Die Tournee im Wandel der Zeit

Sportgeschichte  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Für die 53. Kalenderwoche gibt es ein Vierschanzentournee-Spezial.

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1964 nicht weniger beeindruckend als heute: Beim Sprung von der Bergiselschanze liegt Innsbruck den Adlern der Lüfte − hier Dieter Bokeloh aus der DDR − zu Füßen.

Foto: imago images/sportfotodienst

Wie wurde über die Vierschanzen-Tournee vor 57, 38 und 17 Jahren berichtet?

1963: Die HSt-Schlagzeile vom 30. Dezember verwirrt zunächst: "Nur Max Bolkert brach in die ostdeutsche Skispringer-Phalanx ein". Denn das Auftaktspringen in Oberstdorf gewann der norwegische Düsenjäger-Pilot Torbjørn Yggeseth vor dem Finnen Antero Immonen und dem Russen Pjotr Kowalenko - Bolkart wurde Vierter. Die DDR-Springer um den dreimaligen Tournee-Sieger Helmut Recknagel durften bei den Springen in der BRD gar nicht antreten. Als Reaktion auf den Mauerbau hatten der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee 1961 in den sogenannten Düsseldorfer Beschlüssen die Teilnahme von DDR-Sportgruppen bei Sportveranstaltungen in der Bundesrepublik verboten.

Die Schlagzeile bezog sich folglich auch gar nicht auf die Tournee, sondern auf die parallel ausgetragene innerdeutsche Olympia-Qualifikation. Die wurde verrückterweise auch in Oberstdorf und Garmisch sowie in Oberhof und Klingenthal ausgetragen. Nach den ersten beiden Springen waren vier Springer aus der "Sowjetzone" unter den Top fünf zu finden. "Trainer Ewald Roscher fand keine Erklärung, für diese ungewöhnlich schwachen Ergebnisse", schrieb die HSt.

"Dass Deutsche gegen Deutsche kämpfen müssen, wenn auch nur im Sport, unter verschiedenen Flaggen, das ist so unfasslich, so wider jede Vernunft, dass die Leute es schon gar nicht mehr empfinden. Darin liegt die Gefahr: Man wird es gewöhnt, dass die Mauer zwischen Ost und West Wirklichkeit ist, man erkennt sie an", warnte Stimme-Sportchef Lothar Strobel am 28. Dezember in seiner Kolumne.

Die Tournee gewann der Finne Veikko Kankkonen, obwohl er in Oberstdorf nach einem Sturz nur Rang 26 belegt hatte. Der 23-jährige Sportlehrer siegte jedoch in Garmisch und Innsbruck, wo er vier Wochen später auch Olympiasieger von der Normalschanze wurde und Silber auf der Großschanze holte. Das fünfköpfige gesamtdeutsche Skisprungteam - darunter vier DDR-Sportler - ging leer aus.

 

Die Tournee im Wandel der Zeit

2003 außer Form: Sven Hannawald (li.) und Martin Schmitt.

Foto: imago images/SE

1982: "Ohne Sponsor gäbe es keine Springertournee", titelte die HSt am 29. Dezember vor dem Auftaktspringen in Oberstdorf. "Die Gesamtkosten betrugen im letzten Winter ca. 800 000 DM. Die Einnahmen beliefen sich hingegen auf 400 000 DM", rechnete die Stimme vor. Erst ein nach "umfangreichen Verhandlungen" und "mit erheblich verbesserten Bedingungen" ausgehandelter Vertrag mit Intersport ermöglichte die weitere Durchführung des Traditionswettbewerbs.

Für Wirbel beim Auftakt in Oberstdorf sorgten drei Springer mit verbotener Werbung auf den Handschuhen. DSV-Funktionär Heinz Krecek forderte deren Disqualifikation, die internationale Jury lehnte die Anträge jedoch ab. "Ich lasse mich doch nicht als Trottel behandeln", schimpfte Krecek, besser bekannt unter seinem Spitznamen "Idi Alpin", am 31. Dezember in der Stimme.

Ach ja - gesprungen wurde auch. In Oberstdorf überraschte der deutschstämmige Kanadier Horst Bulau, in Garmisch triumphierte Topfavorit Armin Kogler aus Österreich. "Glück, Nerven und ein Zehntelpunkt" titelte die HSt am 3. Januar zum spannenden Neujahrsspringen. Tourneesieger wurde letztlich aber der Finne Matti Nykänen - vor einem gewissen Jens Weißflog, der in den darauffolgenden beiden Jahren ganz oben auf dem Treppchen stand.

 

2003: Im Mittelpunkt des Interesses standen zwei Randfiguren. Sowohl Martin Schmitt als auch Sven Hannawald hatten mit der Tournee-Entscheidung nichts zu tun. "Die Vorzeige-Skispringer Schmitt und Hannawald rätseln über die Gründe ihres Absturzes", titelte die HSt am 31. Dezember nach den Rängen 18 (Hannawald) und 27 (Schmitt) in Oberstdorf.

Die Tournee im Wandel der Zeit

Fit machen für den weitesten Sprung: Armin Kogler (re.) gewann das Neujahrsspringen in Garmisch 1983.

Foto: imago images/Horstmüller

Mit den Rängen neun und 22 wurde es in Garmisch auch nicht wesentlich besser für das Duo. Das ließ sich schon an der neuen Sport-Währung, den TV-Quoten ablesen. "RTL hat gemerkt, was passiert, wenn die inszenierten Helden straucheln", kommentierte Uwe Ralf Heer am 2. Januar den Zuschauerschwund. Durchschnittlich 7,7 Millionen vor den Fernsehern waren natürlich trotzdem noch gewaltig für den Kölner Privatsender, der Skispringen in den vorangegangenen Jahren zum Hochglanzprodukt stilisiert hatte.

"Das Feuerwerk eines Namenlosen" - wie die HSt am 2. Januar über den dritten Platz von Georg Späth in Garmisch titelte - zündete jedoch nicht wie die beiden Posterboys in den Jahren zuvor. Die mussten sich trotz ihrer mäßigen Leistungen zumindest keine finanziellen Sorgen machen, wie die Stimme am 3. Januar im Artikel "Die Vorzeige-Adler kassieren fürstlich" aufzeigte.

Die Tour gewann übrigens Sigurd Pettersen - als erster Norweger seit 30 Jahren.

Bitte keine Flutlichspiele - wegen der Gesundheit

"Es gibt nichts Unnatürlicheres, als einen Fußballkampf in die Nacht zu verlegen", hieß es im Sport-Streiflicht vom 28. Dezember 1963. Zwar gestatte Lothar Strobel einige Ausnahmen, "im Hochsommer etwa, wenn man tagsüber 30 und mehr Grad Hitze hat" oder "wenn die Terminnot zu Wochentagsspielen zwingt". Die Sorge des Stimme-Sportchefs galt der Gesundheit der Leserschaft: "Es ist genug, wenn die Leute durch Spätübertragungen des Fernsehens nicht zu Bette finden." Sein Rat: "Mehr Schlaf, Leute, und ihr bleibt gesünder! Ab und zu mal voll ausschlafen - und man wiegt die Rechnung für einen Mediziner und eine Reihe teurer Medikamente auf!" 

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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