Ein tierischer WM-Held sorgt Ende März 1966 für Furore

Sportgeschichte  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Wir blicken zurück auf das Geschehen vor 55, 31 und 14 Jahren.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 13. Kalenderwoche vor 55, 31 und 14 Jahren?

1966

Beinahe schelmisch blickt "Pickles" auf dem Arm seines Herrchens David Corbett in die Kamera. Der Mischlingshund hatte am 27. März 1966 den gestohlenen WM-Pokal wiedergefunden.

Foto: imago-images/Zuma/Keystone

Bis zum 27. März war "Pickles" ein völlig unbedeutender schwarz-weißer Mischling, der mit seinem Herrchen David Corbett unauffällig im Londoner Stadtteil South Norwood lebte. Doch der in Zeitungspapier eingeschlagene Gegenstand, den der vierjährige Vierbeiner beim Gassigehen an jenem Sonntagabend aus einem Gebüsch zerrte, machte ihn und seinen Besitzer auf einen Schlag weltberühmt. "Ein Fußgänger stolperte über den Fußball-Weltpokal", titelte die Heilbronner Stimme am 29. März.

Neun Tage zuvor war der Cup Jules Rimet am helllichten Tag aus einer Ausstellung in der Westminster Central Hall gestohlen worden. 15?000 Pfund "Lösegeld" verlangte der Dieb vom britischen Fußballverband für die Herausgabe. Bei der versuchten Übergabe wurde ein Mittelsmann verhaftet, der aber beharrlich schwieg. Erst vor drei Jahren hat der "Daily Mirror" den Dieb wahrscheinlich ausfindig gemacht: Sidney Cugullere, ein Gauner, der 25 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat.

Unklar blieb aber, wie der Pokal letztlich an seinen Fundplatz gelang. David Corbett und seinem "Pickles" dürfte es egal gewesen sein. 6100 Pfund Finderlohn erhielt der Hafenarbeiter – ein Vielfaches seines Jahreseinkommens. "Womit aber sollte ,Pickles" belohnt werden", fragte die HSt. "Er bekommt eine ganze Woche lang Kaviar", versprach Corbett. Darüberhinaus schickten erleichterte Fußballfans Pakete voller Hundekuchen und Dosenfutter. Beim Festbankett zur Eröffnung der WM 1966 durfte "Pickles" die Teller der Gäste ablecken, beim Eröffnungsspiel saß er in der VIP-Lounge.

Tragisch endete sein Leben. Bei der Jagd auf eine Katze ein Jahr später verhedderte er sich mit seinem Halsband in einem umgestürzten Baum und strangulierte sich zu Tode.

1990

Ein tierischer WM-Held sorgt Ende März 1966 für Furore

Der Karlsruher Michael Sternkopf (li.) war 1990 der Shootingstar des deutschen Fußballs.

Foto: imago-images/sportfotodienst

Wie aktuell auch, spielte die deutsche U21-Nationalmannschaft um die EM-Krone. Vor 31 Jahren gab es aber noch kein kompaktes Endrundenturnier, sondern der Titelkampf wurde über einen Zeitraum von 25 Monaten ausgetragen. Das von Berti Vogts trainierte deutsche Team hatte eine Vorrundengruppe mit Island, Finnland und den Niederlanden bekommen. Im Viertelfinale hieß der Gegner Sowjetunion. Das Hinspiel am 14. März in Simferopol war 1:1 ausgegangen. Am 28. März stand in Augsburg das Rückspiel auf dem Programm. Doch trotz der guten Ausgangsposition misslang der Halbfinaleinzug.

"Beim Gesellenstück versagte U21-Team", titelte die HSt am 30. März. Christian Hochstätter hatte Deutschland in Führung geschossen, doch Dmitri Tschugunow und Andrij Sydelnykow sorgten für den 2:1-Sieg der Gäste. "Wir hätten das Halbfinale erreichen können und müssen. Für die Jungen tut es mir leid", sagte ein enttäuschter Vogts.

Einen "Lichtblick" hatte die Stimme aber ausgemacht: Michael Sternkopf. "Der Karlsruher wirbelte als Alleinunterhalter im Angriff die sowjetische Abwehr gehörig durcheinander." Doch Vogts erahnte bereits die unvollendete Karriere des 19-jährigen Toptalents voraus, das im Sommer 1990 zum FC Bayern München wechselte: "Macht mir den Michael nicht zu groß. Er kann das alles noch nicht verkraften. Das Tief kommt auch bei ihm."

Ein sehr tiefes sogar. Seine ganze Karriere plagte sich Sternkopf mit Depressionen und Versagensängsten. Heute wirbt der 50-Jährige in Vorträgen für ein faires Miteinander und erklärt, wie er sein Selbstwergefühl wiedergefunden hat.

2007

Ein tierischer WM-Held sorgt Ende März 1966 für Furore

2007 bei der EM eine Klasse für sich: Das Doppel Timo Boll (li.) und Christian Süß.

Foto: imago-images//Aleksandar Djorovic

Es war ein historischer Erfolg für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) und er trug einen Namen: Timo Boll. Dank seines Golds im Einzel, im Doppel mit Christian Süß und in der Mannschaft wurde die Europameisterschaft in Serbien zur erfolgreichsten seit 45 Jahren. "EM-Krone mit drei goldenen Zacken", titelte die HSt am 2. April. Im Einzel-Endspiel hatte der 26-jährige Deutsche seinen weißrussischen Dauerkonkurrenten Wladimir Samsonov regelrecht deklassiert. "Das war gigantisch. In den ersten drei Sätzen habe ich jeden Ball getroffen. Meine Hand glüht noch", sagte der gebürtige Odenwälder glücklich. "Das war Timo Boll Wirbelwind", frohlockte Bundestrainer Richard Prause.

Für Redakteur Klaus Apitz waren die Erfolge des Ausnahmespielers Boll auch ein Verdienst der guten Verbandsarbeit, wie er am 3. April erläuterte: "Als Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner 1989 im Doppel Weltmeister wurden, hat das einen Geldstrom ausgelöst, der richtig investiert wurde. Im Tennis haben sie das zu Boris Beckers und Steffi Grafs Zeiten nicht hingekriegt."

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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