Als die Welt über ein Skandal-Tor sprach und Boris die Tennisbühne verließ

Sportgeschichte  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen großen Fundus spannender Geschichten. Ein Blick zurück offenbart das Sportgeschehen in der 26. Kalenderwoche vor 21, 34 und 49 Jahren und so manch unvergessenen Moment von Tennislegende Boris Becker oder Fußballstar Diego Maradona.

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Hatte Hollywood-Format, war aber Südfrüchtehändler und kein Schauspieler: Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas.

Fotos: imago-images (2), dpa

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 26. Kalenderwoche vor 21, 34 und 49 Jahren?

 

1971: "In dem Augenblick, in dem Geld gezahlt wurde, fing es an." Mit diesen Worten kommentierte Alt-Bundestrainer Sepp Herberger den Bundesligaskandal.

Schon sein Auslöser war filmreif: Auf einer Gartenparty anlässlich seines 50. Geburtstages präsentierte der Präsident der Offenbacher Kickers, Horst-Gregorio Canellas, seinen verblüfften Gästen Telefonmitschnitte, in denen über Spielmanipulationen und Schmiergeldzahlungen im Abstiegskampf verhandelt wurde. Innerhalb weniger Tage erwuchs aus der "Bestechungs-Affäre" (8. Juni) auch in der Berichterstattung der Heilbronner Stimme der "große Skandal des deutschen Fußballs (11. Juni). Bereits am 18. Juni erhob der DFB-Kontrollausschuss Anklage gegen den Kölner Torhüter Manfred Manglitz, die Hertha-Spieler Bernd Patzke und Tasso Wild, aber auch gegen Canellas und Absteiger Offenbacher Kickers.

"Der Pfeil wurde für Canellas zum Bumerang", schrieb die HSt am 19. Juni. Es sprach schließlich viel dafür, dass der "besessene Vereinsfanatiker" die "Eiterbeule" nur wegen des "nicht einkalkulierten Abstiegs" seiner Offenbacher aufstach. Im Gespräch mit der Stimme kündigte DFB-Chefankläger Hans Kindermann am 24. Juni an: "Ich zweifle nicht daran, dass noch weitere Anklagen dazukommen."

Der Direktor des Stuttgarter Landgerichts behielt recht. Insgesamt wurden in den folgenden vier Jahren 53 Spieler, zwei Trainer und sechs Vereinsfunktionäre zu Sperren und Geldstrafen verurteilt. Offenbach und Bielefeld bekamen die Lizenz entzogen. Sein eigentliches Ziel - den Verbleib der Kickers in der Bundesliga- hatte der "Agent provocateur" Canellas also verfehlt.

Diego Maradona schrieb Fußballgeschichte 

In dieser Woche vor 21, 34 und 49 Jahren: Diego Diabolo und die Hand Gottes

Legendäres Tor: Diego Armando Maradona (li.) bugsiert den Ball gegen Englands Torwart Peter Shilton mit der Hand ins Netz.

1986: In nur drei Minuten des WM-Viertelfinalspiels gegen England schrieb Diego Maradona zwei Kapitel Fußballgeschichte. In einem verkörperte er den "neapolitanischen Gauner", im anderen das "anerkannte Genie", wie Klaus von Elmpt am 24. Juni in der HSt schrieb: "Fußball und Falschspielerei in absoluter Perfektion - komprimiert auf eine Länge von 180 Sekunden."

Es stand noch 0:0 im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt, als Englands Verteidiger Steve Hodge in der 51. Minute eine Kerze schlug, Keeper Peter Shilton und der 20 Zentimeter kleinere Maradona sprangen zeitgleich zum Ball, den der argentinische Kapitän mit seiner linken Hand ins Tor bugsierte. "War es die Hand des Teufels, oder die Hand Gottes?", fragte ihn hinterher ein italienischer Journalist. Maradona antwortete: "Un poco con la cabeza de Maradona y otro poco con la mano de Dios" - ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes.

WM-Tor des Jahrhunderts 

Englands Trainer Bobby Robson zürnte: "Sein erste Tor war grausam - das war Handball. Das war ungesetzlich." Doch angesichts Maradonas zweiten Treffers - der später zum WM-Tor des Jahrhunderts gekürt wurde - geriet auch Robson ins Schwärmen: "Ein Wundertor. Ein fantastisches Tor, er hat meine ganze Abwehr einfach stehen lassen".

Von der Mittellinie aus umdribbelte der kleine Diego die gesamte englische Hintermannschaft samt Keeper Shilton und schob den Ball zum 2:0 ein. "Diego Diabolo: Ganz England schwindelig gespielt und doch einen erheblichen Teil des Erfolgs erschwindelt", fasste von Elmpt die Ereignisse zusammen.

Das letzte Match 

In dieser Woche vor 21, 34 und 49 Jahren: Diego Diabolo und die Hand Gottes

Letzter Auftritt in seinem Wohnzimmer: Boris Beckers Wimbledon-Abschied.

1999: Das letzte Match seiner Karriere war für Boris Becker ernüchternd. Trotzdem riss sich der Heißsporn in seinem "Wohnzimmer" Wimbledon zusammen, fluchte nicht, haderte nicht, schmiss keine Schläger.

Nach 1:45 Stunden ließ Patrick Rafter mit seinem zweiten Matchball zum 6:3, 6:2, 6:3-Sieg den letzten Vorhang hinter dem Leimener fallen. "Auf dem Centre Court in Wimbledon, wo der Weltklassespieler Boris B. 1985 geboren wurde, schließt sich 14 Jahre später der Kreis", kommentierte Jürgen Paul in der HSt am 1. Juli.

Stehende Ovationen zum Abschied 

Selbst die Herzogin von Kent verbeugte sich vor "King Boris" (Daily Mail), das Publikum dankte dem Deutschen mit stehenden Ovationen für unvergessliche Matches. "Heute war es klar und deutlich, dass es Zeit wird aufzuhören", sagte der Protagonist nach seinem Achtelfinal-Aus selbstkritisch.

Den ursprünglich geplanten Abschied von seinen Fans beim Turnier drei Wochen später am Stuttgarter Weissenhof sagte Becker kurzerhand ab. "Statt sich in Stuttgart-Weissenhof in Runde eins von einem Sandplatzspezialisten in Rente schicken zu lassen, wählte Becker die Stätte seiner größten Triumphe, um von der Tennisbühne abzutreten", befürwortete Paul in der HSt diese Entscheidung.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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