Ein Blutspiel, ein Tirolerhut und Christoph Daum in Untereisesheim

Sportgeschichte  Das Blutspiel von Melbourne, das Abschiedsspiel von Johan Cruyff und das einmalige Gastspiel des einstigen VfB-Trainers Christoph Daum in Neckarsulm bestimmten das Sportgeschehen in der 46. Kalenderwoche vor 28, 42 und 64 Jahren.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen.

1956

Wasserballer Ervin Zador verlässt 1956 blutend das Becken.

Es ging als Blutspiel von Melbourne, in die Geschichte ein. In der Heilbronner Stimme gab es über das legendäre Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion indes nichts zu lesen.

Dabei wurde im Vorfeld ausführlich über die Auswirkungen der sowjetischen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands auf die ersten Olympischen Sommerspiele im Winter berichtet. "Ungarn entfernten die kommunistische Flagge", titelte die Stimme am 13. November. Das ungarische Team hatte im Olympischen Dorf die kommunistische Flagge des Landes in Stücke gerissen sowie die "Embleme Hammer und Sichel von ihrer Wettkampfkleidung entfernt".

Vielleicht lag es an der komplizierten und teuren Berichterstattung via Fernschreiber, dass die Ereignisse des 6. Dezember keinen Eingang in die Stimme fanden. Am Nikolaustag fand das olympische Halbfinale im Wasserball statt. Die Stimmung war aufgeheizt, unter den 5500 Zuschauern befanden sich viele Exil-Ungarn, die ihr Team mit "Hajrá Magyarok"-Rufen ("Vorwärts Ungarn") anfeuerten. Das Spiel wurde brutal geführt. Kurz vor Schluss - Titelverteidiger Ungarn führte mit 4:0 - schlug Walentin Prokopow zu.

Der zweifache Torschütze Ervin Zador stieg mit einer stark blutenden Wunde aus dem Becken. Die Polizei musste die wütenden Zuschauer bändigen, die Partie wurde abgebrochen und für Ungarn gewertet, die einen Tag später gegen Jugoslawien Gold holten. Acht Spieler des Team kehrten vorsorglich nicht nach Ungarn zurück, sondern beantragten politisches Asyl, wie die Stimme am 10. Dezember berichtete.

"Die beste nie erzählte Geschichte", nannte Quentin Tarantino das Blutspiel von Melbourne. Als Co-Produzent unterstützte der Regisseur den Dokumentarfilm "Freedom"s Fury" zum 50-jährigen Jubiläum 2006.

1978

Tirolerhut für den König
Ein Tirolerhut für den König.

Die Bayern erwiesen sich als echte Spielverderber beim Abschied von König Johan. "FC Bayern machte sich in Amsterdam unbeliebt", titelte die Stimme am 9. November. "Beim Cruyff-Abschiedsspiel wollte Ajax die Show - die Münchner den Sieg." Kann man wohl sagen: Mit 8:0 fegte der deutsche Rekordmeister das niederländische Pendant vom Platz. Oder wie es die Stimme martialisch formulierte: "Stur wie ein Panzer walzten die in Hochform befindlichen Bayern das ganz auf Schau und Schonung gestimmte Ajax-Team zu Mus." Der viermalige Torschütze Paul Breitner frohlockte: "Wir haben hiermit international bewiesen, dass wir wieder im Kommen sind."

Die holländische Presse war weniger begeistert: "Bayern München verdarb den Festabend", schrieb das "Algemeen Dagbald". Selbst einen Bayernspieler nahm das Geschehen mit: "Mir schossen die Tränen in die Augen, als Johan das Feld verließ. Ich fand es furchtbar - jemand mit so viel Verdiensten um den Fußball hätte einen besseren Abschied verdient", sagte Cruyffs Landsmann Martin Jol.

Und König Johan selbst? Nahm die höcStimmee Niederlage seiner Karriere gelassen und flüchtete sich in Galgenhumor: "Es ist schade, aber weh tut's nicht. Die Zuschauer hatten immerhin was für's Geld: Acht Tore - nur dass sie nicht ganz so glücklich verteilt waren."

1992

"Was war los in Untereisesheim", fragte die Neckarsulmer Stimme am 11. November, "die halbe Gemeinde auf den Füßen, Autoschlangen Richtung Neckar?" Die Antwort: der Meistertrainer des VfB Stuttgart war da. "TSV Untereisesheim im Bann von Christoph Daum", lautete die Schlagzeile.

Tirolerhut für den König

Christoph Daum (3.v.l.) in Untereisesheim: Der in zeitgenössische Ballonseide gehüllte Heinz Busch (re.) hatte den Besuch des VfB-Coachs ermöglicht.

Foto: privat

"Das war ein Glückstreffer für uns", sagt Heinz Busch, damals Jugendtrainer beim TSV und Initiator des Besuchs. Eigentlich hatte er nur einen Spieler für eine Autogrammstunde erwartet und nicht den Chefcoach für einen ganzen Abend. "Erst ist er total arrogant aufgetreten. Doch schon beim Training mit den Kindern war er super hoch Drei. Im Sportlerheim haben wir später noch bis drei Uhr morgens gesessen und geplaudert", erinnert sich Busch. Daum interessierte sich für die Arbeit des Berufsschullehrers, besonders im Bezug auf schwierige Jugendliche. "Wohl nicht zuletzt, weil seine damalige Frau Sonderpädagogin war", sagt Busch.

Besonders für den Fußballnachwuchs, darunter auch Buschs Sohn Marcel, heute Trainer des Oberligisten Neckarsulm, eine bleibende Erinnerung.

Hansis Anruf

"Hansi war geschockt", schrieb die Stimme am 13. November 1978. "Wo ist ein Telefon? Ich muss unbedingt Bundestrainer Jupp Derwall anrufen", wird Hansi Müller zitiert. Was war los? Der Nationalspieler des VfB Stuttgart hatte im Bundesligaspiel gegen den VfL Bochum nach einem Gerangel mit Walter Oswald die Rote Karte gesehen. Nach damals geltender Regel war der Jungstar damit für das Länderspiel drei Tage später gegen Ungarn gesperrt. "Ich kann den Platzverweis wirklich nicht verstehen", teilte der 21-Jährige dem Bundestrainer zerknirscht mit. Doch der DFB machte keine Ausnahme für den schönen Hansi. Viel verpasst hat er im Nachhinein nicht. Das Spiel im Frankfurter Waldstadion wurde beim Stand von 0:0 in der 60. Minute wegen Nebels abgebrochen. son

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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