Für drei Tage Schalke-Präsident: Der 72-Stunden-Boss und seine Geschichte

Sportgeschichte  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 47. Kalenderwoche vor 18, 32 und 51 Jahren? Wir blicken zurück auf einen geplatzten DDR-Traum, Schalker Chaos und ein Olympiasieger in Böckingen.

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Der schussgewaltige Eberhard Vogel (re.) fehlte der DDR-Nationalmannschaft im entscheidenden Spiel in Italien wegen eines Zehenbruchs.

1969

"Noch hofft man in der DDR", titelte die Heilbronner Stimme am 20. November. Und zwar auf die WM-Teilnahme 1970. Mit 5:1 Punkten stand das Team von Trainer Harald Seeger ungeschlagen an der Spitze seiner WM-Qualifikationsgruppe. Das Problem war nur, dass das entscheidende Spiel in Neapel gegen die punktgleichen Italiener bestritten werden musste. "Mit größter Spannung sehen die Fußballanhänger in Erfurt, Ostberlin, Leipzig und Rostock dieser Begegnung entgegen", hieß es in der Stimme. Zwei Europapokalerfolge von Jena und Rostock in der Vorwoche gegen italienische Teams gaben zusätzliche Hoffnung.

Doch die Heilbronner Stimme behielt mit ihrer Prophezeiung recht: "In Italien endet der vierte Anlauf der DDR auf Teilnahme an einer Weltmeisterschafts-Endrunde." Mit 0:3 verloren die Ostdeutschen vor 90 000 Tifosi im Stadion San Paolo. "Auch Fußball-WM 1970 nur mit einer deutschen Mannschaft", lautete die Schlagzeile der Heilbronner Stimme am 24. November mit Blick auf das bereits qualifizierte BRD-Team. Deren Bundestrainer Helmut Schön war im Stadion und wenig beeindruckt von den Italienern: "Nur eine Halbzeit war Italien für mich ein Favorit für die Fußball-Weltmeisterschaft."

Im zum Jahrhundert-Spiel erklärten WM-Halbfinale trafen beide Teams wenige Monate später aufeinander - bekanntlich mit dem besseren Ende für die Italiener.

1988

Für drei Tage Schalke-Präsident: Der 72-Stunden-Boss und seine Geschichte

Über sein schönes Büro durfte sich Michael Zylka im Jahr 1988 nur drei Tage freuen. Dann trat der frisch gewählte Präsident des FC Schalke 04 wieder zurück. "Ein einziges Wirrwarr" im Verein hatte ihn dazu bewogen.

Fotos: Archiv/dpa

Der FC Schalke 04 ist von jeher ein skandalträchtiger Verein, in dem jederzeit alles möglich schien. Doch die Ereignisse im November 1988 sind selbst für die Königsblauen bis heute einmalig. "Sensation in Schalke: Zylka neuer Präsident", hieß es in einer späten Heilbronner Stimme-Meldung am 22. November.

Tags drauf erschien bereits ein großes Porträt über "Mr. Nobody", der den favorisierten Schatzmeister Fred Gatenbröcker mit 675 zu 526 Stimmen ausgestochen hatte. Das ErstaunlicHeilbronner Stimmee dabei: "Einer der spektakulärsten Wahlabende der deutschen Fußball-Geschichte endete in Harmonie. Versöhnungsgesten statt Verunglimpfungen. Augen nach vorn statt Rückblicke im Zorn. Bewirkt hatte dieses königsblaue Wunder der neue Präsident und Hoffnungsträger", schwelgte die Heilbronner Stimme regelrecht. "Ein fantastischer Anfang in seltener Einigkeit", frohlockte der 38-jährige Betriebswirt.

Einen Tag später trat Zylka zurück. "In diesem Sumpf will ich nicht mehr arbeiten", zitierte ihn die Heilbronner Stimme am 26. November. 15 Jahre später erzählte Zylka im Fanmagazin "Schalke Unser" vom ersten Tag auf der Geschäftsstelle "Es war pure Ablehnung, die mir entgegenschlug. Zudem fand ich ein finanzielles Chaos vor. Es gab Verträge, die nicht unterschrieben waren, Belege, die fehlten - ein einziges Wirrwarr. [...] Ich wusste, dass ich in einen reißenden Strom springe, aber ich habe nicht gewusst, wie kalt das Wasser ist."

Er sah keinen anderen Ausweg als den sofortigen Rücktritt. "Der Verein war tot, mausetot." Heinz Reudenbach kommentierte in der Stimme: "Mitglieder und Fans des Traditionsklubs können einem nur leid tun: Aus ihrer vermeintlich heilen Welt nach der Wahl am Montag wurde wieder mal heilloses Durcheinander."

Zu neuem Leben erweckte die Schalker schließlich drei Monate später der neue Präsident Günter Eichberg. Der "Sonnenkönig" führte die Königsblauen zurück in die Bundesliga. "Ich bin der festen Überzeugung, dass Schalke ohne Eichberg in die Amateurliga gegangen wäre", sagte der Drei-Tages-Präsident rückblickend.

2002

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Weltmeisterin Anna Dogonadze 2002 in Böckingen.

Foto: Archiv/Schmerbeck

Olympiasieger geben sich in der Böckinger Sporthalle auf der Schanz ja nun nicht gerade die Klinke in die Hand. Daher war der Länderkampf zwischen Deutschland und Russland am 21. November ein außergewöhnliches Ereignis - obwohl er in der Orchideensportart Trampolinspringen stattfand. Der Beste der Besten war aber dabei: Olympiasieger Alexander Moskalenko. Der 33-Jährige hatte zwei Jahre zuvor bei der Olympia-Premiere der Sportart in Sydney die Goldmedaille gewonnen.

Doch sein Auftritt in Böckingen stand unter einem unglücklichen Stern. Bereits fiebrig in den Wettkampf gegangen, machte ihm zusätzlich eine alte Fußverletzung zu schaffen und er musste seine Kurübung vorzeitig abbrechen. "Moskalenko passt, die Luft ist raus - ein fast geschenkter deutscher Trampolinsieg", titelte die Heilbronner Stimme am 23. November. Die russische Männerriege war nämlich nur zu dritt angereist, wodurch kein Streichresultat möglich war.

Die 300 Zuschauer bekamen unter den "45 Übungen" dennoch einige "Glanzlichter" geboten. Beispielsweise den Doppelsalto mit Vierfachschraube von Guerman Khnytchev, "der schwierigste Sprung der gesamten Veranstaltung", wie die Heilbronner Stimme konstatierte.

Die deutsche Weltmeisterin Anna Dogonadze bezwang zudem Olympiasiegerin Irina Karawajewa. "Den Sieg schreiben wir uns nicht hoch auf die Fahne. Trotzdem war es ein Superwettkampf", zog Bundestrainer Michael Kuhn dennoch ein positives Fazit des Aufeinandertreffens.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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