Als der DSF-"Doppelpass" mit Kaiser Franz in Neckarsulm zu Gast war

Sport  In unserer Serie zum Sportgeschehen in vergangenen Zeiten sind wieder interessante Geschichten aufgetaucht. Es geht um den ersten Rücktritt des Fußball-Rockstars George Best, fliegende Sport-Größen und Wontis gierige Züge.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 20. Kalenderwoche vor 49, 33 und 16 Jahren?

1972: Die Sätze klingen wie die eines Rockstars jener Zeit. "Im letzten Jahr habe ich nur noch getrunken. Ich habe alles geschluckt, was ich bekommen konnte." Oder: "Ich fürchtete die Verrückten, die mich 24 Stunden am Tag anriefen und mir mit dem Tod drohten, ich fürchtete die Mädchen, die noch nachts um drei Jagd auf mich machten." Es folgten die entscheidenden Sätze: "Es ist aus. Endgültig. Ich habe mich entschieden, aufzuhören, bevor der Fußball mich umbringt."

Der "Belfast-Boy" George Best zu seinen besten Zeiten. Foto: Archiv/dpa

Der hier am 23. Mai in der Stimme zitiert wird, ist George Best. "Der Playboy des Fußballs hört auf", lautete die Dachzeile des dazugehörigen Artikels. Mit gerade einmal 26 Jahren fühlte sich der nordirische Stürmerstar von Manchester United am Ende. Statt zum Länderspiel nach Schottland zu reisen, verkroch sich das "Enfant terrible" in einem Hotel im spanischen Marbella. Dort erklärte er gegenüber britischen Reportern seinen Rücktritt: "Ich weiß, dass ich nie wieder in der Lage sein werde, das zu bringen, womit ich mir meinen Namen gemacht habe. Ich habe mit 26 meinen Leistungszenit überschritten."

Dem Alkoholismus früh verfallen

Mit dieser Aussage behielt er recht, obwohl er bereits neun Monate später sein Comeback feierte und erst in den frühen 1980er Jahren seine Profikarriere tatsächlich beendete. Seit er als 17-Jähriger in der Premier League debütierte, hatte Best - wahlweise "fünfter Beatle" oder "Belfast Boy" oder liebevoll "Georgie" genannt - einen kometenhaften Aufstieg hingelegt. 1968 gewann er mit ManU den Europapokal der Landesmeister und wurde zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Bereits in dieser Zeit verfiel Best dem Alkoholismus, der letztlich auch zu seinem frühen Tod im Alter von 59 Jahren 2005 führte.

1988: Per Privatjet war Juan Antonio Samaranch nach Leverkusen geflogen. Der IOC-Präsident wollte live dabei sein, wenn sein Herzensverein Espanyol Barcelona den "Uefa-Pokal abholt", wie Trainer Javier Clemente großspurig ankündigte. Der Optimismus der Spanier war nach dem 3:0-Hinspielsieg im Uefa-Pokal-Finale gegen Bayer Leverkusen durchaus berechtigt.

Doch es kam anders. Tita, Falko Götz und Bum-kun Cha glichen für die lange als "Pillendreher-Club" geschmähten Leverkusener aus, im Elfmeterschießen behielt Bayer mit 3:2 die Oberhand. "Von solchen Tränen konnten wir nur träumen - von Freudentränen", stammelte ein überwältigter Präsident Gert-Achim Fischer auf der Tribüne. "Triumph, Tanz und Tränen - Leverkusen steht kopf", titelte die Stimme am 20. Mai. Sogar von "südländischer Begeisterung" war nach dem Uefa-Pokal-Sieg die Rede.

Ein Blick zurück in die Historie: südländische Nacht in Leverkusen

Sieht aus wie auf dem Dorf, ist aber die Bayer-Kabine, in der (v. li.) Knut Reinhardt, Christian Schreier und Klaus Täuber den Uefa-Pokal füllen. Foto: imago-images/Sven Simon

Versehen allerdings mit einer kleinen Spitze in Richtung der üblicherweise eher trostlosen Stimmung: "Das Ulrich-Haberland-Stadion erlebte am Mittwochabend zwei große Sieger: Bayer Leverkusen und - erstmals - auch sein Publikum", hieß es in der Stimme am 19. Mai. Und was sprach der große Spanier, bevor er wieder im Privatjet davonflog? "Uns widerfuhr Tragik, Leverkusen ein Triumph. Allen gebührt Respekt", urteilte Samaranch salomonisch.

2005: Zwar nicht mit dem Privatjet, aber zumindest mit dem Hubschrauber schwebte der Kaiser in Neckarsulm ein. Zur Eröffnung des Audi-Forums war der damals noch vom DSF übertragene "Doppelpass" zu Gast im Unterland. Neben Franz Beckenbauer diskutierten am Sonntagmorgen Udo Lattek, Horst Köppel, Oliver Welke und der langjährige "Kicker"-Chefredakteur Rainer Holzschuh. "Moderator Jörg Wontorra saugte in den Werbepausen immer wieder gierig an seiner Zigarette", hatte Stimme-Redakteur Markus Voss am 22. Mai aufgepasst.

Köppel will nicht von allen Opa Horst genannt werden

Inhaltlich ging es um Köppels Trainer-Engagement bei Borussia Mönchengladbach. Der Boulevard hatte den 57-Jährigen als "Opa Horst" tituliert. "Opa bin ich nur für meine drei Enkel", konterte der gebürtige Stuttgarter. Der VfB war auch ein großes Thema. Unter Trainer Matthias Sammer hatten die Schwaben gerade die bereits sicher geglaubte Champions-League-Teilnahme verspielt. "In dieser Truppe voller Egoisten kocht jeder sein eigenes Süppchen", polterte "Doppelpass"-Dauergast Lattek.

Ein Blick zurück in die Historie: südländische Nacht in Leverkusen

Der "Doppelpass" zu Gast in Neckarsulm: (v. li.) Udo Lattek, Rainer Holzschuh, Jörg Wontorra, Oliver Welke, Horst Köppel und Franz Beckenbauer. Foto: Archiv/Schmerbeck

Dessen früherer Schützling Beckenbauer watschte genüsslich Bayern-Neuzugang Ali Karimi ab. "Ich habe ihn gesehen. Er hat alle schwindelig gespielt. Nur das Tor trifft er nicht." Tatsächlich sollte es der Iraner in 33 Spielen im Bayern-Trikot auf ganze drei Tore bringen. Nach dieser wegweisenden Einschätzung entschwebte der Kaiser in Richtung St. Leon-Rot. Zum Golfspielen mit Dietmar Hopp.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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