Einmaliger Trainertausch in der Fußball-Bundesliga

Sportgeschichte  Boxer Bubi Scholz in Höchstform. Ein bayrisch-hessischer Komödienstadel auf der Trainerbank und ein Dreifachsieg der Wintersportler bei der Sportlerwahl.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 50. Kalenderwoche vor 61, 43 und 26 Jahren?

1959: Bubi Scholz boxt sich zur Titelverteidigung

Markantes Gesicht, schnelle Fäuste: Boxer Bubi Scholz.

Foto: Archiv/dpa

Gustav Scholz, der wegen seiner schmächtigen Statur nur "Bubi" gerufen wurde, war die Verkörperung des deutschen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit seinen Fäusten arbeitete sich der Sohn eines Schmieds aus dem Prenzlauer Berg an die Weltspitze. 13 000 Zuschauer waren am Nikolaustag in die Berliner Deutschlandhalle gekommen, um die Titelverteidigung des Mittelgewichts-Europameisters gegen den Franzosen André Drille zu sehen. Ihr "Bubi" enttäuschte sie nicht. "Scholz vollbrachte in seinem 80. Kampf die reifste Leistung seiner Laufbahn", resümierte die HSt am 7. Dezember. Seinem Widersacher attestierte die Stimme ein "unbeugsamer Widersacher" gewesen zu sein, "obwohl er nicht eine Runde gewann". In der 14. Runde brach der Ringrichter den Kampf ab: "Scholz lauerte wie eine Wildkatze vor dem aufgeriebenen Gegner. Ringrichter Williams verhütete durch seinen Abbruch Schläge, die vielleicht die Gesundheit des harten Nehmers Drillé gefährdet hätten".

Der damals 29-jährige Scholz verteidigte den Europameistertitel nicht noch einmal, sondern wechselte ins Halbschwergewicht. In dieser Gewichtsklasse verlor er zweieinhalb Jahre später vor 60 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion seinen größten Kampf um die WM-Krone gegen Harold Johnson. "Eine Nation lag ihm zu Füßen", schrieb der "Tagesspiegel" im Jahr 2000 rückblickend über den "tief gefallenen Helden" ("AZ"), der im Alkoholrausch 1984 seine Frau Helga erschoss. Von da an "war er nicht mehr Bubi, der strahlende Held, er war der Mann, der seine Frau im Suff ermordet hatte".

1977: Frankfurt und Bayern München tauschen ihre Trainer

Einmaliger Trainertausch in der Fußball-Bundesliga

Tauschten innerhalb von zwei Wochen die Jobs: Eintracht-Trainer Gyula Lorant (li.) und Bayern-Coach Dettmar Cramer.

Foto: imago/Werek

Ein namentlich nicht genannter Bundesligatrainer sprach von einem "Affentheater", Bayern-Keeper Sepp Maier nannte es "Komödienstadel", Herbert Bögel kommentierte am 2. Dezember in der HSt unter dem Titel "Fußball-Kabarett". Das Ereignis, um das sich die Beschreibungen drehen, ist bis heute einmalig: der Trainertausch zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt. Am 26. November trafen beide Teams im Waldstadion aufeinander. Wie schon drei Tage zuvor im Uefa-Pokal gewann die Eintracht unter Trainer Gyula Lorant auch die Bundesligapartie mit 4:0 gegen die von Dettmar Cramer trainierten Münchner.

14 Tage später spielte die Eintracht mit Cramer auf der Bank 0:0 in Saarbrücken und die Bayern siegten mit Lorant auf der Bank 2:0 gegen den VfB Stuttgart. Dazwischen lagen zwei Wochen, die die HSt unter dem Titel "Die verwirrende Chronik eines Trainer-Tausches" zusammenfasste.

Nach einem ersten Krisengespräch bot Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker Cramer den Posten eines Technischen Direktors an. Noch bevor der ablehnte, nahm Neudecker Kontakt mit Eintracht-Präsident Achaz von Thümen auf, um Lorant zu verpflichten. Es folgte ein mehrtägiges Wirrwarr mit Vertragsverhandlungen, Kündigungen und Ankündigungen. Am Mittwoch werde Lorant das erste Training in München leiten, ließ Neudecker dienstags verlauten, tatsächlich stand dann aber Cramer auf dem Trainingsplatz.

