Gemischte Gefühlswelten bei der DM in Braunschweig

Leichtathletik  Diskuswerfer Christoph Harting zählt zu den Verlierern der nationalen Titelkämpfe, Stabhochspringer Zernikel zu den Strahlemännern. Alexandra Burghardt überrascht mit 11,14 Sekunden über die 100 Meter.

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Hoch hinaus: Der Pfälzer Oleg Zernikel katapultiert sich mit seinem härtesten Stab und meisterlichen 5,80 Meter zu den Olympischen Spielen nach Tokio.

Foto: dpa

Die deutschen Meisterschaften in Braunschweig haben sportliche Lichtblicke mit Normen für Olympia in Tokio hervorgebracht, allerdings auch einige Stars mit massiven Sorgen.

Der Traumfänger: Oleg Zernikel

Ein emotionaler Freudentanz und Muskelspielchen für die Fotografen: Es dauert, ehe die Gefühlswelt des Stabhochspringers Oleg Zernikel nach seinen 5,80 Meter wie dem ersten Meistertitel, der das Ticket nach Tokio bedeutet, halbwegs in Balance kommt. Über die Bedeutung seiner Olympia-Teilnahme sagt der 26-Jährige: "Mein Leben hat sich gelohnt. Mein Lebensziel ist erreicht." Viel Pathos, doch keine Bange: Es geht weiter in der Laufbahn des Studenten der Umweltwissenschaften, der als Elfjähriger aus Kasachstan in die Pfalz kommt. Landau - Braunschweig - Tokio, welch traumhafte Reiseroute.

Im Augenblick vollkommener Glückseligkeit erinnert sich Zernikel auch an das Tief, aus dem er sich nach erfolgreichen Jugendjahren herausarbeitet. Mit einem großen, globalen Ziel, auf das alles ausgerichtet ist. "Ich war etwas planlos", sagt Zernikel. Für klare Aufgaben sorgt der Wechsel zu Trainer Andrej Tiwontschik. Der besorgt nun härtere Stäbe, schließlich darf es gerne noch höher gehen. "Jetzt kann ich nicht aufhören, nun geht es erst richtig nach vorne", sagt Oleg Zernikel. 2020 arbeitet er aus Geldmangel im Lager. Mit dem Hubwagen rangieren als etwas andere Krafteinheit. Mal ein anderes Leben führen, zu dem auch mal ein Feierabend-Bier gehört, entspannt ihn.

Der Fan-Faktor: Endlich wieder Zuschauer

Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie sind wieder Zuschauer bei einer Leichtathletik-Meisterschaft im Stadion zugelassen. Bis zu 2000 negativ getestete Ehrenamtliche aus niedersächsischen Vereinen und Corona-Heldinnen haben pro Tag Tickets erhalten - ein Modellprojekt, das nicht nur wegen der schönen Geste gut ankommt. Die Athleten genießen den Applaus, der nicht aus der Konserve kommt, manche nutzen ihn für eine spontane Ehrenrunde. Wie sehr sich manche an die Einsamkeit gewöhnt hat, gibt Kugelstoß-Meisterin Sara Gambetta preis: "Ich war ein bisschen abgelenkt von den Zuschauern, weil es ja was Neues ist." Mal wieder vor der TV-Kamera zu stehen, genießt die Hochsprung-Beste Imke Onnen. Da wartet Mama Astrid gerne eine Weile.

Die Schnellste: Alexandra Burghardt

Beim Abendspaziergang mit ihrem Verlobten und Hund sortiert der "totale Familienmensch" Alexandra Burghardt die Emotionen, die sie nach ihrer Bestleistung von 11,14 Sekunden über 100 Meter in sich trägt. Stunden zuvor ist die 27-Jährige mit ihrer Olympia-Norm die positive Überraschung an Tag eins. Ein phänomenaler Start, eine hohe Frequenz bis ins Ziel, danach Freudentaumel und Tränen. "Krass, endlich bin ich über mich hinausgewachsen und habe gezeigt, was in mir steckt."

Viele Monate arbeitet die Sprinterin aus Burghausen - auch mental - für den Moment, an dem alles passt. Ihr Kick nie aufzugeben? "Ein gewisses Urvertrauen, das ich mir aber auch erst erarbeiten musste", sagt Burghardt. "Die Leute um mich herum haben mir immer versichert, dass ich mir das nicht einbilde." Nun lockt Tokio. Bisher sind die Olympia-Erfahrungen der schnellsten Frau Deutschlands, die mit nur eineinhalb Stunden Schlaf auch über 200 Meter siegt, nicht nachhaltig. In Rio hat sie das Los der Ersatzläuferin: "Das war bitter."

Die Sorgenkinder: Thomas Röhler und Christoph Harting

Gute Zeiten, schlechte Zeiten. In Rio 2016 der Gold-Held, in Braunschweig 2021 ein Fall für den Teamarzt: Speerwerfer Thomas Röhler steigt nach einem ungültigen Versuch aus. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil der Brustmuskel verhärtet ist. Das medizinische Motto: nur kein Risiko eingehen. "Das wirft mich kein Stück zurück", sagt der 29-Jährige und versucht Gelassenheit zu demonstrieren. Doch der Mann aus Jena kämpft. Um seine Form, einen gesunden Körper - und die Berücksichtigung für Japan.

Zwar hat der Europameister die Norm aus der Zeit vor Corona, doch der Verband benötigt einen Leistungsnachweis. Auch, weil fünf Werfer - darunter die in Braunschweig fehlende Nummer eins der Welt, Johannes Vetter - die Vorgaben erfüllen. Bis zum 29. Juni bleibt Zeit für Empfehlungen. Thomas Röhler plant am 19. des Monats einen Start in Madrid. Auch Christoph Harting hat den Dreh noch nicht raus. Der 31-Jährige zittert sich mit 57,29 Meter in den Endkampf, um dort seinen besten Versuch klar über die 60-Meter-Marke ungültig zu machen. Typisch Harting! Der 31-Jährige sagt nach Platz acht: Nichts. Auch das passt.

Gemischte Gefühlswelten bei der DM in Braunschweig

Schafft − wie schon 2017 − das Double: Gesa Felicitas Krause.

Foto: dpa

Der springende Engel: Malaika Mihambo

Nicht nur fürs Fernsehen ist die erblondete Politikwissenschaftlerin Malaika Mihambo eines der wenigen Promi-Gesichter in Braunschweig. Die 27-Jährige mit dem arabischen Vornamen, der übersetzt "Engel" heißt, fliegt auf 6,62 Meter und holt sich gänzlich unspektakulär den bereits fünften Titel. Immerhin: Der Kameramann freut sich über eine Kusshand, die Sportlerin des Jahres über den Applaus: "Schön, dass es so viele freut, wenn ich springe", sagt Mihambo. "Leider war es nicht so weit, aber ich habe zum Brett hin immer einen Gang rausgenommen."

Das verrückte Huhn: Gesa Felicitas Krause

Ganz anders Doppelmeisterin Gesa Felicitas Krause. Wie ein Uhrwerk läuft sie bei ihrer geplanten Belastungsspitze über 3000 Meter Hindernis und 5000 Meter zu Gold. Die Europameisterin macht nach dem Ausstieg vor einem Jahr ihren Frieden mit Braunschweig. Der Kommentar ihres Trainers Wolfgang Heinig: "Du verrücktes Huhn."

 

Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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