war er ein wichtiger Baustein im Team.

Als Überraschungsmannschaft ausgezeichnet

So sehr, dass die Merlins auch als Most surprising Team (Überraschungsmannschaft) der BBL ausgezeichnet wurden. Dazu wurde Point Guard Trae Bell-Haynes zum Offensivspieler der Liga gekürt und für die meisten Assists (7,2 Vorlagen pro Spiel) geehrt.

Zeit, das Geleistete zu genießen, gibt es nur wenig. Denn die Planungen für die nächste Spielzeit sind im Gange. Wichtige Personalien wurden bereits verkündet. Bogdan Radosavljevic, Maurice Stuckey und Fabian Bleck bleiben weiter in Crailsheim. Damit sind drei deutsche Positionen stark besetzt. Den einen oder anderen Spieler würden die Verantwortlichen gerne noch halten, doch ob dies gelingt, bleibt abzuwarten. Denn das ist der Nachteil solch einer Saison, die Leistungsträger weckten natürlich auch bei anderen Clubs Aufmerksamkeit.

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Trainer Sebastian Gleim gibt in der nächsten Saison die Taktik bei den Merlins Crailsheim vor. Dieses Jahr coachte er Frankfurt.

Foto: Marc Schmerbeck

Schweres Erbe für den neuen Trainer

Und sie weckt auch Erwartungen im Umfeld. Keine einfache Aufgabe für den neuen Trainer Sebastian Gleim, der auf Erfolgscoach Tuomas Iisalo, der zum Ligakonkurrenten Bonn wechselte, folgt. Fünf Jahre lang prägte er die Merlins im sportlichen Bereich. "Aber auch er hätte es nächste Saison nicht einfach gehabt", sagt Romig.

Frühzeitig hatten sich die Verantwortlichen zu einem Trainerwechsel entschlossen. "Die Gespräche mit Tuomas haben sich lange gezogen", sagt Romig. "Es war ein Prozess von zwei Monaten, in denen es mehrere Gespräche gab." Zu lange für ihn. Die Aussagen, die Bekenntnisse zum Verein, waren den Verantwortlichen zu wenig. Sie hatten Bedenken, kurzfristig ohne Trainer dazustehen. Außerdem kam für Romig eine Verlängerung für nur ein Jahr nicht in Frage: "Für uns ging es auch darum, unsere Optionen zu sichern. Es war ja schon letztes Jahr gefährlich mit der späten Vertragsverlängerung."

Also entschieden sich die Verantwortlichen zur Verpflichtung von Gleim, der die Skyliners Frankfurt trainierte. "Er kommt aus einer Kleinstadt und hat eine gewisse Vita, die zu uns gut passen kann", sagt Romig. Nun darf Gleim die Merlins in eine Saison führen, die so historisch beginnen könnte, wie die alte endete. Denn: Wenn sie dürfen, starten die Crailsheimer zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in einem internationalen Wettbewerb.


Marc Schmerbeck

Marc Schmerbeck

Autor

Marc Schmerbeck ist seit 2009 zuständig für den Sport in Hohenlohe. Als Heilbronner geht sein Blick aber auch über jegliche Grenzen hinweg.

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