Mitten in dem Hickhack trafen beide Teams am 7. Dezember im Uefa-Pokal-Rückspiel ein weiteres Mal aufeinander. Den Viertelfinaleinzug der Eintracht durch einen 2:1-Erfolg versah die HSt am 8. Dezember mit der Überschrift "Frankfurter Rache an Lorant", obwohl der Neue bei dem Spiel noch gar nicht auf der Bayern-Bank saß.

Unterm Strich half der Trainertausch beiden Teams nicht weiter. Cramer verließ die Eintracht bereits am Saisonende wieder, Lorant wurde ein halbes Jahr später in München entlassen. Die treffendste Beschreibung für das kuriose Wechselspielchen hatte Cramer schon im Vorfeld gefunden: "Wenn man den ersten Knopf falsch knöpft, passt am Ende das ganze Hemd nicht."

1994: Markus Wasmeier, Katja Seitzinger und die Skispringer bei der Sportlerwahl ganz vorne

Einmaliger Trainertausch in der Fußball-Bundesliga

Sportlerwahl im Trachtenjanker 1994: Markus Wasmeier.

Foto: imago/Teutopress

Fast schon martialisch titelte die HSt am 12. Dezember vom "Totalen Triumph des Wintersports". Der Bericht bezog sich auf die alljährliche Wahl zum Sportler, zur Sportlerin und zur Mannschaft des Jahres. "Der Turnuswechsel bei den Olympischen Winterspielen machte es möglich: Erstmals in der Geschichte holten sich drei Skisportler die Titel", schrieb die HSt.

Um den Winterspielen mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1986 beschlossen, die Winter-Wettkämpfe künftig in die Zwischenjahre der Sommerspiele zu legen. 1994 in Lillehammer wurde der Turnuswechsel vollzogen. Für Deutschland ging der IOC-Plan voll auf.

"Die Alpinen Markus Wasmeier und Katja Seitzinger sowie die Skispringer Jens Weißflog, Dieter Thoma, Christoph Duffner und Hansjörg Jäkle machten das Rennen", hieß es in der Stimme. Bis heute gab es keinen weiteren Dreifach-Erfolg der Wintersportler.

"Die Leute, die vor mir stehen, haben es verdient", kommentierte Vorjahressieger Henry Maske am 13. Dezember, "die Richtigen haben gewonnen", ließ Franz Beckenbauer wissen. Nur Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher war wohl enttäuscht und sagte seine Teilnahme an der Veranstaltung in Baden-Baden kurzfristig ab.

Das schmälerte Wasmeiers Freude nicht, der in einer bayrischen Tracht aus dem 18. Jahrhundert den Preis entgegennahm. "Ich glaube, ich sehe nicht schlampig aus und schämen brauche ich mich auch nicht", sagte er zu seinem Outfit.

Ballkanone für die Löwen aus München

Am Geld fehlte es dem TSV 1860 München im Winter 1977 ausnahmsweise mal nicht. Der Bundesliga-Aufsteiger hatte finanziell ein "goldenes Jahr" hinter sich, wie die HSt am 7. Dezember schrieb. Sportlich lief es hingegen gar nicht rund. Nur zwei Siege und 15 magere Törchen gelangen in der Hinrunde. Daher investierten die Löwen 19 500 D-Mark in die Anschaffung eines "Kickomats". "Ballkanone gegen Schussschwäche der Münchner Löwen", titelte die HSt. Mit dem "echten Trainerassistenten, der per Knopfdruck in Intervallen zwischen vier und 25 Sekunden mit Hilfe eines Potentiometers Einzel- sowie Serienschüsse auslösen" konnte, wurden ab sofort Passen, Flanken und Standardsituationen trainiert. Der Erfolg des Vorläufers der modernen Footbonauten setzte jedoch zu spät ein: In der Rückrunde gelangen zwar 29 Treffer, doch die Löwen stiegen dennoch ab.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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