Fußball aus drei verschiedenen Blickwinkeln

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Lang ist sie ja nicht, die fußballlose Zeit ab nächster Woche. Wer die Winterpause trotzdem mit Fußballlektüre überbrücken möchte, dem kann geholfen werden. Mit drei verschiedenen Blickwinkeln auf die schönste Nebensache der Welt.

Der Innenblick: Die Macht der Bilder bei den Hochglanz-Dokus über Manchester City, Tottenham Hotspur oder den BVB im Streamingdienst von Amazon Prime suggeriert Authentizität. Der Fan bekommt gezeigt, wie es hinter den Kulissen aussieht. Doch die Clubs haben am Ende die Kontrolle, in welchen Bereichen sie Einblicke gewähren. Und wie tiefgehend sie sind. Sportjournalist Christoph Biermann begleitete den 1. FC Union Berlin auf seiner ersten Spielzeit als Fußball-Erstligist. Sein Buch "Wir werden ewig leben" (Kiepenheuer & Witsch, 18 Euro, 400 Seiten) kommt ohne Fotos aus, es lässt allerdings viele Bilder im Kopf entstehen, weil Biermann ein richtig guter Erzähler ist und das facettenreiche Innenleben des Teams pointiert schildert. Kann man objektiv bleiben, wenn man Teil von etwas ist?

Der Journalist als teilnehmender Beobachter, das bietet Chancen, aber auch Risiken. Biermann war ein Jahr lang stets präsent beim Training, im Trainerzimmer. Er ist Kistenschlepper und Kummerkasten in einer Person, deren oberstes Ziel ist, nicht aufzufallen oder zum Sündenbock für Misserfolg zu werden. In kleinen Porträts zeigt Biermann, dass auch die oftmals der Welt entrückt erscheinenden Fußballstars ganz irdische Probleme plagen. Zum anerkannten Mitglied wird der Autor erst im Wintertrainingslager in Spanien. Der Initiationsritus sieht Gesang vor versammelter Mannschaft vor. Nach eisgekühltem Bommerlunder ist Biermann ein eisenharter Unioner. Dann kommt Corona, der Lockdown, der Klassenerhalt: einfach ein unglaubliches Jahr.

Fußball aus drei verschiedenen Blickwinkeln

Schalke-Trainer Manuel Baum sucht noch nach dem Schlüssel zum Spiel.

Der Taktikblick: Der große Vorteil des Fußballs besteht in der Einfachheit seiner Regeln. "Ironischerweise liegt in der Einfachheit des Spiels auch seine Komplexität", schreibt Tobias Escher in der Einleitung seines Buchs "Der Schlüssel zum Spiel: Wie moderner Fußball funktioniert" (rororo, 15 Euro). Denn: "Es gibt kaum Restriktionen für die Spieler. Auf dem rund 7000 Quadratmeter großen Feld dürfen sie sich frei bewegen. Einschränkungen gibt es lediglich durch die Auslinien und die Abseitsregeln." Die 231 Seiten kommen zwar im Gewand eines Lehrbuchs daher, sind aber alles andere als verkopft und überinterpretierend. Denn auch der Normalfan auf seiner Couch wird ja als TV-Konsument mit Begriffen wie Pressingfalle, Schnittstellenpass und dem abkippenden Sechser konfrontiert. Autor Tobias Escher erklärt als Mitbegründer des Taktikblogs spielverlagerung.de all diese Begriffe ohne zum Oberlehrer zu werden. Das Buch dürfte aber auch den einen oder anderen A- und B-Klassen-Trainer noch schlauer machen.

Fußball aus drei verschiedenen Blickwinkeln

Der historische Blick: 1992 gilt als das Jahr, in dem der Fußball das Altertum hinter sich ließ und in die Moderne aufbrach. Die Champions League ging an den Start, die Premier League in England auch. Es ist damit der passende Ausgangspunkt für "Umschaltspiel: Die Evolution des modernen europäischen Fußballs" (Suhrkamp, 20 Euro). Michael Cox präsentiert eine Reise durch knapp drei Jahrzehnte, unterteilt in Vier-Jahres-Zyklen, in denen jede der sieben großen Fußball-Nationen das Spiel in besonderer Weise geprägt hat. Nicht nur die Nationalmannschaften, sondern auch Vereine oder Trainer werden mit Detailfülle beim wilden Ritt durch die Kapitel behandelt. Von den Niederländern (1992-96), den Franzosen (2000-2004) bis hin zur deutschen Epoche (2012-2016) ist Cox ein stimmiges Werk gelungen, das allerdings die ganzen Begleiterscheinungen abseits der Stadien (Fankultur, Rassismus, obsessiv Gehälter) ausblendet.

 

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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