Ein schlauer Boxer, gute Botschafter und enttäuschte Falken

Sport  Wir blicken zurück auf die aktuelle Kalenderwoche von vor neun, 34 und 51 Jahren. Dabei geht es um den tapferen Gerhard Piaskowy, eine Israel-Reise des DFB und das Ende eines Falken-Traums.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der zwölften Kalenderwoche vor 51, 34 und neun Jahren?

1970: Vom Boxer zum Spiele-Erfinder

Ein entspannter Weltmeister Freddie Little (li.) hat seinen Gürtel am 23. März 1970 in Berlin gegen den schwer gezeichneten Lokalmatadoren Gerhard Piaskowy verteidigt. Foto: imago-images/Werek

Ein Blick auf die Fotos nach Ende des Kampfs genügt, um zu wissen, wer am 20. März den Ring als Weltmeister verlassen hat. Gerhard Piaskowys Augen sind derart zugeschwollen, dass der 26-Jährige fast blind geboxt haben dürfte. Die Stimme titelte am 23. März treffend: "Piaskowy hielt gegen Little auf verlorenem Posten durch". 15 Runden lang hielt sich der

tapfere Europameister beim WM-Kampf im Superweltergewicht vor 7000 Zuschauern im Berliner Sportpalast auf den Beinen, war gegen den US-Amerikaner Freddie Little aber chancenlos und verlor einstimmig nach Punkten. "Keine Entschuldigung für mich. Little war einwandfrei besser und kann nicht nur links fürchterlich hart schlagen", räumte der Verlierer unumwunden ein.

Nachdem er sich mit den Worten "Ich danke den Berlinern - ich fühle mich jetzt auch als Berliner", vom Publikum verabschiedet hatte, landete aber auch der Weltmeister nach Mitternacht noch im Weddinger Virchow-Krankenhaus. Bereits in der zweiten Runde hatte sich der Mann aus Picayune im Bundesstaat Mississippi einen Bruch an der linken Mittelhand zugezogen.

Der Kampf bedeutete auch einen Bruch in der Karriere des Verlierers. Gut ein Jahr später hing Piaskowy die Boxhandschuhe an den Nagel. "Ich wollte mir mein Gehirn nicht weiter zermatschen lassen", sagte der heute 77-Jährige vor Jahren mal dem "Kicker". "Im Endeffekt hat mir der Sport zwar viel gegeben, aber ohne ordentlichen Beruf geht es nicht." Selbst während seiner aktiven Karriere hatte Piaskowy halbtags als Maschinenschlosser gearbeitet. "Solange er die Arbeit nicht aufgibt, wird ihm der Sprung in die Weltklasse nicht gelingen", konstatierte die HSt bereits nach dem verlorenen WM-Kampf.

Dass der Rücktritt nicht die schlechteste Idee war, bewies Piaskowy mit seiner zweiten Laufbahn als Spiele-Erfinder. "Ich habe schnell gemerkt, dass es mir Spaß macht, an Spielideen herum zu tüfteln. [...] Es hält geistig fit", sagte er im Jahr 2019 der "Hannoverschen Allgemeinen".

1987: "Franz Beckenbauer is great."

Ein schlauer Boxer, gute Botschafter und enttäuschte Falken

Gute Botschafter: Die deutsche Nationalmannschaft besucht am 23. März 1987 die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Foto: imago-images/sportfotodienst

In den vergangenen Jahren fiel Franz Beckenbauer eher weniger als großer Diplomat auf ("Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen"). Als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft bewies der "Kaiser" vor 34 Jahren deutlich mehr Fingerspitzengefühl. Am 25. März fand in Ramat Gan das erste Länderspiel zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland statt. "Wir sind hier, um den deutschen Fußball zu repräsentieren. Wir machen keine Politik. Aber das Spiel ist eine gute Gelegenheit, über den Sport mehr Freundschaft zwischen Israel und Deutschland zu stiften", zitierte die HSt Beckenbauer am 24. März.

Die 90 Minuten auf dem Rasen endeten durch Tore von Olaf Thon und Lothar Matthäus mit einem 2:0-Sieg für den Vize-Weltmeister. Mehr Eindruck hinterließ die deutsche Delegation abseits des Spielfelds. "Die Fußballer und die DFB-Funktionäre erwiesen sich als überraschend gute Botschafter der Bundesrepu

blik", kommentierte die HSt am 27. März. Besonders der auf Initiative der deutschen Seite zustande gekommene Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem kam im Gastgeberland gut an. "Wir können die Vergangenheit nicht vergessen, aber diese Geste ist eine weitere Passage unserer inzwischen guten Beziehungen", sagte der israelische Fußball-Verbandspräsident Saul Swiri.

Zum Abschluss der einstündigen Gedenkfeier zu Ehren der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus legten Matthäus und Klaus Allofs einen Kranz nieder. "Für mich war es, als ob ich Blumen auf das Grab eines Verwandten legte", fand der Stürmer des 1. FC Köln "die richtigen Worte", wie die HSt konstatierte.

"Das wichtigste Spiel fand nicht im Stadion statt, sondern in Yad Vashem", schrieb die israelische Tageszeitung "Yedioth Ahronoth". Simpler formulierte es ein junger Israeli, der die deutschen Besucher an der Klagemauer traf: "Franz Beckenbauer is great."

2012: Aus 3:0 wird 3:4 - Falken verspielen Halbfinalteilnahme

Ein schlauer Boxer, gute Botschafter und enttäuschte Falken

Playoff-Aus 2012 für Torsten Fendt und die Falken. Foto: Archiv/Veigel

"Aus der Traum", titelte die HSt am 28. März. " Es darf wieder rasiert werden. Die Bärte können weg", schrieb Andreas Öhlschläger einleitend über das neuerliche Aus der Heilbronner Falken im Playoff-Viertelfinale. 

Als Zweiter der Hauptrunde war das Team von Trainer Rico Rossi klar favorisiert in die Serie gegen die Ravensburg Towerstars gegangen. 3:0 führten die Unterländer bereits, nur ein Sieg fehlte noch zum Halbfinaleinzug. Doch der gelang vier Mal in Folge nicht. Mit 1:4 ging das entscheidende siebte Spiel in Heilbronn verloren. "Was machen wir denn jetzt? Ich kann doch nicht nach Hause fahren? Das kann doch nicht sein", sagte der fassungslose Falken-Goalie Domenic Bartels.

Öhlschläger kommentierte am 29. März: "Es war die beste Mannschaft der vergangenen zehn Jahre. Sie hatte viel mehr drauf als ein Viertelfinal-Aus." Rossi räumte ein: "Ich muss mehr auf meine Instinkte hören." Manager Ernst Rupp schaute bereits wieder nach vorne: "Ich will endlich mal was Großes erreichen, das Endspiel, die Meisterschaft."

Seitdem gelang dem Club nur noch zwei Mal die Qualifikation für die Playoffs. Am dritten Mal wird noch gearbeitet.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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